Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 21 (25.5.1928)
- Date
- 1928-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 fflfliiiUB3^ DIE WAHRHEI7 wenischma, zwei herrliche Kronen gesandt hat, wie ein Talmudlehrer sagt. Als Israel aber später beim goldenen Kalbe gesündigt hatte, nahm ihm Gott diese Kronen wieder fort. Die richtige Vorbereitung schafft die richtige Empfänglichkeit und diese wiederum die rechte Begeisterung zur rechten Tat, setzt dem Menschen gleichsam eine doppelte Krone aufs Haupt. Fehlt aber innere Heiligung, ist man schlecht vorbereitet, so ist Gottesdienst Götzendienst, Lehre eine Irrlehre und das, was den Menschen krönt, adelt und schmückt, von ihm genommen. Rabbi Josua ben Levi sagte: „Als Israel aus Aegypten zog, gab es unter ihnen viele mit Gebrechen, Krüppelhafte, Berufsopfer, die die Schäden des ägyptischen Sklavendienstes sichtbar an sich trugen. Manchem fehlte eine Hand, anderen ein Fuß „Diesen, die voll von Gebrechen sind," sagte Gott, ,kann ich doch meine Thora nicht geben." Er schickte seine Engel vom Himmel nieder, heilte ihre Schäden und machte sie tauglich, die Gotteslehre zu empfangen." Der Engel, der von Gott herniedersteigt und alle Gebrechen heilt — heißt Heiligung. Der Mensch trägt seine Gebrechen vom Sklavendienst des Lebens, aber so er sich heiligt, sich vorbereitet, sich für das Hohe und Große empfänglich macht, werden seine Gebrechen geheilt und er wird würdig einer Offenbarung. Wer aus dem Gottesworte, dem Gottesdienste, der Religion und allem, was sie bietet, Gotteskraft erlangen will, der tue erst das Seinige durch — Vorbereitung! Die Götter anderer. Schwuausbetrachtung zum zweiten Gebot. Von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Tr i er. Immer wieder fühlen wir Juden uns am Feste der Offenbarung in einem besonderem Maße erhoben. Können wir uns doch an diesem Tage immer wieder aufs neue vor Augen führen, wie groß und mächtig die Einflußnahme auf die Menschheit SeulUetoti ■: ■ " *&0&&*****£- Das Wilnaer „Baihabesel". Der Lebeosroman eines berühmten Kantors. Aus alten Schriften entnommen von Josef Grob. Dieser kleine Umidkünstler, das Wilnaer Balhabesel nämlich, war schon als Kind berühmt und es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß er nach seinem frühen Ableben keinen seinesgleichen in Israel hinterlassen hat. Er war ein Phänomen nicht nur stimmlich und gesanglich, sondern auch sein Geigenspiel, darüber ist kein Zweifel, hatte man seit des Königs David Zeiten nicht wieder in solcher Vollkommenheit vernommen. Man pflegte demnach von ihm zu sagen, daß er die „Leier Davids" besitze. Leute, die sich seiner noch erinnern konnten, schworen, daß sie Worte vernommen hätten, die seijie Geige förmlich sprach, während er spielte; und noch bis zum heutigen Tage sagt man, daß die Geige des Balhabesel nicht gespielt, sondern gesprochen hätte, und jeder ward zu Tränen gerührt, der ihn spielen gehört; solch ein Gefühl vermochte er in die Saiten hineinzulegen. Außerdem war er von einzigartiger Schönheit, konnte auch gut lernen und war fromm, wie man es zu jener Zeit eben zu sein pflegte. Es versteht sich von selbst, daß er ein vielbegehrter Jüngling war, und so ward er, trotzdem er noch war, die durch unsere Vermittlung vom Sinai ausging. Schon rein äußerlich, wenn die gehobenen Töne der Neginaus laut werden, die mit ihrem eigenen Schmelz der Vorlesung der zehn