Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT »nnföniM iiüiininiiiiiiiiniiiiiüiHiiiiiiiiiiii t g^te f er&jfentlichustaen der Unicn deutscheeteweicKischev Jude* 'jbftrpathaveitkcittoXrMÖ't ll3i(!/l//.&fWa«B * 7eU/c^:19-2'77 \. Ein „antisemitischer" Minister. Unter dieser Ueberschrift stand jüngst im Grazer antisemitischen „Miene l" .folgende Notiz zu lesen: „Die zionistische (man sieht, der „Michel" merkt in seiner Schlichtheit sofort unsere wahre Tendenz) „Wahrheit" hat in ihrer Folge vom 4. Ostermond (wären wir wirklich zionistisch, so hätten wir niemals eine „Folge vom 4. Ostermond", aber auch so überlassen wir solch liebliche teutsche Bezeichnung getrost dem „Michel") die folgende Merke (um Gottes willen, was ist das schon wieder!) gebracht: „Ernennungen. Der Herr Bundesministers für Handel und Verkehr Dr. Schürft hat den Chefredakteur unseres Blattes Ludwig Hirschfeld zum Beisitzer im Gewerbegerichte, Gruppe VIII., den Oberverwalter des Spitals der Israelitischen Kultusgemeinde Hugo Weiß für die Gruppe X ernannt." — Warum soll der großdeutsche, „antisemitische" Minister Dr. S c h ü r f f seinen Antisemitismus anders betätigen als der ehemalige großdeutsche Minister Waber, der nachweisbar Juden aus Galizien die Option Sur Oesterreich bewilligt hat — obwohl diese nach den Friedensbestimmungen abzuweisen gewesen wäre?" Das ist doch wirklich eine ganz gefährliche Entstellung der Tatsachen, die sich der „Michel" da leistet, nein mehr, das ist eine blutige Ironie für uns Juden. Denn wir erinnern uns doch wohl noch alle — und werden es wohl auf Jahrzehnte hinaus — an die famose Optionspraxis des Herrn Ministers Dr. Waber, die der „Michel" in völliger Umkehrung der Geschehnisse jetzt als nicht antisemitisch hinstellen will. Erst unlängst schrieb darüber Regierungsrat J. K r e p p e l im Hamburger „Israelitischen Familienblatt" folgende Betrachtungen: Es war während der Friedensverhandlungen des Jahres 1919. In Paris, Versailles, St. Gennain usw. saßen die Herren der Welt und würfelten um das Schicksal von Völkern und Ländern. Wilsons 14 Punkte hatten noch nicht allen Wert verloren, und um zumindest den Schein zu wahren, wurde den Besiegten u. a. auch die Verpflichtung auferlegt, die Rechte der nationalen und religiösen Minderheiten zu achten. Die österreichische Republik wurde dazu verhalten, den früheren Bürgern der österreichischen Monarchie, die fair die Staatsbürgerschaft der neuen Republik optieren wollten, diese zu gewähren, wenn sie nur „nach Sprache und Rasse" der Mehrheit der Bevölkerung angehören. In Paris saß damals ein Komitee der jüdischen Delegationen, das sich selbstherrlich dazu ernannt hatte, die Rechte der jüdischen Minderheiten zu wahren, und die Herren dieses Komitees beachteten die Fußangeln nicht, die das ominöse Wörtchen „Rasse" in sich birgt. So kam dieses denn in den Text hinein. Vornehmlich deshalb, weil der Begriff „Nation" im Französischen etwas anderes bedeutet als im Deutschen. Der Franzose versteht unter „Nation" nichts anderes als Staatsbürgerschaft. Jeder französische Bürger ist Mitglied der französischen Nation, mag er Deutscher, Italiener, Engländer von Geburt sein. Die eigentliche nationale Zugehörigkeit in unserem Sinne wird dort mit „la race" bezeichnet. Aus dieser sprachlichen Entgleisung wurde dann für die ehemaligen jüdischen Bürger der Habsburger-Monarchie ein Strick