Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 iiMinfffliffiiM DIE WAHRHEIT Wenn auch die Stellung der Frau im Altertume bei allen Völkern viel zu wünschen übrig ließ, so war es im Judentume ganz anders. Hier war immer der Gedanke vertreten: „Die Frau sei die Gehilfin des Mannes", d. h. nicht ihm untergeordnet, sondern ihm ebenbürtig. Und welche edlen Frauengestalten treten uns in den iüdischen Müttern entgegen! Die Erzmütter stehen fast auf derselben Stufe wie die Erzväter. Welch verehrungswürdige Erscheinung ist beispielsweise „Hanna", die Mutter Samuels. Höher denn Perlen ist ihr Wert, sagt der biblische Spruchdichter. Die Mutterliebe ist im jüdischen Schrifttume besonders beim Elternpaare „Isak und Rebeka" am deutlichsten hervorgehoben. Für die väterliche Liebe wird ein Beweggrund, ein Erklärungsgrund, eine Ursache angegeben, und zwar weil Esau dem Vater Wildpret brachte, aber Rivka hingegen liebte ihren Sohn Jakob ohne Beweggrund, denn Mutterliebe kennt kein Warum, braucht kein Darum. Eine Mutter liebt ihr Kind, weil — sie liebt. Die alten Lehrer erklärten die Stelle, die Gott an Moses gerichtet: „Rede zu dem Hause Jakobs und sprich zu dem Sohne Israels folgendermaßen: Das Haus Jakob, damit habe Gott die Frau, also die Mutter in Israel gemeint, denn die Mutter ist es. die das Haus gestaltet, die es mit ihrem Sinne und Geiste beseelt. Sie ist eben die Säule des Hauses, die Heldin desselben. Ihr Verdienst ist es, wenn ihr Volk groß und stark nach inr.en und außen wird. So war es von altersher, so ist es jetzt und wird auch bleiben, denn wenn ein Volk aus seiner Verfallenheit und Zerrüttung gehoben und erlöst werden soll, muß immer die Frau, die Mutter, dem Gatten oder Sohne, der den elektrischen Funken der Begeisterung im Herzen trägt, mit ihm im Bunde stehen. Ein solch erhabenes Vorbild haben schon Barak und Debora gemeinsam geleistet. Jüdische Frauen, jüdische Mütter, die waren und sind immer stets hochsinnig, tatkräftig, haben immer im jüdischen Volke mitgewirkt, um in Israel und außer Israel große, glorreiche, weithin strahlende Epochen für ihr Volk zu schaffen. Wie wahr sind die Worte, die Sailer von seiner Mutter sagt. „Danke dir, geliebteste Mutter, ewig bleibe ich dein Schuldner. So oft mir dein Blick, deine Gebärde, dein Wandeln vor mir, dein Leiden, dein Schweigen* dein Geben, dein Arbeiten, deine segnende Hand, dein stilles Gebet ins Auge trat, von den frühesten Jahren an war das ewige Leben, das Gefühl der Menschenliebe mir gleichsam neu eingeboren; und dies Gefühl konnte nachher kein Begriff, kein Zweifel, kein Reiz, kein Leiden, kein Druck, selbst keine Sünde töten. Es lebt noch in mir, dies ewige Leben, ob du gleich vor mehr als vierzig Jahren das Zeitliche verlassen hast." Wenn auch, mit kleinen Ausnahmen, das Haus die Welt des Weibes ist, so ließe sich doch in hundert Fällen nachweisen, daß große Männer auch stets edle Mütter gehabt haben. „Soll es bei dir anders werden, mein Volk, soll Großes und Edles in dir gedeihen" — sagt deshalb mit Recht Stoy in seiner Hauspädagogik — „so wende dich an deine Mutter." Die Mutter ist die erste und beste Pflegerin, Lehrerin und Erzieherin ihrer Kinder. Als Pflegerin nimmt sie das Neugeborene in ihre Arme, hütet und nährt es an ihrer Brust, wehrt den mannigfachen Gefahren, welche das junge Leben bedrohen und durchwacht ganze Nächte am Bette des erkrankten Kindes. Die Mutter ist auch Lehrerin, obwohl sie nicht nach bestimmtem Plane verfährt, keine Prüfung abgelegt hat, kein Gehalt bezieht und außer der göttlichen von keiner Behörde geleitet wird. Das sechsjährige Kind tritt in die Schule mit einem großen Schatze von Begriffen, Vorstellungen und Gefühlen und das alles hat ihm seine Mutter gelehrt. Schon in der Mitte des ersten Vierteljahres beginnt das Kind zu lächeln. Die Mutter zaubert diese holde Erscheinung durch ihr eigenes, freundlich-liebevolles Wesen hervor. „Sigismund meint in seinem Werke „Kind und Welt", daß, wenn das