Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRIffili UkUwt**rctn%& Zionismus in Ungarn. Anläßlich der konstituierenden Landesversammflung der zionistischen Organisation in Ungarn, über die wir in unserer letzten Nummer berichtet haben, veröffentlicht die „J ü d Ische Preß-Zentrale" in Zürich folgende scharfkritische Auslassung, die sich in vieler Hinsicht mit den von uns geäußerten oedenken über den Wert einer zionistischen Organisation in Ungarn deckt: In den ersten Jahren kennzeichnete sich der ungarische Zionismus durch seinen strengreligiösen Charakter, der die Bildung einer besonderen Misrachi-Organisation übeiflüssig gemacht hat und. auf das durchaus nur re!ig:cs orientierte ungarische Judentum von größerem fcmi'usse war. _ Selbst der Antisemitismus, der in den meisten Ländern eine jüdischnationale Reaktion hervorbrachte, hat in Ungarn nur die Zahl der Synagogen vermehrt und eine Schwenkung nach rechts bewirkt. Der Zionismus hätte dabei viel an Breite und Tiefe gewinnen können, wenn er, wie es der ungarische Jude will, ein Produkt der religiösen Tradition gewesen wäre. Die Neologie in Ungarn hat durch ihr Rabbinerseminar, das einen Weltruf als fruchtbare Stätte der Wissenschaft besitzt, die Orthodoxie durch ihre Jeschiwot und ihren Kampf um die Integrität des alten Glaubens eine über die Grenzen Ungarns weitreichende Bedeutung. Um sich neben beiden zu behaupten, muß man mehr als die schablonenhaften Keren- Hajessod- J'ropagandareden leisten können. Das Budapesfcer Zentrum, das an der Stätte der Geburt und der Erziehung Herzls und Nord aus wirkt, hätte die Mission erfüllen können, die reinen Traditionen der beiden Schöpfer des modernen Zionismus sowohl in ihrer kulturellen als politischen Auswirkung zu pflegen. Es hätte die Quelle der Herzl- und Nordau-Forschung für die ganze Welt werden solien. Aber der Russe B r a i n i n, der Amerikaner Haas, der Berliner Friedemann mußten die Biographien Herzls liefern und die Budapiester Zionisten haben nicht mit einer Zeiledie He r zl-Nor dau- Forschung bereichert, wo doch ihr Bureau und Redaktion jahrzehntelang hart an den Geburtshäusern Herzls und Nordaus angrenzte. Fällt kein Strahl von dem ungarischjüdischen Genius eines Molnär, Birö, Lengyel, Vajda, ti r o d y, der mit seinen reichen literarischen Schöpfungen sich die ganze Welt erobert hat, in das zionistisch© Leben von Budapest? Beflügelt die staatsmännische Kunst der ungarisch-jüdischen Parlamentarier so gar nicht die politische Kraft der Budapester Zionisten? Warum hört die jüdische oder die zionistische Welt niemals auch nur ein einziges Zitat aus den Rede'n und Schriften der ungarischen - zionistischen Führer, das wert wäre, gea^prkt zu werden . . . wie damals vor 25 Jahren .. .? Ein Freundschaftsbund in Litauen. Auf Initiative jüdischer und litauischer Kreise wurde m K o w n o über die Schaffung eines jüdischlitauischen Freundschaftsbundes beraten. Doktor Robinson und Prof. Birschischko wurden bevollmächtigt, die Arbeiten in Angriff zu nehmen. Es wurde eine Kommission zur Ausarbeitung der Bundesstatuten eingesetzt. In jüdischen Kreisen hofft man, daß die neue Organisation zu einer gegenseitigen Annäherung und Verständigung zwischen der Bevölkerung beffcragen wird. Antisemitische Propaganda auch in Jugoslawien! Der einflußreiche kroatische Bauernführer Raditsch, der aus inn/erpolitischen Gründen dile von den Bankiers Rothschild und Kuhn, Loeb & Co. vermittelte englische Anleihe für Jugoslawien bekämpft, hat eine antisemitische Propaganda unter der Bauernschaft eingeleitet, die dSe Juden mit Besorgnis erfüllt. Raditsch beschimpft in Bauernvarsamnilungen die Juden, die er die Verderber der Wirtschaft Jugoslawiens nennt, und predigt den Abbruch der Beziehungen zu diesen. Zum erstenmal wird das antisemitische Gift in die Herzen der jugoslawischen, insbesondere der kroatischen Bauernschaft geträufelt, die sich bis jetzt dem Antisemitismus ferngehalten hat Begründete Flucht vor den Juden. Zu den diversen HakenkreuzlerveTsammlungen haben Juden bekanntlich keinen Zutritt. Es siegt sich leichter gegen Abwesende und auch das schönste Kaffeekränzchen