Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 20 (18.5.1928)
- Date
- 1928-05-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 tilil»«^^ IVaMvittHtvnl^ ^.j^^m^^s^mm^^^^^^^^m:. Südtirol — ein Juden, und Freimaurerwerk. Herr Ingenieur Suske. der es nicht vergessen kann, daß der Zufall ihn einmal bis in den Tiroler Landrag gebracht hat und der nun fortwährend, aber vergeblich, bemüht ist, noch einmal einem solchen Zufall auf die Beine zu helfen, hat sich in sainer Verzweiflung an die Spitze der Tiroler Hitlerianer gestellt und will nun Tirol mit dem echten, unverisiechte Nationalsozialsmus Münchener FärDung beglücken. l~i Vilich auch vergeblich. Lorbeeren hat er bisher noch keine geerntet, wohl aber haben seinerzeit ein paar derbe Tiroler Fäuste in Wattens ihm ihre Meinung über den Münchener Faschismus „begreiflich" gemacht. Aber Herr Suske hat soviel Münchener Geist und außerdem soviel Ehrgeiz, daß er sich von seinem „realpolStisdhen" und „kaltschnäuzigen'" Standpunkt in der Südtiroler Frage nicht abbringen läßt. Ja, er hält diese Hitlerische Stellungnahme sogar Jur so bedeutungsvoll, daß sie es wert wäre, in Innsbruck im großen Stadtsaal den Tirolern bekanntgegeben zu werden. Ausgerechnet in der Zeit, da die Südtiroler Debatte im Nationalrat in der ganzen Welt das größte Echo gefunden hatte, glaubte der Ingenieur, in Innsbruck verkünden zu müssen, daß die ganze Aufregung in Südtirol ein Juden- und Freimaurer werk sei, daß ts sich nicht lohne, wegen der 280.000 Südtiroler die Freundschaft mit Italien zu verscherzen und was dergleichen „Gründe" mehr sind, mit denen Herr Hitler seine „völkische" Haltung in der Südtiroler Frage rechtfertigen will. Dank dem Eingreifen des Andreas-Hoferbundes blieb Innsbruck und Tirol diese Schmach ersparrt. Mussolini wäre natürlich begeistert davon gewesen und hätte bestimmt reichlich von dieser Haltung der Suskegruppe Gebrauch gemacht. Vielleicht wäre sogar der Name des Herrn Suske als des Vertreters des „einsichtigen Tirols" von Mussolini in die internationale Debatte geworfen worden und Herr Suske hätte auf diese Weise einen Namen von internationalem Klang erhalten .... Man kann nicht wissen, ob Herr Suske nicht im Stillen mit diesem „Erfolg" rechnete. Den hübschen Vorfall, der hier geschildert wird und der so recht bezeichnend für die deutsche Treue der Tiroler Hitlerianer ist, entnehmen wir nidit etwa einem dortigen „Judenblatte", sondern er war mit denselben kräftigen Worten, wie er wiedergegeben ist. in der Wiener-nationalsozialistischen „D e oi t s c h e n Arbeiter-Presse" zu lesen. Wohl nie konnten wir diesem Blatte so recht geben wie diesmal. Die Siebenbürger Sabbatarier. Es sind bereits viele Jahre her, daß der verstorbene Budapester Oberrabbiner und Historiker Dr. Samuel Kohn in einer sehr interessanten Arbeit die Geschichte der in Bözöd-Ujfalu im Szekler Land in Siebenbürgen lebenden Sabbatarier- Gemeinde geschrieben hat Diese Arbeit hatte die Aufmerksamkeit der ungarischen Juden auf die Siedlung gelenkt, und eine von Oberrabbiner Kohn eingeleitete Aktion führte schließlich dazu, daß diese Gemeinde, die bis dahin nach ihrem eigenen Ritus gelebt hartite, formell samt und sonders zum Judentum übertrat. Seither bildete die finanzielle und moralische Unterstützung der neuen Gemeinde einen ständigen Posten in den Budgets der größeren jüdischen Gemeindien des alten Ungarns. Die ßudapfistcr neologe Kultusgemeinde errichtete auf eigene Kosten eine Synagoge. Die Kultusgemeinde von Bözöd-Ujfalu nennt sich offiziell bis auf den heutigen Tag „Kehal Gerim", Proselytengemeinde. Ihr gehören gegenwärtig noch immer 42 Familien mit etwa 200 Seelen an. Es sind einfache Bauern, die bei Morgenanbruch mit Hacke und Schaufetin der Synagoge erscheinen, das Gerät an die Wand leimen, ihre Andacht verrichten und aufs Feld zur Arbeit hinausgehen. Am Abend treten sie wieder in die Synagoge zum Gebet ein. Diese „Gerim" halten sämtliche jüdische Feste mit peinlicher Genauigkeit, über alles heilig ist ihnen jedoch der Sabbath, an dem sie keinerlei Arbeit verrichten. Auch die Frauen halten sich streng an alle religiösen Vorschriften und tragen, wenn sie sich verehelichen, wie die orthodoxeste Frau, Perücken. Dieser historisch interessanten Judengemeinde geht es offenbar jetzt schlecht, denn ihr junger Rabbiner Andor Schwarz sieht sich gezwungen, fnhetai^ Iii üii llPIllM BiH^ Iii UUUl&lllt SeltenMeMingasie2 Ter. 68-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. 