Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064268--16285-3089027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
DIE WAHRHEIT fnMHiflHHmmiiqiiiinqimmimmHflnfflnM erst einer langsamen, Jahrtausende andauernden Entwicklung vorbehalten war, den Todesstoß hat die Vielgötterei und damit die in ihr wurzelnde alte Völkerwelt schon damals erhalten. Man hat gefragt, was denn für uns neuzeitliche Menschen, die wir den Götterwahn längst überwunden haben und kaum noch eine Geneigtheit verspüren, uns an Götter zu halten, was denn also für uns das zweite Gebot noch immer zu sagen und zu bedeuten habe. Braucht man einem Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts noch immer zuzurufen: „Du sollst keine fremden Götter vor meinem Angesichte haben?" Wer denkt heute mehr an Götter? Aber das ist so, wie wenn etwa ein Amerikaner das 25. Stockwerk eines seiner zivilisationsvollendeten Riesenhäuser betreten würde und dabei verächtlich sagen wollte: „So, jetzt brauche ich das Erdgeschoß nicht mehr/' Es wird nie eine Errungenschaft, sei es auf welchem Gebiete immer, geben, die ihres ersten ursprünglichen Unterbaues, auf dem sie ruht, aus dem sie herausgewachsen ist, entraten wird können. Im Entwickelten ist immer das erste Saatkorn der Entwicklung wirksam, und der wahre Kulturmensch wird stets mit einer gewissen Ehrfurcht und Demut auf die Vorläufer und Wegbahner zurückblicken und zurückgreifen, auf jene pioniermäßigen Faktoren, denen er das Schwerste und Wichtigste, nämlich den Anstoß, verdankt. Aber abgesehen davon, sind wir aufgeklärten Kinder unseres hochentwickelten Zeitalters denn wirklich so über den Wahn der Abgötterei hinausgewachsen, so darüber erhaben und völlig frei von dieser Sucht? Brauchen wir wirklich nicht mehr davor gewarnt zu werden? Gewiß, ein religiöses Heidentum ist uns fremd, und wir glauben an keine Götzen mehr. Aber um so schlimmer, daß wir, ohne — wie einst die naiven Völker — an sie zu glauben, sie in seelenbarer Gekamen in die Synagoge, um das Balhabesel zu hören, und — dies ward sein Unglück... Von der allzugroßen Ehre, die sie ihm erwiesen, vergaß er, wer und was er war, und dachte nicht daran, daß ihm eine große Versuchung bevorstehe... Er ließ sich bereden, ein Konzert im großen Warschauer Theater zu geben. Ein solches Konzert hat die große Stadt Warschau noch niemals erlebt. Ein junges Fräulein, die Tochter eines mächtigen Graien, die selbst wunderbar singen konnte, und von seltener Schönheit war, verliebte sich beim Konzert in den Künstler so sehr, daß alle Aerzte ihr das Leben absprachen, falls sie ihn nicht heiraten würde. Die Eltern des sterblich verliebten Mädchens ließen sich Geld und Mühe genug kosten, bis sie es durchsetzten, daß das Balhabesel ständiger Gast in ihrem Palast war. Dieser wußte natürlich von nichts und hat, Gott bewahre, an nichts Böses gedacht, sondern einfach geglaubt, sie, die Grafentochter, wolle ihn singen und spielen hören. War sie doch eine Gesangskennerin und pflegte auch selber zu singen — warum auch nicht, und so wollte er denn auch sie singen hören. „Die Stimme einer Frau ist Unzucht", sagt aber schon der Talmud — und dies ward ihm zur Falle... Eines Tages, als er gerade ein wundervolles Lied vor ihr gesungen hatte und von der inneren Erregung müde und erhitzt war, ging er •in ein anderes Zimmer, um dort auszuruhen. Das Fräulein aber hatte nur auf solch einen Augenblick gewartet. Sie ging ihm nach, nahm ein kostbares seidenes Tuch heraus, das der Sage nach verhext war, und wischte ihm den Schweiß von der Stirne; hierauf kühlte sie ihn mit ihrem kostbaren goldenen Fächer, der wahrscheinlich auch verzaubert zu sein schien. dankenlosigkeit