Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 18 (4.5.1928)
- Date
- 1928-05-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT iiiünnimuniinniniiiiu inwiiiiiuiiiwiunuiuiiiiininniiinniiiiuimtinii^ Seite 3 Die innerpolitische Zusammensetzung der Wiener Judenschalt äußert sich, insoweit dies bei einem auf Zensus basierenden Wahlrecht angenommen werden kann, in der Leitung der Gemeinde, welche aus einem 36gliedrigen Vorstand besteht. Derzeit ist die liberale Partei („Unionisten") mit 17 Mitgliedern die stärkste Partei und bildet mit den drei Orthodoxen (Agudisten) die Majorität, welcher der Präsident und der Vizepräsident entnommen sind, die zweitstärkste Partei sind die Zionisten mit neun Mandaten, die ebenfalls einen Vizepräsidenten haben; ihnen sind zwei Misrachisten angegliedert. Außerdem sind fünf Sozialdemokraten (keineswegs Poale Zion) im Vorstand vertreten. Mansieht, daß in Wien eine ähnliche Gruppierung der Judenschaft herrscht, wie in Prag, nur haben an Stelle der verschiedenen Assimilationsrichtungen und an Stelle der tschechisch-deutschen Auseinandersetzungen innerhalb der Juden, wie sie sich jetzt in den bedauernswerten Sprachenkämpfen äußern, die sozialen Gegensätze größere Bedeutung... Daß der Zionismus in Wien nicht auf der Höhe steht, ist bekannt. Es ist symptomatisch, daß das jüdische Gymnasium mit finanziellen Nöten kämpfen muß. obzwar es in einem alles eher als einwandfreien Gebäude untergebracht ist. und die Zionisten Wiens diese ihre einzige Schule — eine Volksschule besteht nicht — kaum erhalten können. Der Wiener Zionismus lebt in seiner Zersplitterung eine Krise durch und inzwischen geht ihm die Jugend teilweise verloren. Der Wiener Boden ist derzeit für Zionismus wenig fruchtbar und das ist angesichts der numerischen und der inneren Bedeutung dieses .Tudentumes. in welchem national-kulturelle Werte der Ostjuden und des bodenständigen Judentums eine höhere Synthese zu schaffen fähig wären, sehr zu bedauern. Noch ein Wort wäre dem großen Juden zu sagen, den Wien unlängst verloren hat. Oberrabbiner C h a j e s. Er wird überall betrauert, von Liberalen und Konservativen, von deutschen Juden und von Zionisten, von Leuten der Fürsorge und des Schulwesens. Oft und oft habe ich große Trauer gefühlt, welche sein Tod verursacht hat, und viele Werke sind verwaist, denen seine Hand, seiim Kopf und sein Herz fehlen. Die Juden haben überall eine solche Gemeinde, wie sie selber sind. Ich habe versucht, ein Bild der Wiener Judengemeinde zu schildern; man kann daraus Schlüsse auf die Wiener Juden ziehen. VCkvbd jlbcnnentmfüvMu Wahtkeä! Religion oder Illusion? Eine Auseinandersetzung mit dem Buche Professor Sigmund Freuds: ..Die Zukunft einer Illusion", von Medizinalrat Dr. Heinrich Haase. Wien und Leipzig, Verlag Moritz Perles. Der Verfasser gehört zu jener nicht allzusehr verbreiteten Spezies von Schriftstellern, die sich nicht mit einer flüchtigen Stellungnahme zu einem Streitproblem begnügen, sondern mit tief schürfendem Sinne die auftauchende Idee in allen ihren Ausstrahlungen zu erfassen versuchen. Es darf als ein erfreulicher, ansehnlicher Gewinn für das Judentum verzeichnet werden, daß Dr. Haase seine geistige Arbeit dem in der Gegenwart am meisten gefährdeten Teile desselben widmet: dem jüdischen Glauben, der jüdischen Religion. Es ist wohl psychologisch erklärbar, wenn nach Jahrhunderten, oder sogar Jahrtausenden religiöser Hochflut eine gewisse Ebbe in den Gemütern der Menschheit eingetreten ist, und wenn — nach dem Lehrsatze vom locus minoris resistentiae — gerade die jüdische Religion im Herzen ihrer Angehörigen