Gebote an unserem Feste eine besonders feierliche Note verleihen, schwellt sich unsere Brust voller Freude und Selbstbewußtsein und mit einem Hochgefühl sondergleichen zieht uns das stolze Bekennerwort des Propheten Jona durch den Sinn: Iwri onauchi, „ich bin ein Hebräer!". Und erst wenn wir uns den Inhalt dieser Sinai-Botschaft zu Bewußtsein führen, wie darf erst da unsere Seele in geistigem Stolze schwelgen! Der Kundige weiß es, und der Unkundige ahnt es: Hier ist das Größte vom Großen ausgesprochen; hier sind die Fundamente niedergelegt, auf die sich, wie auf Granit gestützt, die Pfeiler der Menschenwürde für alle Zeiten erheben und aufbauen. In diesen mit so jubilierender Betonung vorgetragenen, von Gemessenheit und Würde zeugenden Worten, die das Herz des Hörers hoch und höher schlagen lassen, spricht — das fühlt man — die Ewigkeit der Gottheit ewige Wahrheiten für die Menschheit. Es gibt ein altes Gemälde, das stellt einen Riesen dar, der auf seinen Schultern die Weltkugel trägt. Das soll bedeuten, daß der Mensch zum Träger des Weltalls bestimmt sei. Wir Juden kennen einen andern Riesen, der trug die Welt auf seinen Armen. Es war Moses, der die Tafeln des Zehngebots vom Sinai brachte. Diese Tafeln bedeuteten die Welt, denn sie brachten der Welt einen neuen Sinn. Vornehmlich zog dieser neue Sinn in die Welt durch die Erschütterung, die die zehn Gebote der heidnischen Weltbetrachtung brachten. Es gibt nur einen Gott, es gibt keine Götter. Diese beiden ersten grundlegenden, wegbahnenden Voraussetzungen für die Ermöglichung der weiteren Sittengesetze, wie sie in dem ersten und zweiten Gebot niedergelegt sind, gaben Weltall und Menschheit ein anderes Gepräge, ein neues Gesicht; sie wirkten grundstürzend auf alles Leben und Denken ein. Und wenn auch die Auflösung des Heidentums ein Kind war, mit der einzigen Tochter eines sehr reichen Mannes verlobt. Die Hochzeit fand zugleich mit seiner Barmizwah statt und sofort darnach ward er zum Stadtkantor der großen Wilnaer Schul gewählt. Dies bedeutete natürlich eine große Ehre, denn in der großen Wilnaer Synagoge war stets nur ein bejahrter, gelehrter Mann Kantor gewesen, und trotzdem hatte man ihn gewählt. Dieser Umstand allein beweist schon, wie herrlich sein Gesang gewesen sein muß. Man nannte ihn „Balhabesel", damit man nicht sagen solle, der Wilnaer Stadtkantor sei ein Knabe, ein Jüngelchen — Balhabesel ist gleichbedeutend mit einem Verheirateten. An Jahren und Wuchs aber war er noch ein Kind und hat vor dem Vorbeterpult auf einem Bänkchen stehen müssen. Seine jüdischen Waisen, seine tief innere Wehmut hätten selbst ein Herz von Stein erweichen können. Die Welt hallte wieder von seinen Ruhm, so daß man von aller Herren Länder herbeikam, um ihn zu hören. Von den größten jüdischen Gemeinden sandte man Boten zu ihm, er möge doch einmal wenigstens dort vorbeten. Allein Wilna ließ ihn nicht ziehen, man konnte einfach ohne ihn nicht leben. Bis es eines Tages den bösen Geistern einfiel, irgendeinen sehr reichen und mächtigen Mann aus der großen Stadt Warschau herbeizuführen; dieser setzte es bei der Wilnaer Gemeinde durch, daß man es dem Balhabesel gestattete, nach Warschau zu fahren, um einmal dort vorzubeten, doch sollte er dann sofort zurückkehren. Und nun hat er dort vorgebetet ... Warschau war einfach vernarrt. Ein Begeisterungssturm durchbrauste die ganze Stadt. Fürsten, Qrafen und Gräfinnen.