Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ott WAHRHEIT iiiiiiiiifliiiiiiiHiiriHiiuiM Seite 9 HOTEL „NATIONAL il TM Restaurant TO Wien II.. Taborstraße 18 S?.,eÄ Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u, Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. VorzQgl. wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. der Absicht Kenntnis genommen, eine Union demokratischer Juden der Wojewodschaft Schlesien zu gründen . . . Wir verstehen den Zionismus als eine religiös-romantische Bewegung; wir begreifen auch die in ihm liegenden Asylgedanken, daß Juden aus Ländern, in denen sie wegen allzu starkem Antvsemütismus nicht mehr leben können, in Palästina die Möglichkeit einer neuen Heimat, die zugleich geschichtlich die alte Heimat ist, geboten wenden soll. Aber soweit der Zionismus jüdisch-völkische Ideen hat, lehnen wir ihn ab. Dieser „nationale Zionismus" ist nicht nur Wasser auf die Mühlen der Antisemiten, sondern ist auch unjüdisch. Denn der Talmud will, daß die Juden in ihren Gastvölkern heimisch werden; er macht ihnen den Gehorsam gegen die Obrigkeiten ihrer Gastvölker zur religiösen Pflicht und erklärt, daß die Staatsgesetze der Völker, unter denen die Juden wohnen, für diese ebenso verpflichtend seien wie die jüdischen Religionsgeseltze." Der Präsident der israelitischen Kultusgemein de in Krakau, Dr. Raffael Landau, telegraphierte: „Eng mit dem Judentum und unserem Staate verwachsen und Freunde der Idee der Demokratie, wünschen wir Urnen zu Ihren Bestrebungen fruchtbringende Arbeit und vollen Erfolg." Das lokalpoliitisch ungemein wichtige Ereignis der neuen Parteigründung bot Freund und Gegner eine große Ueberraschung; das totgesagte liberal-demokratische Beelitzer Judentum ist auferstanden, der „absterbende Zweig eines ausgehöhlten Baumes", wie man die dortige Judenschaft alten Schlages vielfach spöttisch nannte, hat kräftige Beweise seines unverwüstlichen Daseins geliefert. Der Festsaal dier Kultusgemeinde war zu klein, um die in Massen Zuströmenden zu fassen. Es konnten nur 340 Besucher Einlaß finden, 340 wahlberechtigte Männer aller Stände und Schichten, denen das Wohl und Wiehe unserer Gemeinschaft nicht Parteiphrase, sondern Herzenssache ist. Als der Andrang schon beängstigende Formen annahm, eröffnete der Einberufer, Herr Heinrich Braun, die Generalversammlung und sab in der Begrüßungsrede seiner freudigen Ueberrasehung über den Massenandrang Ausdruck. Nach der Wahl des Büros ergriff als erster Referent Herr Dr. Ludwig H e i l p e r n das Wort zu ejner formvollendeten Rede, in der er die letztens eingerissenen unerquicklichen Verhältnisse in markanten Worten .schilderte und die Richtlinien für den Wirkungskreis der „Union" zeichnete. Treffend führte Dr. Heilpern aus, daß die Gegenseite mit brennender Ungeduld auf ein weitschweifiges Programm warte und je nach dem Vorhandensein eines solchen uns Zukunft und Existenzberechtigung zuerkennen oder absprechen wolle. Wie leicht wäre es, meinte der Redner, in arithmetischer Reihenfolge mit wohltönenden Worten lange Programme und großartige Versprechungen aufzustellen, die sich dann als Luftschlösser und Wahlphrasen entlarven. Mit wenigen, aber markanten Worten zeichnete der Redner die Ziele und Zwecke der „Union", die für Demokratie, Liberalismus, für weltbürgerliche Einstellung unseres Judentums und für ein verständnisvolles Zusammenwirken zwischen Juden und Nichtjuden auf allen Gebieten des sozialen, kulturellen und öffentlichen Lebens eintreten, wolle. Aus diesen Grundtendenzen ergäbe sich von selbst die Ablehnung des politischen Zionismus, des rassenStheoretischen Nationalismus und die Betonung der Judenschaft als religiös-ethischer Gemeinschaft. Der Versuch, die Pflege der Religion als einzigen Lebenselementes des Judentums durch die nationalen und politisch-zionistischen Irrlehren zu erseitzen, sei fürs Judentum verhängnisvoll. Es gelte, die liberal-demokratischen Traditionen unserer Vorfahren sowie die hochstehenden