vierliiert an Reiz, wenn die gerade Fehlenden, an denen gewöhnlich kein gutes Haar gelassen wird, durch ihr plötzliches Erscheinen die völlige Ausschöpfung des Gesprächsthemas verhindern. Zu diesem negativen Grundle gesellt sich bisweilen auch ein positiver. So hat der Kaufmann Walter in Ilmenau alle Ursache, judenreine Versammlungen zu suchen. Dieser Herr hat in den letzten Jahren dreimal den Konkurs angesagt. Am 18. April nachmittags fand die Gläubigerversammlung statt und am Abend desselben Tages leitete der Bänke r o 11 e u r eine nationalsozialiis tische Versammlung. Die Werbeplakate trugen in fetten Lettern den üblichen Vermerk: „Juden haben keinen Zutritt!" Herr Walter hätte wohl am liebsten schon bei der Gläubigerversammlung diese Parole praktiziert gesehen, denn von seinen 90 Gläubigern waren nicht weniger als 7 8 Juden! Die nationalsozialistische Einstellung dieses wackeren Teutonen ist also geradezu ein Schulbeispiel für die psycho-analytißche Wissenschaft von den verdrängten Wünschen und Affekten. „Das Hakenkreuz wieder über Berlin". Unter dieser Ueberschrift gibt der Münchener „Völkische Beobachter'" seinem Jubel über die jüngst erfolgte Aufhebung des Verbotes gegen die Nationalsozialistische Arbeiterpartei in tserlin und Freuiien in folgenden Worten Ausdruck: „Die NatiorDalsozilaiistische Deutsche Arbeiterpartei wurde nach fast einjährigem Verbot neu gegründet in der Hauptstadt der vereinigten Unmoral, des marxistischen Hasses und des jüdischen Thrones. Die Ortsgruppe Berlin zeigte in feierlichem Festakt, daß sie stand ... Im Kriegervereinshaus fand sich in stolzer Kraft die Ortsgruppe Berlin zusammen, stärker als damals. 4000 Menschen. Massen, die wieder umkehren mußten. Es wären 6000 geworden.....Die, S.-A. machte noch einen Propagandamarsch durch das dunkle Berlin mit entrollten Fahnen. Hunderte schlössen sich an und Tausende mögen dem schwarzen Hakenkreuz in Stolz gefolgt sein." Das völkische Blättchen scheint zu vergessen, daß wir nicht mehr in der Karnevalszeit leben. Die Lage der Juden in Rumänien und Ungarn. Lucien Wolf erstattete kürzlich den Berich* des Joint Foreign Committee über die Lage der Juden in Rumänien und Ungarn: man sei in ruhiiges Fahrwasser gekommen, obwohl noch einigte gefährliche Klippen vorhanden sind. Aus Rumänien sind in der letzten Zeit keine Klagen eingetroffen, in Ungarn ist dile Numerus clausus- Frage technisch verworren. Der in Rumänien befolgte Kurs steht in Einklang mit den Versprechungen der Regierung und den ihr vom Joint im Jänner unterbreiteten Vorschlägen. Symptome antisemitischer Verhetzung zeigten sich wohl, aber die Regierung schritt energisch e«. OeffenJfcliche Versammlungen antisemitischer Studenten wurden verboten, und dfca Polizei angewiesen, alle Personen zu verhaften, die die jüdischen Studenten an der Ausübung ihrer Studien zu hindorn versuchen. Angesichts der politischen Krise im lande gäbt die Lage dennoch zu Besorgnissen Anlaß. Die Regierung hat das Komitee verständigt, alles zu tun, um den berechtigten Wünschen der jüdischen Bevölkerung entgegenzukommen. Billig. Richard Schuster, Leiter der Weinberger- Filiale in der Schönbrunnerstraße, verlangte 'eine Gehaltserhöhung, und als er sie nicht bekam, machte er gegenüber mehreren Kunden abfällige Aeußerungen über die Firma, nannte den Kommer zialr alt Wilhelm Weinberger Saujud und Ausbeuter, der sowohl die Kunden als auch das Personal ausbeute. Er werde die Kunden schon soweit bringen, das Geschäft nicht mehr zu besuchen. Kommerzialat Weinberger entließ ihn, er als davon Kenntnis erhielt, und klagte ihn wegen Ehrenbeleidigung. Schuster leugnete und behauptete, dile Klage sei nur gemacht, um sich die Zahlung der Abfertigungssumme zu ersparen, Zeugen aber bestätigten, was inkriminiert war, und so 'wurde Schuster zu dreißig Schilling Geldstrafe verurteilt, wogegen er noch berief. Der gute Mann soll froh sein, daß er so billig davongekommen ist, denn eigentlich gebührt ihm für seine, das Ansehen eines bekannten Wiener Geschäftsmannes herabsetzenden und dessen persönliche Ehre beleidigenden Aeußerungen sicherlich eine bedeutend höhere Strafe.