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Die Wahrheit · 1928-05-25 · Heft 21 (25.5.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 21 (25.5.1928)
Date
1928-05-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seife 4 iBUiiiumtiuniiiiiiHiuiiiiipniiiiiiuiin oiE WAHRHEIT andere zu ihrem Schönen und Guten erhoben wird, das ersehnen wir, begehren und vergöttern wir, was aber an und für sich uns ein Segen sein würde, das verkennen wir. Wir sind eben moderne Menschen, und der moderne Mensch hat weder Zeit noch Geduld und Willenskraft, eigene Anschauungswerte zu bilden und aus Erkenntnissen heraus eine Meinung zu fassen. So sehr er sich einbildet, frei zu sein, so sehr ist er nie ganz selbst, nie ohne eine Voreingenommenheit durch andere. Er schwankt beständig zwischen dem, was er möchte, und dem, was andere ihm aufdrängen, zu wollen. Er macht sich täglich neue Götter, an die er nicht glaubt und die ihn schnell wieder langweilen, aber er muß sie immer wieder haben. Nachahmungssucht heißt das Gängelband, an dem der neuzeitliche Mensch geführt, oder besser gesagt, durch das er genarrt wird. Die Mode tyrannisiert ihn, die Politik hetzt ihn, die Genüsse locken ihn, die Gewinnsucht treibt ihn, und so nicht mehr Herr über sich selbst, wirft er sich vor allem und jedem in den Staub nieder., was ihm der launenhafte Zeitgeschmack als wünschenswert und verehrungswürdig vorführt; ohne zu überlegen, ob es ein Gott oder ein Götze ist, was er anbetet, ob es ein Ideal oder Idol ist, dem er huldigt, ob es ihm zum Nutzen oder Schaden gereicht, worin er sich verrannt hat. Es gibt auf diese Art Tausende von Dingen, sei es im täglichen Gebrauchsleben oder im verfeinerten Getriebe, die man nur erstrebt und begehrt, weil sie auch andere haben, ohne von ihrer Segenhaftigkeit und Unentbehrlichkeit im mindesten überzeugt zu sein. Ist das nicht Götzendienst, moderner Götzendienst, ein vielleicht noch schlimmerer als der alte, naive Götzendienst? Er untergräbt bewußt der Menschheit Heil, bedroht Sitte und Moral, zieht alle Laster nach sich und führt am Ende zur Wiederaufhebung und zum Verfall jeder wahren Kultur. Das Bedauerliche ist nur, daß bei diesem hohlen Treiben neuzeitlicher Abgötterei auch diejenigen weil sein Leben nur an jenem Mädchen hängt, und es je zu gewinnen, kann und darf er ja nie hoffen. Man rief die größten Aerzte und Professoren herbei; sie vermochten aber seine Krankheit nicht zu erkennen, sie sagten, er habe zuviel Gefühl, daran sein Herz kranke. Niemand, nur er allein, wußte, was ihm fehlte. Er sah seine Rettung so nah vor sich, die Hand jedoch auszustrecken und sie zu ergreifen, vermochte er nicht. Sollte er seiner Frau den Scheidebrief geben? Aus welchem Grunde? ... Was könnte er ihr vorwerfen? Wie würde sie es überleben? Wie könnt» er so grausam sein? . . . Und wenn er schon grausam genug wäre es zu tun. was wäre der Erfolg? Das Mädchen war ja keine Jüdin . . . Sollte er seinem Glauben untreu werden? Wie furchtbar es auszusprechen oder auch nur daran zu denken! Er besaß ja ein jüdisches Herz, ein wahrhaft jüdisches Herz. Das empfand doch jeder, der seine jüdische Wehmut, seine süßen, traurigen Waisen vernahm. Nein, er hatte keine Wahl mehr, als sein Weh im Herzen zu tragen, still zu leiden, sich zu sehnen und den Tod zu erwarten, der ihn von diesem qualvollen Dasein erlösen würde ... Und so kam es auch. Man brachte ihn nach Wilna zurück, vor dem Betpulte aber konnte und wollte er nicht mehr stehen. Er sprach mit niemandem, seine Geige hängte er an die Wand, wie seinerzeit die Leviten die Harfen an die Weiden der Ströme Babels. „Wie vermöchten wir das Lied Gottes zu singen!" Wie sollte er noch ein jüdisches Lied singen, während sein Herz an einer jungen