einer oft erschreckenden Gleichgültigkeit begegnet. Der moderne Jude, ohne gerade den letzten verbindenden dünnen Faden mit seinem Ursprünge lösen zu wollen, spielt gerne mit dem Gedanken, daß eigentlich das jüdische Bekenntnis für ihn ein geistig wie seelisch überwundener Standpunkt sei, daß er aber in demselben verharre, weil er momentan nichts Besseres vorfinde. (Rathenau, Poppe r- Lynkeus, Bernstein.) Hier setzte Haase bereits in einer früher erschienenen Schrift ein: „Frommt uns ein neuer Glaube?" Bekanntlich polemisiert Moses Mendelssohn in seinem Werke: „Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum" gegen *) Zuerst in der „Wahrheit" veröffentlicht. sondert ihn jedoch ab: „an einen Asylort muß er fliehen" (IL B. M. Kap. 21, V. 13). Wie wenig geachtet das Leben des Nebenmenschen in den alten Gesetzen war, ergibt sich aus der Anwendung ihrer Todesstrafen. Das assyrische Recht verhängt die Todesstrafe über die Gattin, die den Mann am Krankenbette bestiehlt. Ebenso über die Gattin, die dem Manne die eheliche Treue bricht. Der Ehebruch seitens des Mannes wird nicht bestraft. Somit kein ethisches Gesetz, wie bei Moses, zur Reinhaltung der ehelichen Sitte, sondern bloß ein Besitzschutz des Mannes. (I. B. M. Kap. 20. V. 13.) Wegen Vergewaltigung einer verheirateten Frau verhängt das assyrische Recht die Todesstrafe, nichts dergleichen geschieht zum Schutze eines nicht verheirateten weiblichen Viesens, Witwe oder Mädchen. Somit bloßer Besitzschutz des Mannes. Das assyrische Recht verhängt die Todesstrafe für die „Verhexung" eines Menschen, ein Aberglaube, den die mosaische Kultur n'cht kannte und der bis ins Mittelalter währte, wo durch die bekannten Hexenprozesse unschuldige Hysteriker, deren unempfindliche Körperstelle als „Signum diabolis" bezeichnet war, ums Leben kamen. Das assyrische Recht verhängt die Todesstrafe für boshafte Vernichtung des Viehstandes bei Erbstreitigkeiten. Das chittische Recht verhängt die Todesstrafe laut Taff] II. § 55. für Zauberei. § 58 für Beleidigung dös Gerichtes. § 23 für Beraubung der Tempel. Nach babylonischem Recht (Hamu Rabi, §§ 116, 210, 237) erleidet die Todesstrafe der unschuldige Sohn oder die unschuldige Tochter, in Substitution für den schuldigen Vater. Obiges sind Beispiele vormosaischer Gesetze, wie sie die Archäologie ausgegraben und die Bibel bezeugt hat. Sie sind Kodifizierungen von Barbarismien. * * Verschwunden samt ihren barbarischen Gesetzen sind die Babylonier. Assyrer und Chittim; doch unverbraucht stehen sie da, bis auf den heutigen Tag, die Träger des mosaischen Gesetzes, um allerorts unter allen Völkern in Religion und Wissenschaft, im Privatleben und in sozialen Einrichtungen, seinen erlösenden Gedanken der Humanität, des höchsten Gutes der Menschheit zu verfechten. Um aber diese in Wirklichkeit umzusetzen, mußte Moses zunächst ein Volk erziehen, welches Träger dieses Gedankens sein könnte. Kaum die Grenzen Aegyptens überschritten, wurde ihm klar, daß diejenigen es nicht sein können, denen durch 300 Jahre ägyptischer Knechtschaft eingeprägt wurde, daß die Vornehmen mit dem Privileg geboren, die Niederen zu unterdrücken, und daß die Niederen auf die Welt kommen, um den bedrückbaren Stoff abzugeben. Solch ein 300jähriger Anschauungsunterricht konnte ein Gottvertrauen nicht aufkommen lassen. Moses mußte aber ein Volk erziehen, welches Träger des Gottesgedankens, inmitten aller Drangsale Gott vertrauend, ihn als Lenker des menschlichen Schicksals und des Schicksals der Völker wissend, erhabenen Hauptes, durch Welt und Zeiten schreitet. So führte er sein Volk durch 40 Jahre in der Wüste