Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEU «iiiliii«^ Mi^^ Seite 1 HOTEL „NATIONAL" m Restaurant Wien II., Taborstraße 18 Telephon Nr. R 44-503 Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warm es Wasser u. Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. VorzUgl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. witz der Weltgeschichte. „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ward zum Eckpfeiler" sagt der Psalmist. * Die Gräber in und um Tiberias, sie bilden eine steinerne Literaturgeschichte der Juden. Rabbi Jochnnan ben Sakkai. Rabbi Akiba Maimonides sind hier begraben. Das Erbe dieser Geistesheroen wird hier weitergepflegt. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung obliegt nur dem Studium der Lehre, lebt von den diesem Zweck« gewidmeten Stiftungen. Die anderen treiben Handel und Handwerk. Und in den Straßen sieht man schon in stattlicher Zahl die junge Arbeiterschaft. * Tiberias wächst. „Khiath Schmuel" heißt das neue Viertel, das oben die Berglehne entlang entsteht, nach dem ersten Oberkommissär Sir Herbert Samuel. Zu beiden Seiten der Straße die neugepflanzte Palmenallee. Von Blumenbeeten umgeben die Kraftstation, nach den Plänen des Berliner Architekten Mendelsohn. Und dort siehst du bereits die Mauern des neuen Sanatoriums. In einem Jahre soll es bereits fertig sein, soll man das Wasser der heißen Quellen wie in Gastein und anderswo im Hause haben. Ja, das Wunderwasser. Einige Quellen sind es, von denen jedoch nur eine gebraucht wird. Ungenutzt entströmen die andern ins Meer. Ihre Heilkraft war den alten Römern schon bekannt, die auf Münzen von Tiberias die Quellen abbildeten. Die Badeansitalt dürfte ihrem Aeußeren nach noch aus der Zeit der Römer stammen. Aber trotz dieser Badeanstalt hat Tiberias eine Zukunft. Heilquellen, 62 Grad Naturwärme, tropisches Klima, herrliche, historische Gegend, das sind alles Aktiva. Und außer dem Sanatorium wird nahe der Stadt, bei der Kolonie Migdal, ein großes Hotel gebaut. * Auch noch andere Naturschätze besitzt Tiberias, die heilte kaum genutzt werden. Altbekannt ist der Fischreichtum des Sees. Heute sieht man kaum ein Fischerboot draußen. Dabei gibt es kuriose Gesellen hier. Der bekannte schreiende Fisch, der „Barbur", wie ihn der Araber nennt, kommt nicht nur in der Anekdote, sondern auch im Tiberiassee vor, ebenso wie das Känguruh des Wassers, der Chromis Simonis, dessen Männchen die Eier und Jungen im Maul herumtragen. * Tiberias im Sommer — ein höllisches Paradies. Man wird langsam, aber sicher gebraten. Die Hitze erzeugt eine subtropische Vegetation, Bananenstauden stehen in Hainen. Uebcrhaupt ist die Gegend außerordentlich fruchtbar. Lavaboden gibt guten Humus. Tiberias im Wiinter — ein Eldorado. Vor ein paar Stuaden noch, als man in Jerusalem in das AuSto stieg, klapperte man ein wenig rrit den Zähnen, und nun bedauert man, die Schwliurnhose vergessen zu haben. Und zwei Stunden weiter, oben in Saffed, 800 Meter hoch, hat man wieder Gelegenheit, Zähne zu klappern (obwohl »es auch hier weit über Null hat). Wie du willst, nach Be'ieben Alpen, Tropen oder Mittelmeer. nur zwei Stunden, der Chauffeur wartet. Das ist Palästina. * Vollmond über Tiberias. Palästinensischer Vollmond, der so nahe, so greifbar über dir steht, der taghell alles erleuchtet. Gelöst sind alle Härten und Linien, verschwimmen in sanften Konturen. Einem silbernen Spiegel gleich liegt der See vor Dir. Silbern glänzen die Basaltgebirge am andern Ufer und Schatten ähnlich