Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 17 (27.4.1928)
- Date
- 1928-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite S jiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiuiiiiiujiiiiiimiiniiiiiiiiuiiuiuin Dffi WAHIWEIf .jV „Jetzt erkenne ich, welchen dummen Bubenstreich ich begangen!" * * * Dieser eine antisemitische Student mag nach der gelungenen Operation gründlich kuriert das Spital verlassen haben, ohne daß zu befürchten wäre, er könnte wieder rezidiv werden. Vielleicht nahm er sogar auch die Erkenntnis mit, daß nicht nur die Beschimpfung jüdischer Professoren, sondern auch die Mißhandlung jüdischer Studenten und ihre Vertreibung aus den Lehrsälen keine Heldentat, sondern gleichfalls eher einen „Bubenstreich" bedeutet. Wer weiß, vielleicht hat dieser junge Rassenschützler im Glücksgefühl der wiedergewonnenen Gesundheit am Ende gar das Verhalten des Professors Adam mit dem der antisemitischen Professoren an der Budapester Universität verglichen. Dann mag er wohl plötzlich erkannt haben, daß auch weißbärtige Professoren im Grunde genommen einen „Bubenstreich", wenn nicht Schlimmeres begehen, wenn sie aus kon? fessionellen Gründen Unterschiede zwischen lernbegierigen Menschen machen. Denn nur die Männer, die angeblich Diener der reinen Wissenschaft sein wollen, waren es, die durch Lehren und Beispiel die schmachvolle antisemitische Hetze an den Universitäten ermöglichten und in erster Reihe schuld daran sind, daß die der Wissenschaft geweihten Hallen frechen Raufbolden zur Propagierung ihrer Rassentheorie ausgeliefert wurden. Die Professoren hätten dafür eintreten müssen, daß die antisemitischen Knüttelhelden und nicht die wissensdurstigen Studenten vom Besuche der Universität ausgeschlossen werden. * Was hilft es, wenn von den vielen Hunderten antisemitischen Studenten, die einst berufen sein werden, als Aerzte, Lehrer, Richter usw. im praktischen Leben zu wirken, einer reuig seinen Irrtum bekennend, die Universität verläßt? Was ist von den anderen zu erwarten, zu befürchten? Wird sie die später eintretende geistige Reife eines Besseren belehren? Der Hinblick auf die Vielen, die heute schon vom Katheder aus ihre antisemitische Weisheit verkünden, ist wahrlich nicht geeignet, allzu optimistische Hoffnungen zu nähren. Wie viele gibt es, die persönlich Grund haben, das Dankgefühl einem Juden gegenüber anzuerkennen, es jedoch ganz ausgezeichnet mit der Mißachtung gegen alle Juden zu vereinen! Es gibt nicht wenige, die ihr antisemitisches Bekenntnis mit der Versicherung einleiten: „Ich selbst kenne unter den Juden außerordentlich ehrenhafte, hochachtbare Menschen, aber . . ." Weiß der liebe Himmel, die Juden sind viel seltener in der angenehmen Lage, in einer ähnlich verklausulierten Weise von den Antisemiten zu sprechen . .. * * * Man verallgemeinert, wenn es die Juden gilt, immer mit Vorliebe nur das Schlechte, das man bei einem sucht, aber beileibe nicht das Gute, das bei vielen gefunden werden könnte. Was hören z. B. nur zu oft die Kinder in den Schulen, die Erwachsenen in den Kirchen von der Schuld, die vor Jahrtausenden Juden auf sich geladen und die nicht bis in das dritte und vierte Geschlecht, sondern bis in das tausendste geahndet werden müsse? Hören sie auch so viel von den ruhmvollen Verdiensten des jüdischen Volkes, von der Dankesschuld, die die gesamte Kulturwelt der Religion Israels schuldet? Wer daran erinnert, der bildet zu allen Zeiten, wie auch heute, eine vereinzielte Ausnahme. Güdein ann pflegte gerne eine Anekdote von einer solchen