dennoch haben und sie in heuchlerischer Unwahrhaftigkeit anbeten. Wir meinen nämlich die Götzen unserer Eitelkeit und Ueberkultur, die Abgötter unserer Genußsucht und falschen Nachbeterei. Das zweite Gebot, das von der Untersagung des Götzentums spricht, hat auch diese Abart des Götzendienstes im Auge und nennt dessen Objekte Elobim acherim, Götter anderer. Elohim acherim wird nämlich im allgemeinen fälschlich als „andere*' oder „fremde" Götter übersetzt. Denn das zweite Gebot, lau jijhe lecho elohim acherim al ponai, würde ja so besagen: Es gibt Götter, aber sie sind dir die anderen, die fremden, und du sollst keine fremden Götter haben. — Nein, elohim acherim heißt nach der Erklärung maßgebender Schriftdeuter*) „Götter anderer", oder besser gesagt, „Götter durch andere". Andere machen sie zu Götter, durch andere sind sie willkürlich zu dem gestempelt, was sie darstellen sollen, an sich selbst aber sind sie das nicht. An ihnen und in ihnen ist aus eigener Wesenheit heraus nichts, aber die anderen, die Menschen, machen sie zu etwas. Gott ist Gott auch ohne unser Hinzutun, ob wir ihn anerkennen und anbeten oder nicht, er ist an und für sich Gott. Nicht so die Götzen, sie macht nur die Bekennung der Menschen zu ihnen in den Augen der Betörten zu etwas. Nach dieser zweifellos richtigen Auffassungsweise ist gerade das zweite Gebot wie kaum ein anderes ein Ewigkeitsgebot, ist über die Jahrtausende hinweg ein zielsicherer Pfeil, der scharf auch unserer Zeit ins Herz trifft. Denn dienen wir denn nicht mit aller Kraft und Hingebung solchen Göttern anderer, Göttern, die die Betörtheit und Verblendung zu Göttern macht? Dinge des Lebens, die an sich nichts sind, erheben wir zu Wichtigkeiten, denen wir nachjagen, und das ewig Werte und Wesentliche lassen wir unbeachtet oder werfen es gar von uns. Nur was durch *) Mechilta, Raschi, Reb'ach, Hakesav wehakboloh. und so übertrug sie auf ihn diesen Zauber immer stärker und stärker, bis er sich und die Welt vergaß... Von jenem Tage an, so wird erzählt, sei er in eine tiefe Melancholie verfallen, aß kaum noch und war schweigsam und stumm. Niemand wußte, was mit ihm geschehen sei. Er hatte keinen, vor dem er sein Herz öffnen, dem er hätte erzählen können, wie ihn die Liebe zu der schönen Gräfin verzehre. Wohl besaß er noch Kraft genug, dem bösen Trieb nicht nachzugeben, aus Warschau jedoch fliehen ließ ihn der Zauber nicht und er verschob seine Heimreise von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, bis seine Frau und der Wilnaer Gemeindevorstand ihn nicht mehr erwarten konnten und eilig nach Warschau kamen. Wie groß ihr Schreck und Schmerz war, als sie ihren Liebling so traurig, so finster antrafen, kann man sich vorstellen. „Was ist Dir, meine Krone, mein Leben?" iiel ihm seine Frau mit bitteren Tränen um den Hals. „Was fehlt Euch, teuerer Kantor," fragten die Gemeindehäupter Wilnas, rangen die Hände und vergossen Tränen, auf sein bleiches Antlitz blickend. Allein er spricht nichts. Er schaut auf seine Frau voll Mitleid: das Herz blutet ihm, er weiß, wie treu sie ihm ist, daß sie freudig ihr Leben für ihn hingeben würde: aber wie könnte er ihr helfen, da sein Herz sich plötzlich von ihr abgewendet hat und durch einen mächtigen Zauber jenem Mädchen verbunden ward, nach dem er vor Liebe und Sehnsucht vergeht! Er betrachtet die Wilnaer Gemeindevorsteher, die ihn stets auf Händen getragen, soviel Ehre ihm erwiesen und ihm alles Gute im LJeberfluß gegeben hatten: aber die Wunden in seinem Herzen kann er ihnen ja nicht zeigen, und seine Schmerzen werden größer und größer ... Er bittet Gott um einen schnellen Tod, die Welt wird ihm zum Abscheu,