Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT iHillM^ Seit« Ii auch gegen Avram die Klage erhoben, daß er sich den deutschen Truppen ergeben hat. Vor 5 Jahren verurteilte ihn das Jassyer Kriegsgericht wegen Desertion zu 5 Jahren Zwangsarbeit. Gegen dieses Urteil legte er nach Verbüßung der Strafe Berufung ein, die nun vor dem Czcrnowitzer Kriegsgericht zur Entscheidung stand. Der Angeklagte sagte aus: Ich war dem . „J u d e u p 1 u t o n" zugeteilt, das, wie die übrigen Judenplutons, dazu ausersehen war, den Rückzug der rumänischen Armee zir decken und sich dem Feuer des Feindes auszusetzen. Wir mußten stehend schießen und konnten uns nicht decken. Während alle anderen jüdischen Kameraden fielen, wurde ich plötzlich von deutschen Soldaten umzingelt und gefangen genommen. Nach zwei Jahren der Gefangenschaft wurde ich entlassen. Ich meldete mich sofort bei meinem Regiment. Mau reihte mich wieder ein und ich nahm an den Kämpfen gegen die Bolschewisten teil. Wäre ich Deserteur gewesen, so hätte ich sicherlich nicht den Weg zu der Armee zurückgefunden. Die militärischen Vorgesetzten von Avram stellten ihm das beste Zeugnis aus. Er sei ein arbeitsamer und pflichttreuer Soldat gewesen, der jeden Befehl ausführte. Advokat Dr. B a s i 1 i u, der den Zug kommandierte, dem Avram vor seiner Gefangennahme durch die Deutschen zugeteilt war, sagte aus: Avram gehörte dem sogenannten „J udenpluto n" an. Es existierten mehrere Plutons, die ausschließlich aus Juden bestanden. Diesen Plutons wurde au dem kritischen Tage der Befehl gegeben, in die Feuerlinie zu gehen, um den Rückzug rumänischer Armeeteile zu decken. Von den hundert jüdischen Soldaten, die dem Pluton Avrams angehörten, sind damals nur 21 zurückgekehrt, die übrigen sind, von den deutschen Kugeln zerfetzt, auf dem Schlachtfeld geblieben. Nur Avram wurde vermißt. Es war finstere Nacht, und Avram hat wahrscheinlich die Orientierung verloren. Denn es ist sehr schwer, während des Kampfes zu desertieren. Diese Aussage wurde von dem gewesenen Kompagnickommandanten Major D i m i t r i u vollkommen bestätigt. Der Verteidiger, Advokat Rodos hielt dem Major Dimi tritt vor. daß er vor fünf Jahren durch ungünstige Aussagen die harte Verurteilung Avrams verschuldet habe. Dimitriu habe starke antijüdische Neigungen. Es ist aber auch Tatsache, daß sämtliche dem „Pluton evreesk" (jüdischen Hundertschaft) angehörenden Soldaten, die an den gefährlichsten Stellen verwendet wurden, bei jeder geringsten Absentierung als Deserteur bezeichnet und behandelt worden sind. Das Czernowitzer Kriegsgericht sprach Lungu Avram frei. Zum ersten Male wurde vor einem Gericht amtlich die von rumänischen amtlichen Personen bisher geleugnete Tatsache festgestellt, daß im Kriege sogenannte jüdische Plutons geschaffen wurden, deren besondere Aufgabe es war, die Rückzüge der rumänischen Armee zu decken und sich dabei aufreiben zu lassen. Bekanntlich wurde vor kurzem der Versuch gemacht, auch jetzt noch innerhalb der rumänischen Armee eigene jüdische Bataillone zu bilden; der Versuch scheiterte an dem einmütigen Protest der gesamten jüdischen Meinung. Im Kriege aber mußten die Juden für Rumänien herhalten! „Das edle deutsche Blut." Am 29. April jährte sich zum zehnten Male der Todestag des Dichters Otto Braun, des Sohnes der bekannten Schriftstellerin Uly Braun und des jüdischen Politikers Heinrich Braun. Der „Frühvollendete" hat sich im Kriege vom internationalen Idealisten zum nationalen Deutschen entwickelt. Der Münchener „Völkische Beobachte r", der nicht umhin kann, Otto Braun zu würdigen, anderseits aber auch seinen Rassenstandpunkt nicht aufgeben will, hilft sich so aus dem Dilemma: Wir können augenblicklich nicht feststellen, ob der Vater des Gefallenen, der marxistische Reichstagsabgeordnete Otto (soll heißen: Heinrich) Braun, Jude war oder nicht, jedenfalls ist in seinem Sohn das edle deutsche Blut großväterlicherseits, des Generals von Kretschmann, durchgedrungen. Wäre Braun dagegen z. B. als Revolutionär gefallen, so würde natürlich das minderwertige jüdische Blut in ihm „durchgedrungen" sein ... Nach deutschvölkischen Vorbildern. In C h r z a n 6 w (W e s t g a 1 i z i e n) erkletterten einige Rohlinge am 2. Mai nachts die Mauern des jüdischen Friedhofes. Sie warfen 40 Grabsteine um und verwüsteten die Ruhestätten der Toten bis zur Unkenntlichkeit. Für Dienstag, den 8. Mai, war ein Fasttag der Gemeinde vorgesehen, an welchem sämtliche jüdischen Geschäfte auf drei Stunden geschlossen waren. Die Gemeindemitglieder — etwa 40 Prozent der gesamten Bevölkerung — begaben sich zu Trauergebeten in die Synagogen. Ob es der Polizei gelingen Hritr i Itföl WIEN SeltenstetUngasse 2 Tel. 68-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. 