Ausnahme zu erzählen. Der mit Güdemann befreundete Professor Siegfried, einer der größten Orientalisten unter den christlichen Gelehrten, war von einem jungen Theologen um Rat und Beistand bei einer wissenschaftlichen Arbeit gebeten worden. Dieser wollte nämlich, angeregt durch Geigers Studie „Was hat Mohammed aus dem Judentume aufgenommen?" die Frage erörtern: „Was dankt das Christentum dem Judentume?" Professor Siegfried gab ihm den kurzen, aber erschöpfenden Rat: Schreiben Sie einfach: „Es dankt ihm alles". Anekdoten gewinnen in der Regel durch ihre Wiederholung nicht an Wert; diese aber dürfte doch auch eine Ausnahme bilden. Ego. Henri Tones. Ueber Henri Torres, den mutigen Verteidiger Schwarzbards, schreibt der Pariser L. W.-Berichterstatter des Jüdischen Wochenblattes für die Schweiz: Das kürzlich stattgehabte Meeting gegen die Pogrome in Rumänien hatte ihn keineswegs als Redner vorgesehen. Ueber 10.000 P e r s o n en fanden sich ein, in Ordnung gehalten durch ein gewaltiges Aufgebot Polizisten, der Aufmarsch dauerte 2 Stunden, und immer kamen noch neue an. Einstein, Langevin, Nitti, Godard, Buisson und eine weitere Galerie bedeutender Zeitgenossen hatten gesprochen oder hätten sprechen sollen, als Torres mitten im Referat eines dieser Großen in den Saal kommt. Das Publikum erkennt ihn; es beginnt eine Begrüßung, wie sie wohl kräftiger nicht gedacht und ausgeführt werden kann. Natürlich ist der nächste Redner Torres, und er beginnt seinen Vortrag in einem mächtigen Beifallssturm, der während der einstündigen Rede nicht zur Ruhe kommt. Aber das geniert den redegewaltigen Advokaten nicht; er überschreit mit seinem Baß die Stimmen Zehntausender; er wandert von einem Ende der Bühne zum andern, beugt sich vor und zurück, beugt sich auf diese, dann auf die andere Seite, wendet sich zum Präsidenten, dann wieder zum Publikum, schlägt auf den Tisch, daß er knarrt; die Hände, die Finger, der Kopf, alles spielt mit, und der Meister bringt das Publikum, das inzwischen aufgestanden ist, zur Raserei. Nur einmal wird es ruhig im Saal, als er auf Pe 11 j u ra zu sprechen kommt. Die ukrainischen Banden, ruft er aus, die ich anzuklagen hatte, waren Kinder gegen die rumänischen Wüstlinge. Dort hatten wir es mit einer ungesitteten Soldateska, hier aber mit Professoren undStudenten zu tun, die behaupten, die Schüler Frankreichs zu sein, und die Frankreichs Rolle im Osten spielen wollen. Wir hier in Paris, erklärt Torres mit Zustimmung der anwesenden Professoren der Sorbonne, schämen uns, daß solche Menschen unsere Schüler waren und unsere Sprache sprechen. Den Vorschlag, Pogrommarken mit der Aufschrift „Das duldet die rumänische Regierung" auszugeben, findet er glänzend; sie werden die Schande der Rumänen durch die ganze Welt tragen. Ehemals, sagt Torres weiterhin, bei den Pogromen von Kischinew haben die jüdischen Banken ihre Beziehungen mit Rußland abgebrochen; falls sie es heute nicht tun, werden wir sie samt ganz Rumänien boykottieren und Mittel und Wege finden, die ,die Duldung solcher Verbrecher im Zeitalter des - Völkerbundes unmöglich machen. In dieser Weise spricht der gewaltige Torres eine Stunde lang, von einer geistreichen Redewendung zur, noch besseren, und wie er aufhört, tost der Sturm so mächtig, daß er tagelang nachher noch in den Ohren tönt. Der Advokat Torres hat sich einen dauernden Platz in der jüdischen Geschichte erobert, und wenn man mit einem Juden über Torres spricht, leuchtet sein Auge und er fühlt sich sicher, solange sich solche Verteidiger - seiner annehmen. i;, .i ' »