88-0-85 im Auftrage seiner Gemeinde an die großen und reichen jüdischen Gemeinden in Ungarn und besonders an die Budapester Gemeinde die dringende Bitte zu richten, die „Kehillath Hagerim" von Bözöd-Ujfala vor dem völligen Zusammenbruch zu retten. Die Synagoge, das rituelle Bad, die Talmiud-Thora- Schule und die sonstigen für eine Gemeinde wichtigen Einrichtungen sind baufällig geworden. Die Gemeinde selbst ist zu klein und zu arm, um sich selbst helfen zu können. Die ehemals ständigen Beiträge großer ungarischer Gemeinden bleiben infolge der durch den Krieg geschaffenen Lage völlig aus, und die Juden der umliegenden Dörfer sind kaum in der Lage, sich selbst zu erhalten. Das Budapester Rabbinat hat eine Hilfsaktion zur Rettung der Sabbat a r i e r - G e m e i nd e eingeleitet. Lots Weib stirbt zum zweiten Male. Nicht genug damit, daß sie vor ein paar tausend Jahren zur Strafe für ihre Neugierde in eine Salzsäule verwandelt worden ist, droht der armen FrauLots heute das Schicksal, zerschlagen und ausgewertet zu werden. Eine in der Roten-Meer-Region konzessionierte Gesellschalt beabsichtigt nämlich, den unter dem Namen „Löfs Wife" bekannten Salzfelsen, den die Tradition mit der bekannten biblischen Figur identifiziert, ohne Rücksicht auf diese historische Vergangenheit lediglich seines Salzgehaltes wegen abzubauen. Da irgendein Naturschutzgesetz in der dortigen Gegend nicht existiert, dürfte hiermit das Schicksal von „Lots Weib' besiegelt sein ... Eine Zwangstaufe in Polen. Im Dorfe Markowa bei Lanzut (Ostgalizlem) wohnt der Jude — der einzige im Dorfe — Mendel Rips. Er hat ein einziges Kind, Gittel, die vor kurzern 16 Jahre alt geworden ist. Schon seit längerer Zeit suchten die Bauern des Dorfes, aufgemuntert durch den Dorfpfarrer, die Tochter des Juden zu überreden, daß sie freiwillig ihre Eltern verlasse und die Taufe nehme, für welchen Fall ihr eine glänzende Zukunft in Aussicht gestellt wurde. Gittel bMeb standhaft. Und nun geschah das Unglaubliche. Die Bauern beschlossen, zur Ausführung ihres „gottgefälligen" Werkes Gewalt anzuwenden. Eines Abends erschien eine Bande von Bauern unter Führung des Ortsvorstehers, bemächtigte sich in Gegenwart der Eltern des jammernden Mädchens und entführte es. Die entsetzten Eltern waren der Uebermacht der fanatischen Menschenräuber gegenüber ohnmächtig. Trotz aller Bitten der Eltern ■und der Nachforschungen der Polizei war es bisher nicht möglich, den Aufenthalt des Mädchens, das offenbar nach in Polen bewährtem Rezept in ein Kloster verschleppt und zur Taufe gezwungen wurde, ausfindig zu machen. Unter den Juden der ganzen Gegend herrscht begreiflicherweise große Unruhe. Lasset die Toten ruhen. Die Berliner „K r e u z z e i tu n g", die sich als Organ des altpreußischen Adels für wunder wiie vornehm hält, bringt unter der Ueberschrift „Das auserwählte Volk" folgende Meldung aus Mer an: „Die israelitische Kultusgemeinde in Meran erhielt auf eine Anfrage an den Präfekten, ob hebräische Grabinschriften auf dem Friedhof gestattet seien, einen zusagenden Bescheid. Auch die Grabinschriften von Ausländern dürfen in der Muttersprache des Verstorbenen gehalten sein. Den deutsahen Südtirolern wird dieses Recht aber verwehrt." — Ein hochkonservatives Blatt entblödet sich also nicht, gegen eine religiöse Gemeinschaft mir deshalb zu hetzen, weil sie ihren Toten Grabinschriften nach tausendjähriger Ueberlieferung sichern will. Die Meraner Israeliten sind — so muß der Leser folgern — deshalb schlechtere Patrioten ais die anderen deutschen Südtirolerl Diese Gemeinheit anläßlich eines Aktes jüdischer Pietät ist niedriger zu hängen als ein Bubenstück von Leuten, die sich sonst bei jeder Gelegenheit über den „gottlosen jüdischen Bolschewismus" entrüsten ...