religiösen und sozialen Instatulonen unserer jüdischen Religionsgemeinschaft vor dem Ansturm neuer Richtungen, die die Welt bisher noch keinesfalls zu beglücken vermochten, zu bewahren. Der Redner wandte sich mit bewegten Worten gegen die Hebraisierung und Politisierung dpx Jugend, gegen den Mißbrauch der hebräischen Sprache als nationalem Demonstrationsmittel für kaum vierjährige Kinder in den hebräischen Kindergärten und beitonte die Notwendigkeit der Erlernung, des Hebräischen allerdings erst in einem späteren Alter und aus religiösen Gründen, um in den Geist unseres heiligen Schrifttums einzudringen und dem Gottesdienste mit Verständnis folgen zu können. Die Ethik der jüdischen Religion, Familiensinn und Hilfsbereitschaft seien die Fundamente des Judentums. Die Entwicklung, wie sie die Zionisten in den letzten Jahren hier anstreben, müsse zwangläufig zur Errichtung einer chinesischen Mauer zwischen Juden und Nichtjuden und zur Rückkehr in ein neues Ghetto führen. Unter lebhafter allgemeiner Zustimmung sprach sich Redner auch gegen die Ausnützung der charitativen Bereitwilligkeit der Beelitzer Judenschaft zu üeldsammlungen für uns fernliegende Zwecke (Keren Hajessod) aus, während die einheimischen Wohlfahrtseinrichtungen bitterste Not leiden. Reichlicher Beifall lohnte die Ausführungen des Referenten. Als zweiter Redner betrat, stürmisch begrüßt, Herr Prof. Feuerstein die Tribüne und gab in fesselnden Worten einen Ueberblick über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen der zionistischen und liberal-demokratischen Judenschaft in Bielitz in den letzten Jahren. Der Redner mußte zugeben, daß man liier durch eine unangebrachte und zu weitgehende Nachgiebigkeit, die die Gegner immer mehr als. ein Zeichen der Schwäche deuteten, gesündigt habe. Von stürmischem Applaus immer wieder unterbrochen, geißelte Prof. Feuerstein die terroristische und entartete Kampfart der Zionisten, die jedem Gegner glatt die Moral und Ehre absprechen und in der Verunglimpfung und Besudelung der Juden anderer!Jarteirichttingen es ruhiig mit den wüstesten Antisemiten aufnehmen könnten. Die allgemeine Empörung über die vom Redner geschilderte Verwilderung der Kampfmethoden löste immer wieder stürmischen Beifall für die Worte Prof. Feuersteins aus. Als Dritter sprach noch Herr Kultuspräsident Simachowicz, der die Spaltung innerhalb des Judentums vom Standpunkte des allgemeinen Wohles tief bedauerte, aber gleichfalls die Unmöglichkeit einer weiteren Verkleisterung der offenbar bestehenden Gegensätze zugab. Nun schritt man zur Wahl, die per acclamaltiion vorgenommen wurde und folgendes Ergebnis zeitigte. Präsident: Heinrich Braun, erster Vizepräsident: Dr. Ludwig Heilpern, zweiter Vizepräsident: Isidor Huppert, Kassier: Moritz Huppert, Schriftführer: Dr. Segel. Unter allgemeinem, starken Beifall der ganzen Versammlung teilte der Vorsitzende mit, daß Herr Dr. Fritz S e i f t e r sich bereit erklärt habe, das Sekretariat ehrenamtlich zu übernehmen. Die Konstituierung der neuen Partei stellt eine überaus wichtige Neuorientierung dar, die bald über ihren gegenwärtig noch lokalpolitischen Rahmen hinaus sich auch auf Ostoberschlesien ausdehnen wird. Man plant schon demnächst die Gründung eines I^andesverbandes für ganz Polnisch-Schlesien. Daß gerade in Bielitz der Boden für eine derartige Bewegung sehr günstig ist. beweisen die vielen Beitrittserklärungen neuer Mitglieder, die bald nach der GoneialVersammlung knapp 300 erreichten und heute sicii schon dem vierten Hundert nähern. Es ist charakteristisch, daß unter den neuen Mitgliedern der „Union'4 sich eine ganz beträchtliche Anzahl solcher befindet, die bisher jahrelang dem zionistischen Verein „Haschachar" angehörten. Die Konstituierung der „Union'" wird einen Umschwung in den bisherigen mißlichen Verhältnissen bringen und das oberschlesische Judentum vor den schweren Gefahren bewahren, die bei einer Fortdauer des parteipolitischen Terrors nationaler Heißsporne ihm drohen.