Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 iiflitiüitHttüiJtmttiiflHiiniiuiiBinianiüiiiiniiiBninD DIE WAHRHEIT geschrieben im Abschiedsreport des ersten Highkojnmlisiianer Seiner Britischen Majestät „Als ich 1920 den Emek zum estenmai sah, war er eine Wüste .... Kein Haus, kein Baum .... der Emek eine Reihe von Sümpfen, die das ganze Gebiet mit Malaria verseuchten . . ., daß es unmöglich war, an eine landwirtschaftliche Ansiiedlung in diesem Gebiete zu denken." Nur die Imponderabilien konnten Menschen mit Gymnasial- und Hochschulbillduwg veranlassen, den Kampf mit den Sümpfen und der Malaria aufzunehmen. Nicht die Frage nach Rentabilität war es, die die Menschen ausharren, durchhalten ließ, hungernd und fieberkrank. Nicht wirtschaftliche Rechnung, sondern metaphysischer Drang. » Am „Grab des unbekannten Soldaten" ehren die Völker Europas das Gedächtnis ihrer Söhne, die im nutzlosen Kampfe gefallen. Vielleicht wird dereinst ein Künstler auf einen jener kleinen Kolonialfriedhöfe, viteUeiobt auf einem der Hügel ringsum ein Denkmal errichten, dem im Kampfe für die Kultur gefallenen Helden, dem Ohaluz. QICTTß n>. Frau Marianne Hainisch, die Neunzigjährige, die mit wahrhaft jugendlicher — so viele Junge beschäschämender — Begeisterung für alles Gute und Edle, also auch für den Frieden unter den Menschen eintritt, hat vor wenigen Tagen in einer herrlichen Rede den Weltkrieg als das Ereignis gekennzeichnet, „das für alle Zeiten das Schandmal des zwanzigsten Jahrhunderts bleiben wird". Vielleicht wird dieses aus einem mächtigen Idealismus geschöpfte Wort seine ergreifende Wirkung auch auf manchen üben, in dessen Seele der Abscheu vor den Greueln neuer Kriege noch nicht erwacht war. Frau Marianne Hainisch, die Mutter des Präsidenten unserer Republik, hat mit ihrem den menschenmordenden Krieg stigmatisierenden Ausspruch bewußt oder unbewußt — an eine Aeußerung des hochherzigen Kaiser Friedrich erinnert. Als das Volk der Dichter und Denker von Hetzern aufgestachelt, so lange wohlgefällig den Orgien des Judenhasses zuschaute, bis Deutschland den Anspruch erheben konnte, als Geburtsstätte des modernen Antisemitismus zu gelten, erklärte Kaiser Friedrich öffentlich mit dem ihm eigenen Mannesmut: „Der Antisemitismus ist die Schmach des Jahrhunderts." Vielleicht hat Marianne Hainisch mehr Glück mit ihrem Idealismus als Kaiser Friedrich. Der hat nicht einmal seinen eigenen Sohn für seine Ueberzeugung gewonnen. General Auffenberg-Komarow, der unter den höchsten Ehren, die einem ruhmgekrönten Feldherrn im Tode beschieden sein können, zu Grabe geleitet wurde, hat wie wenige die Wandlungen des Geschickes erfahren. Der ehrenhafte Mann war lange Zeit das Opfer böswilliger Verdächtigungen, und es hat nicht viel gefehlt, daß er als ein Diffamierter unter den Verfolgungen seiner Feinde zusammengebrochen wäre. Grauenhaft wirkt es, wenn man das wie Wahnwitz anmutende Detail erfährt, daß unter den Feinden des Generals sich viele befanden, denen schon sein zu jüdisch klingender Vorname Moritz genügte, um von vornherein ein gehässiges Vorurteil gegen ihn zu erwecken. Allerdings muß man zugeben, daß in diesem antisemitischen Wahnsinn Methode liegt. * * * In Graz wurden neulich katholische Studenten, deren Mützen das Mißfallen deutschnationaler „schlagender Burschenschaften" erregte, von diesen auf der Straße überfallen und mißhandelt. Und was verfügte hierauf die hohe akademische Behörde? Sie widerrief die den katholischen Studenten früher gegebene Bewilligung zum Tragen dieser Mützen, weil diese Anlaß zu — Mißverständnissen geben können! Um eventuellen weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, will ich ausdrücklich wiederholen, daß nicht etwa Mützen jüdischer, sondern wirklich und wahrhaftig Mützen katholischer Studenten den Ueberfall seitens deutschnationaler Studenten und die Entscheidung des hohen akademischen Senates veranlaßt hatten! Wer nach solchen Vorfällen es überraschend findet, daß schlagende hakenkreuzlerische Studenten gelegentlich nicht an Mützen, sondern an Nasen Anstoß nehmen, der weiß offenbar noch immer nicht, daß dermalen an den österreichischen Universitäten nicht die Professoren auf die Studenten erziehlich wirken, sondern das Umgekehrte geschieht. » * * Mit Entsetzen liest man in den Blättern der jüdischen Geschichte, wie es möglich ward, daß z. B, die Vertreibung der Juden aus Mähren auf Grund von später als völlig falsch erwiesener Anklagen, dekretiert wurde. Man fragt sich, wie konnte der Haß Menschen so verwirren, daß sie bedenkenlos bereit waren, tausende Unschuldige dem grenzenlosen Elend preiszugeben? Man wird sich hüten müssen, für solche menschheitsschändende Greuel eine Erklärung zu geben, die die Gewissenlosigkeit in solchen Dingen nur den weniger zart besaiteten Männern einer glücklicherweise überwundenen Vergangenheit aufbürdet. Man wird darüber anders denken, wenn man aus der Geschichte unserer Tage erfährt, welche „letzte Mittel" ein deutscher General dem Kaiser Wilhelm zur Rettung empfahl: „Majestät setzen sich — meinte General von Schulenburg — an die Spitze Ihrer Truppen, eilen in Dauermärschen bis ins Rheinland und führen das schon genügend bearbeitete Heer gegen die innere Gefahr. Es wird verbreitet, die Juden hätten dasLand dem Feinde verraten, das Volk an die Feinde verkauft, man wird Majestät zujubeln und über die Rache an den Verrätern vergessen, daß man an Revolution dachte. Inzwischen eilen wir nach Berlin und schaffen Ordnung." Ob dieses „letzte Mittel" dem Kaiser genügt hätte, ist fraglich. Aber daß es genügt hätte, die Juden, von denen Tausende und Abertausende ihr Blut für das Vaterland vergossen hatten, der Wut des Pöbels preiszugeben, ist sicher. Wenn man von den Kriegsplänen eines modernen Generals hört, der, um eine Revolution im Keime zu ersticken, für die Verbreitung der Lüge sorgen will, daß die Juden das Volk dem Feinde verkauft haben, dann wird man auch das richtige Verständnis für manches Ereignis in der alten Geschichte der Juden finden.___Ego._ WecbdJlbctuvMtmfüvDk Waktkdt!