Gräfin hing, die ihn verzaubert hätte. Ab und zu noch ergriff ihn der Geist des Gesanges, und zuweilen, auf- und abgehend, zu Hause oder im Beth-Haminicht zurückstehen, die am ehesten wissen sollten, daß Götzendienst jeglicher Art zu den Todsünden gehört; daß auch Juden, deren Ahnen am Sinai standen und aus Gottes Mund vernahmen, die Götter anderer zu verabscheuen, an diesem modernistischen Fetischismus teilhaben. Ja, nicht nur teilhaben, sondern vielfach andere überbieten und überholen. Am schmerzlichsten aber ist es, daß diese Anbeterei des blindlings den anderen Abgeschauten und Abgelauschten auch nicht vor dem Heiligsten Halt macht; daß eine Sucht, auch in die Religionsausübung und Gestaltung des Kultus' Elemente der Nachahmung und Entlehnung hineinzutragen, viele erfaßt hat. Und da sollte das zweite Gebot nicht mehr nötig, nicht mehr zeitgemäß sein? Hat es doch die Abgötterei der letzten Art ganz besonders im Auge, wenn es sagt: „Du sollst keine Götter anderer al ponai, vor meinem Angesichte haben." Das heißt, wenn du vor meinem Angesichte stehst, — spricht Gott, — meinen Dienst zu pflegen, sollst du nicht zugleich denen, die Götter durch andere sind, dienen. Ist es denn — so muß man fragen — wirklich schon an und für sich ein Maßstab für Schön und Gut, um es der Nachahmung wert zu finden, nur weil es den anderen für ihre Zwecke so erscheint? Man sollte doch meinen, schön und gut zur Huldigung für Gott kann Juden nur das sein, was Gottes Wille selbst als schön und gut ansieht und als Huldigungsmittel erwartet. Wir wollen doch bei aller Modernität, nicht wie einst die Samaritaner in ihrem Tempel auf dem Berge Gerisim sein, die in ihrem Kultus halb den Gott Israels und halb eine selbstgebildete Kultgestalt anbeteten. „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel," hat Bileam ausgerufen, aber das konnte er nur, weil er sie an ihrer durchaus gewahrten und genau gehüteten Eigenart als die Zelte Jakobs und die Wohnungen Israels erkannte. Aime Palliere, ein französischer katholischer Priester, der von den Wahrheiten und Schönheiten drasch an einem gewöhnlichen Montag etwa beim langen „Wehu-rachum"-Gebet in seinem Talis eingehüllt, verträumt und das Gesicht wie Kalk so bleich, pflegte er leise eine Melodie vor sich hin zu singen, daß die Steine vor Weh vergehen konnten. Und im Lied konnte man deutlich wahrnehmen, wie seine reine, aber verwundete Seele Gott anflehte, er möge sie schon vom leidenden, verzauberten Körper erlösen. Wie groß mußten seiner Seele Qualen sein! Währenddessen unterließ man nichts, seine Krankheit zu heilen und ihn am Leben zu erhalten. Man bereitete ihm Bäder aus kostbaren Weinen und edelstem Mineralwasser, aber alles vergebens. Einmal, in einem Bade sitzend, begann er plötzlich die „Slichoh" von den „Krankheiten der Kinder" zu singen: „Stärke unser Herz, um der Gerechtigkeit jenes willen, der aus dem Wasser gezogen ward!" Alle, die dabei standen, konnten sich der Tränen nicht enthalten: man sah es ordentlich, wie sein ganzes Herz sich in diesen Gesang ergoß. Seine Augen wurden plötzlich hell, sein Gesicht begann wieder zu leuchten wie einst; der Zauber war gelöst . . . Der Körper aber besaß keine Kraft mehr zum Leben, und sofort, nachdem man ihn aus dem Bade herausgehoben hatte, sagte er mit großer Verzückung und mit einer herzzerreißenden, schluchzenden Stimme die große „Widui", das Sterbensbekenntnis, das sein schönstes und letztes Lied war. Er nahm Abschied von allen Freunden, bat seine Frau um Vergebung und starb still wie ein Heiliger ... Jung ist das weltberühmte Wilnaer Balhabesel gestorben, nach langer, schwerer Not und Qual, deren Tiefe niemand auch nur hat ahnen können.

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