siehst Du all die Risse und Furchen, die die Zeit in sie gegraben. Und vor Dir, traumhaftes Märchen des Orients, als silberglänzende Silhouette, Palme, Minarett und Kuppel der Moschee. Emek. Mühselig klettert das Auto die Serpentinen hinan auf Nazareth zu: hinauf in die Berge Galiläas gehts. Zu beiden Seiten des Weges steigt das Hügelland an. Da plötzlich — ein Riß in der Hügelkette gib« dem Blicke frei die Ebene Samarias — der Emek. Dorf neben Dorf, wie aus der Spielzeugschachtel ausgeschüttet über den Teppich. Und im Hintergrund verdämmern .aie Schatten der neuen Stadt Afuleh. * Fünfundfünfzig Quadratmeilen Landes, zwanzig Dörfer, kaum dreitausend Menschen, das ist alles. Und doch dürfte es kaum ein Fleckchen Erde geben, über das so viel geschrieben wurde, dessen Nennung allein schon bei weiten Kreisen eine Reihe assoziativer Vorstellungen auslöst . . . Entsumpfung . . . Chaluz .. . Rückkehr zur Scholle ... die neue Gesellschaft... der neue Mensch .... Komische Käuze, die Amerikaner! Daheim werden sie wild, wenn man ihnen auch nur von linksbürgerlichen Ideen spricht und hier im Emek, wo Menschen ihr Leben radikal nach ihren Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit gestaltet haben, geraten sie immer in Rührung. Haben sie einen so feinen Instinkt, daß sie merken, 'diese kommunistischen Siedlungen haben nichts mit Politik und Wirtschaft zu tun, sie sind die Nachfahren der Essärgemeinschaften, der Brüder in der Kutte, die um der Idee zu leben, auf Reichtum und Welt verzichteten. Aber im Lauf der Jahrhunderte haben die Brüder in der Kutte gelernt. Sie haben erkannt, daß man für die Idee mehr leistet mit als ohne Reichtum, daß Armut keine Kultur schafft. Und sie haben begonnen zu rechnen nach dem Prinzip der Rentabilität. * Kibbuz, Kwuzah, Moschaw, das sind die drei Siedlungsformen, Lebensformen, die die jüdische Arbeiterschaft im Emektale geschaffen hat. Der Kibbuz, die Legion der Arbeiter, in der der Einzelne nur Soldat ist, der seinen Platz an der Arbeitsfront zugewiesen bekommt, die Kwuzah, die kleinere Gruppe von einander verbunden fühlender Menschen, die gemeinsam arbeitet, gemeinsam verwaltet, und endlich der Moschaw, die individualistische Siedlung mit weitgehender Benützung des Genossenschaftssystems zeigen — lebende Kulturgeschichte -- en nuce die Entwicklung der menschlichen Gemeinschaftsformen. Stamm, Sippe, Familie finden wir hier nebeneinander und vielleicht auch schon nacheinander. Der Moschaw wurde von älter gewordenen Mitgliedern der Kwuzah gebildet. Ein Staat im Staate ist der Emek. Das Prinzip der Autarkie hat ihn dazu gemacht. Besonders sirark tritt dies in den Kibbuzim hervor, in denen die Vereinigung von Landwirtschaft und Handwerk erstrebt wird. Autarkie, heißt das nicht Rückkehr zur geschlossenen Dorfwirtschaft? Diese Fragestellung wird hier nicht verstanden werden. Geht es doch nicht um den Aufbau einer Wirtschaft, sondern um Rückführung eines Städtervolkes in die Urproduktion. Das ist das Leitmotiv. Auf meine Frage, ob die Kwuzoth wirtschaftlich gerechtfertigt seien, antwortete mir einer der Führer des Kolonisaitionswerkes. „Solange Städter glauben, durch diese Form zur Landwirtschaft kommen zu können, hat die Form Berechtigung." Nicht als Wirtschaftler, sondern als Soziologe muß man den Emek verstehen lernen. Es ist das Land, in dem die Inponderabilien stärker ins Gewicht fallen als die Ponderabilien. * „Was noch vor fünf Jahren Wüste war, verwandelt sich vor unseren Augen in ein blühendes, wundervolles Land." So