98-0-85 wird, die Rowdies, die den deutschvölkischen Helden nachgeahmt haben, zu ergreifen, ist fraglich. Bemerkenswert ist, daß hier ein zur Zeit noch benutzter Friedhof angegriffen worden ist, während sonst zumeist nur die geschlossenen Friedhöfe geschändet wurden. Italiens Sehnsucht nach Palästina. Im heutigen Italien Mussolinis, schreibt „Diplom at i c u s" im Frankfurter „Jüdischen Wochenblatt'*, träumt man davon, die ganze Welt für den Fascismus zu erobern. Nicht nur aus Prestigegründen, sondern weil man fühlt, daß ein Machtgedanke nur Bestand hat, wenn er expansiv ist, wenn er sich vertikal und horizontal weitet. Da die Verteilung Europas bereits vor sich ging (wobei Italien sicherlich nicht schlecht wegkam), so strebt man nach neuem Besitz im nahen Afrika und nahen Asien. Von Zeit zu Zeit tauchen in den italienischen Zeitungen die Aspirationen Italiens auf Palästina auf. Mit Lockungen und schönen Hoffnungen will man die Freunde Palästinas dafür gewinnen, daß Italien das Mandat vom Völkerbund erhält. Da in der jüdischen Politik alles Unmögliche möglich ist, gibt es auch Menschen, die glauben, unter italienischer Herrschaft könnte Palästina alle Krisen überwinden und einer besseren Entwicklung entgegensehen. Die Militaristen — und an dieser Spezies von Menschen fehlt es nirgends — müssen ja für den Fascismus, der die höchste Verkörperung dieses Ideals bedeutet, schwärmen. Nun, welche politische Auswirkungen dieser Plan für die Welt haben könnte, das zu untersuchen, ist hier nicht der Platz. Für den jüdischen Aufbau in materieller und moralischer Hinsicht aber könnten wir uns kein größeres Unglück denken als die Herrschaft Italiens in Palästina. Ob die Juden Subjekt oder Objekt des Fascismus würden, beides wäre gleich schlimm. Die erste Aufgabe Mussolinis wäre, die Erziehung der jüdischen Jugend zum allein seligmachenden Fascismus und die Vernichtung aller Elemente, in denen eine freiheitliche Regung lebt. Das wäre die Tötung des wahren jüdischen Geistes, des Geistes der Liebe, des Friedens und der sozialen Gerechtigkeit. Und damit würde der ganze Palästinagedanke zu einer häßlichen Karrikatur werden. Gewiß leidet auch England nicht an Sentimentalität, und es ist an realer Macht und nicht an Idealismus erstarkt. Aber England hat aus Klugheit der individuellen Freiheit nirgends Schranken gesetzt und hat nie versucht, den Kolonien den Stempel seiner Kultur gewaltsam aufzudrängen. (Diese Ansicht ist schon nach den neuesten Erklärungen des Obersten Wedgewood einigermaßen zu bezweifeln.) Das neue Italien aber glaubt, nur mit der Eisenrute regieren zu können, und es versteht nicht einmal, seine neugewonnenen Bürger in der nächsten Nähe zu erziehen. Wenn heute schon die Politik in Palästina manchmal ein Unglück ist, so wäre eine fascistische Politik eine Katastrophe. Grabschändung und „vollkommene Verblödung". Vor dem Kölner Schöffengericht hatten sich die Ackergehilfen Peter Schander und Heinrich Ecken wegen Grabschändung zu verantworten. Sie haben im Dezember 1926 auf dem israelitischen Friedhof zu Kerken bei Düren Grabsteine umgeworfen sowie Marmorverzierungen und Einfriedungen der Grabmale beschädigt. Die Angeklagten waren geständig, sie wurden jedoch auf Grund des § 51 freigesprochen, da sie nach dem Urteil des medizinischen Sachverständigen vollkommen verblödet seien und kaum über die geistigen Fähigkeiten eines sechs-, bzw. vierjährigen Kindes verfügen. Also kein kindliches, sondern ein kindisches Gemüt. Die Bloßsteller des Deutschtums. Das tschechoslowakische Postministerium hat einen Erlaß herausgegeben, der die Beförderung österreichischer und deutscher hakenkreuzlerischer Zeitschriften untersagt. Diese Regierungsverfügung muß als ein* empfindliche Beschämung des Deutschtums gewertet werden.