Neugeborene schon so lächelt, der leider jetzt nicht seltene Kindermord eine Unmöglichkeit für die Mutter sein müßte". Bei demselben Verfasser liest man noch folgendes: „Durch freundliches Anblicken wird dieses Lächeln des Säuglings öfter hervorgerufen und gewinnt allmählich Einfluß auf die stehende Miene desselben. So vermag die Mutter durch, liebevolles Anblicken das Gesicht ihres Kindes zur seelenvollen Schönheit umzuformen, wie der Maler ein angelegtes starres Porträt durch Uebermalen. Darum ist das Kind, wenn auch die knöcherne Grundlage des Gesichtes ganz den Typus des Vaters trägt, gar oft der Mutter wenigstens dann ähnlich, wenn es lächelt. Vielleicht möchte dies bei schönen Müttern, welche ihr Kind auch gern schön hätten, es aber meist der Wärterin überlassen, als Motiv nicht unwirksam?u verwenden sein, um zu veranlassen, sich mehr mit ihren Lieblingen zu befassen. In diesem ersten Anzeichen des erwachenden Gemütslebens eröffnet sich ihr ein breites Feld zur Weckung aller kindlichen Gefühle, von ihr wird auch das Kind in die Sprache eingeführt. Hundert- und tausendmal sagt die geborene Sprachmeisterin dem Kinde die Namen vor, welche ihm und ihr die teuersten sind, und nach und nach nimmt das Lallen des Kindes Ton und Sprache an und deshalb ist uns unsere Muttersprache so lange unser Herz schlägt so unvergeßlich und lieb." (Schluß folgt.) Palästinensische Eindrücke. Von Dr. Kurt G r unwald, Tel-Aviv. Tiberias. Emporstrebende Palmen, hochragende Minaretts, Kuppeldächer der Moschee. Dahinter das Blau, das unsagbare, märchenhafte des Kimnerethsees. Das ist Tiberias. „Do you see, doctor, this gardener?" fragte mich der Amerikaner in Tel-Aviv, der mir sein neu errichtetes palästiinenisches Tu)skiulum zeigen wollte. „Sehen Sie, diesen Gärtner habe ich kennen gelernt auf meiner ersten Palästinareise. Ich fuhr damals nach Tiberias. Kurz vor der Umsteiigstielle hörtte ich großes Jammern und Weinen im Nebenwaggon und gehe sehen, was da los ist. Da liegt ein Mann mit einem schmerzverzerrten Gesicht, der sich kaum rühren kann, so hat ihn das Rheuma. Um kurz zu sein, das Umsteigen, das Jammergeschrei kann ich Ihnen nicht schildern. Es war herzzerreißend. Das war im Noviember. Kurz vor meiner Heimreise zu Ostern spricht midi auf der Straße ein stattlicher, strammer Mann an: „Sie erkennen mich nicht? Ich bin doch der Kranke, dem Sie auf der Fahrt nach Tiberias so freundlich beistanden. Ich habe bis Februar dort gebadlet und bin nun völlig gesund." Und sehen Sie, Doktor, jener totkranke Mann, der nicht gehen, und nicht liegen konnte, ist einer der größten Gärtner hier. Das ist Tiberias " Palme, Minarett, Kuppeldach und Meeresblau, dieser erste Eindruck der Netzhaut bleibt im Gedächtnis haften. Von Nazareth klettert das Auto einige Serpentinen hinan, dann rollt es, einer Kugel gleich, über die Hochebene, die sich flach wie ein BiMardtisch kilometerweit hinzieht. Plötzlich bricht das Plateau ab, steil senken sich die Serpentinen hinab zum See, der in seiner Pracht vor Dir liegt. Weit hingestreckt und doch allseits begrenzt, von den Bergen, deren vulkanischen Ursprung auch das Laienauge konstatieren kann. Mit der Bremse geht es die Serpentinen hinab. „Seelevel" ruft im Vorbeibasten die Tafel Dir dreizungig zu, englisch, hebräisch, arabisch. In wenigen Minuten bist Du unten am See, über zweihundert Meter unter Meeresniveau. * Jung ist die Stadt — in diesem alten Land —, kaum zweitausend Jahre alt. Gegründet von Herodes Antipas und nach Tiberius genannt, von den Juden als unrein angesehen, da man beim Ausheben der Fundamente auf Gräber stieß und daher, ein zweites Rom, mit Abenteurern, Fremden und Bettelpack zwangsweise besiedelt, ward sie wenige Jahrzehnte später Zufluchtsstätte und Mittelpunkt der jüdischen Lehre. Treppen- JAC. MAYER tUenc MaOobtfelluntf Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II.» GlOCkengailO 24Tel.R48-4-79 Pflr KuHusbaamt« und Varelnsfunktjfofltr* flcgan Legitimation 10*/. Nachlaß