Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 19 (11.5.1928)
- Date
- 1928-05-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seift 8 JHiiiuiBflHiR mmm n dec XInien dLeutfch-csteevcicKischev Juden r/ ^rttfwrfcxsÄgl^ 4 %i«faK:19~2-7? Gründung einer „ Union demokratischer Juden Polnisch- Schlesiens' Am 28. v. M. fand im Festsaale der Beelitzer israelitischen Kultusgemeinde die konstituierende Generalversammlung einer „Union demokratischer Juden Polnisch- Schlesiens" statt Fast alle Kreise der jüdischen Bevölkerung dieses Landes erblicken in der neuen Parteigründung den Auftakt für eine Umorientierung der dortigen Judenschaft, die nun wieder nach Jahren einer politischen Entmündigung, verärgert und überdrüssig all der nationalistischen Irrlehren den Weg zu den alten Tradflttonen ihrer Väter und Großväter 2Mrückgefuinden hat. Allenthalben herrscht uneingeschränkte Begeisterung für das neue Werk, dessen Gelingen sehnsüchtig erwartet wird. Ueber den engen Kreis hinaus hat die Gründung der „Union" größte Anerkennung gefunden. Nicht nur aus den Nachbarstädten, auch aus den großen Weltzentren sind von den bestehenden Schwesitierverbänden eine Anzahl von Telegrammen und Beglückwünschungen eingetroffen, von denen hier nur die markantesten auszugsweise wiedergegeben werden mögen. So telegraphierte der Präsident des Weltverbandes für liberales Judentum, Sir Montef i o r e, aus London: „Im Namen der Weltunion für das liberale Judentum entbiete ich Ihnen die herzlichsten Glückwünsche zur Gründung Ihrer „Union", von der wir mit größtem Interesse Kunde nahmen." Der „Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu Berlin, die größte und maßgebendste jüdische Organisation Deutschlands mit über 75.000 Mitgliedern, schrieb in einer überaus herzlich gehaltenen Zuschrift u. a.: „Mit lebhafter Genugtuung und Freude haben wir von der Gründung der „Union" Kenntnis genommen und sprechen den in ihr vereinigten Glaubensbrüdern, die den Kampf gegen den Judenhaß auf den bewährten Grundlagen unseres Centrai-Vereines führen wollen, unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Wir sind überzeugt, daß die Bestrebungen, der Gerechtigkeit»gegenüber den Mächten der Unterdrückung und Verhetzung zum Siege zu verhelfen, in dem Maße von Erfolg gekrönt sein werden, in dem sie von dem ehrlichen Wollen aufrechter und kampfesfroher Menschen getragen sind." Für die „Union deutsch österreichischer Juden" richtete ihr Präsident Dr. Orn stein an den neugegründeten Verein ein Schreiben, dessen charakteristis eheste Stellen lauten: „Es gereicht uns zu ganz besondlerem Stolze, daß auch Ihre Vereinigung, wie die unsere es bereits seit mehr als 40 Jahren unentwegt tut, die Bekämpfung des Antisemitismus und der Vorurteile gegen das Judentum durch eine umfassende Aufklärungsarbeit zu ihrem Programm machen will, und demgemäß eine wirksame Abwehr aller auf die Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze gerichteten Bestrebungen anstrebt. Auch wir propagieren in diesem Sinne ein verständnisvolles Zusammenwirken mit den andersgläubigen Bürgern in allen sozialen und kulturellen Fragen." Die „Vereinigung für das liberale Judentum in Berlin" schrieb u. a.: „Wir müssen eine verhängnisvolle Verirrung darin erblicken, wenn ein Teil unserer Glaubensgenossen das Judentum auf eine bestimmte Rasse, Nationalität oder gar auf ein bestimmtes Territorium beschränken will. Die Religionsbegriff und daher auch der Begriff des Judentums verträgt eine solche Einschränkung nicht, vielmehr vertreten wir die Auffassung, daß jeder Mensch, welcher Rasse und welchem Volk er angehören und in welchem Lande er leben möge, Jude sein kann, sofern er sich zur jüdischen Religion bekennt und ihre Pflichten erfüllt; und daß umgekehrt derjenige, der seiner Abstammung nach Jude ist, aufhört