gedreht. Ein Erlaß des damaligen Innenministers, des Großdeutschen Dr. Waber, interpretierte diese Bestimmung des Friedensvertrages dahin, daß selbst Juden, die in Deutsch- Oesterreich geboren, das Deutsche als Umgangssprache pflegen und sich politisch wie kulturell als Deutsche fühlen, dennoch n i c h t für die Staatsbürgerschaft der Republik in Betracht kommen, da sie — „der Rasse nach" — keine Deutschen sind! So wurden denn Tausende ehemaliger österreichischer Bürger ganz einfach staatenlos, mußten polnische, tschechoslowakische, ungarische und rumänische Bürger werden. Es ergaben sieb hierbei ganz merkwürdige und groteske Situationen. Da die Entscheidung bei den UnterbehördiMi lag, kam es vor, daß beispielsweise der Sohn als der „deutschen Rasse" zugehörig anerkannt wurde, wogegen dies dem Vater versagt blieb. Ein Bruder konnte „den Nachweis" er-bringen, Deutscher zu sein, während der andere der deutschen Rassengemeinschaftverwiesen wurde. Und da kommt der „Michel" mit seiner Weisheit und faselt etwas von einer nachweisbaren „Bewilligung der Option für Juden aus Galizien", was nachweisbar eine — Unwahrheit ist. Wie konnte sich nur der Großdeutsche Dr. Waber so sehr den Groll des wirklich antisemitischen „Michel" zuziehen? Nach den deutschen Wahlen. Das deutsche Volk hat gesprochen. Klar und eindeutig. Mit einer überwiegenden Mehrheit hat es sich für die Wahlparole der verfassungstreuen Parteien: Friede nach innen und außen! entschieden. 322 Mandatare wurden auf dieses schöne Programm gewählt, denen nur 170 Abgeordnete gegenüber stehen, die, rechts oder links, auch weiterhin eine Zerstörungspolitik treiben wollen. Besonders schwer aber wurde die Rechte geschlagen. Die deutschnationale, natürlich antisemitische Partei hat beinahe ein Drittel ihres Besitzstandes verloren, nur 73 Mandate konnte sie von ihren früheren 103 retten. Mit dieser bisherigen Mandatsziffer hatte sie sich den Anspruch auf Teilnahme an der Regierung erkauft, aus der sie nunmehr, da sie des Vertrauens des deutschen Volkes verlustig geworden, verschwinden soll. Selbst die Nationalsozialisten haben wenn auch nicht so große Verluste erlitten, mit 12 Abgeordneten kehren sie in den Reichstag zurück, wo bisher ihrer 14 arbeiteten, besser gesagt Lärm schlugen. Wenn auch auf der äußersten Rechten noch neue kleine Splitterparteien mit stark gesteigertem Radikalismus entstanden sind, so können doch die deutschen Juden mit dem Wahlresultat recht zufrieden sein. Erinnern wir uns nur der Stellungnahme der verfassungstreuen Parteien zum Antisemitismus, wie sie von deren prominenten Führern in der imposanten Kundgebung des „Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens1* acht Tage vor den Wahlen entwickelt wurde. Alle vier Redner sprachen sich, wie in unserer letzten Nummer berichtet wurde, entschieden gegen den deutschen Judenhaß aus, auch der Sprecher des katholischen Zentrums verdammte energisch diese Schmach unseres Jahrhunderts, sicherlich unseren österreichischen Christlichsozialen ein leuchtendes Vorbild. Und nun sollen diese vier Parteien als Ergebnis der bedeutsamen Wahlen, bei denen sie beinahe zwei Drittel der Reichstagssitze zu besetzen vermochten, die neue Regierung bilden. Diese wird wohl wieder im Zeichen der Versöhnungspolitik nach außen stehen, wie sie vom großen Rathenau über Locarno zu dem gewichtigen 20. Mai 1928 führt. Die Ver-