es zu sait, w«m «r der jüdüschen Religion den Rücken kehrt. Im M Judentum erblicken wir somit eine Religion mit hohen Kulturaufgaben. Um diese jedoch zu erfüllen, darf sich die jüdische Gemeinschaft nicht auf sich selber stellen und gleichsam in einen Winkel der Geschichte zurückziehen, sondern muß vielmehr unter Ablehnung aller politisch-nationalen Sonderbestrebungen die Emanzipation der Juden in allen ihren Heimatländern anstreben. Die kulturelle Verwurzelung der Juden in den Ländern, die ihre jeweilige Heimat sind, entspringt also jüdisch-religiösen Erwägungen und wir wissen hier die patriotischen Ideale der einzelnen Judenschaften in den verschiedenen Ländern in völligem Einklang mit den Idealen des prophetischen Judentums. Wir hören mit Freude und Genugtuung, daß auch Ihre Union Judentum als Religion auffaßt, aller Verschärfung der konfessionellen und Rassengegensätze entgegenarbeitet, ein verständnisvolles Zusammenwirken mit den andersgläubigen Bürgern in allen sozialen und kulturellen Fragen propagiert, die Isolierung gegenüber der christlichen Umwelt ablehnt und daß die Mitglieder Ihrer Union sich als loyale Staatsbürger ihres Landes betrachten. Durch die Aufstellung solcher Ziele wird gleicherweise dem Judentum als auch der nichtjüdischen Welt unendlicher Nutzen gestiftet, indem das neue Aufblühen eines lebendigen religiösen Judentums sowohl nach innen wie auch nach außen wirksam wird. Aus all diesen Erwägungen heraus bewerten wir Ihre konstituierende Generalversammlung als ein segenversprechendes Ereignis." Der neugewählte jüdische Senator Dr. C. Szabad aus Wilna, Führer der jüdischen demokratischen Volkspartei im Polen, eine der markantesten jüdischen Persönlichkeiten Polens, schrieb u. a.: „Unsere Partei, die 'einen Kampf nach rechts mit: den Zionisten und nach links mit den extremen Parteien führen muß, vernimmt mit großer Genugtuung, daß in Polnisch-Schlesien sich eine unseren Zielen nahestehende Organisaitlion konstituiert. In richtiger Erkenntnis des historischen Schicksals das Judentums, zerstreut zu leben in verschiedenen Ländern und mit verschiedenen 'Völkern (Diaspora), betrachten wir die zionistischen Bestrebungen, die letzten Endes darauf hinauslaufen, nach Palästina zurückzukehren und dort ein jüdisches Reich zu bilden, für eine gefährliche Utopie, vor der das Judentum nicht genug oft und eindringlich gewarnt werden kann. Denn niemals kann es gelingen, auch nur einen Bruchteil des wirtschaftlich entwurzelten Judentums in Palästina bodenständig zu machen. Gefährlich ist der Zionismus auch aus dem Grunde, da er unsere wertvollsten geistigen und materiellen Kräfte und ganz enorme Geldmittel (Keren Hajessod) einseitig für Palästina verschwenden möchte und uns in den Ländern, die uns zur Heimat geworden sind und die der Zionismus fälschlicherweise mit „Galuth" (Verbannung) bezeichnet, entwurzelt. Das Judentum in Polen muß für die Erlangung voller Gleichberechtigung kämpfen, für größere Berücksichtigung bei der Besetzung von staatlichen Aemtern und soll sein Hauptaugenrraerk darauf richten, die jüdische Bevölkerung einer produktiven, mögJichst landwirtschaftlichen Betätigung zuzuführen und die Handwerkerausbildung zu heben. Die jüdisch-demokratische Partei zielt auf den Sieg demokratischer Prinzipien im gesellschaftlichen und politischen Leben hin, auf die Gleichheit und Zusammenarbeit aller Völker und tritt für moderne weltliche und vor allem europäische Kultur, also für den allgemeinen Fortschritt ein — zum Heil für unseren Staat und die ganze Menschheit." Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in Berlin und sein Vorsizendcr, Reichsminister a. D. Dr. Ing. Gothein, richteten zwei herz^ liehe Glückwunschschreiben^ wo es u. a. heißt: „Mit lebhaftem Intere-sse hat der Verein zur Abwehr des Antisemitiismus von