Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 16 (18.4.1928)
- Date
- 1928-04-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 snitiiiiiiiiiiiiJiuiiiiiiniiiiiiininii Ißcrfitheifoh, vcn%lag& Unseren Christlichsozialen ins Stammbuch. Durch ein Dekret der Congregatio Sancti Officii wurde kürzlich vom Vatikan die Auflösung der sogenannten Vereinigung der Freunde Israels (Amici d'Israel) angeordnet, die eine starke Missionstätigkeit entfaltete. Das Dekret ist bemerkenswert wegen der darin enthaltenen Aeußerungen gegen den Antisemismus. Es heißt darin: „Die katholische Kirche war dem jüdischen Volke immer günstig gesinnt. Die katholische Kirche war stets bereit, für das jüdische Volk, dem Gott die Versicherung gegeben hat, daß Jesus Christus auf Erden erscheinen werde, zu beten, trotz und gerade wegen der Verblendung Israels. Im Geiste dieser Liebe für Israel hat der Apostolische Stuhl das jüdische Volk immer gegen ungerechte Bedrückungen geschützt. Ebensosehr wie er jeden Haß und jede Feindschaft unter den Völkern verwirft, so verwirft der Heilige Stuhl aufs schärfste den Haß gegen das erkorene Volk Gottes, jenen Haß, der im Antisemitismus in Erscheinung tritt." Diese Enuntiation des Vatikans ist sicherlich bemerkenswert, wenn sie auch in ihrem streng katholischem Sinne sich nicht enthalten kann, von einer „Verblendung Israels" zu sprechen. Wichtiger jedoch als diese Stelle, die sich nur aus der Messias- Auffassung des Vatikans erklären läßt, ist die Tendenz des Dekretes, die scharf gegen den Antisemitismus, die Volksseuche unserer Tage gerichtet ist. Da an diesen Haßorgien auch leider viele angeblich christlich gesinnte Kreise teilhaben, ist ihre Zurückweisung von der höchsten katholischen Stelle für uns von größter Bedeutung; es wäre nur zu wünschen, daß der Gesinnung des Papstes die vom Antisemitismus „verblendeten" Christen nacheifern würden. Eine neue Krise. In der österreichischen zionistischen Partei ist eine neue Krisis ausgebrochen. Nach einer scharfen Auseinandersetzung in der letzten Sitzung des Parteirates der österreichischen Zionisten, zu welcher das angenommene Vertrauensvotum für das Landeskomitee und den Präsidenten Dr. Goldhammer Anlaß gab (Radikale und Revisionisten brachten einen M i ßtrauensantrag ein, welcher abgelehnt wurde) haben sämtliche Vertreter der radikalen Zionisten ihre Mandate im Parteirat niedergelegt; gleichzeitig wurde der Vertreter der Radikalen im zionistischen Landeskomitee zurückberufen, so daß die Radikalen gegenwärtig in keiner einzigen leitenden und beratenden Körperschaft des österreichischen Zionismus vertreten sind. Die Revisionisten sind vorläufig im Parteirat verblieben und bemühen sich darum, eine Annäherung zwischen den Radikalen und der Mehrheit im österreichischen Zionismus herbeizuführen. — Bemerkenswert an dieser Meldung ist zunächst, daß wir sie nicht etwa einem unserer zionistischen Organe entnehmen — weder die offizielle „Stimme", noch die radikale „Neue Welt" hat bisher etwas über die neue Krise in unserem Zionistenlager veröffentlicht —, wir müssen uns vielmehr unsere Wissenschaft über diese brüderlichen Zwistigkeiten aus dem Auslande, nämlich aus der Prager zionistischen „Selbstwehr" holen. Auffallend ist ferner, daß nach dieser Nachricht gerade die Radikalen einen Mißtrauensantrag gegen Dr. Goldhammer einbrachten, der doch, soweit wir informiert sind, einer der Ihren ist. Daß die Herren nach Ablehnung ihres Antrages Austrittskonsequenzen. zögen, ist man bei ihnen schoii gewöhnt, sie haben sich ähnlich ja auch im Kultusvorstand verhalten. Daß man aber überhaupt Grund hat, mit Dr. Goldhammer unzufrieden zu sein, ist wohl das Verwunderlichste, er ist doch der Mann, von dem das Heil für unseren Zionismus kommen sollte, und nun auf einmal solch schnöder Undank?! Auch in Amerika. Stephen W i s e, der längere Zeit Präsident des United Palest ine Appeal gewesen war, ist aus dem Komitee desselben, sowie auch aus dem Landeskomitee der zionistischen Organisation ausgetreten. Es wird angenommen, daß dieser Schritt Stephen Wise's mit dem Kampf der Brandeis-Gruppe gegen die Weizmann-Polit i k zusammenhängt. Eine neue Konzentration der Brandeis- Anhänger ist im Gange. Am 15. April werden die Anhänger des Oberrichters Brandeis in Washington eine Beratung abhalten. Allgemein sieht man in den jetzigen Geschehnissen eine Wiederholung dies Zustandes, wie er im Jahre 1921 bestand, als Oberlichter B r a n d e i s an der Spitze seiner Gruppe die amerikanisch-zionistische Organisation verlassein hat. Lucien Wolf zur ungarischen Numerus-clausus-Frage. Bekanntlich hat der ungarische Außenminister im auswärtigen Ausschuß des Oberhauses erklärt, der Völkerbund habe die Abänderung des Numerus-clausus-Gesetzes, aus welchem die konfessionelle Klausel eliminiert worden ist, zur Kenntnis genommen und erklärt, daß diese Frage für ihn erledigt sei. Wie nun Herr Lucien Wolf, der im Namen des englisch-jüdischen Joint Foreign Commitee und der Alliance Israelite in Paris beim Völkerbund in der Sache des ungarischen Numerus clausus interveniert hat, gegenüber der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärt, kann seitens des Völkerbundes eine solche Erklärung gar nicht vorliegen, da die letzte Session des Völkerbundsrates am 10. März beendet war, also vier Tage bevor der neue Entwurf in Ungarn Gesetz, wurde, und der Rat erst am 4. Juni d. J. wieder zusammentritt. Unrichtig ist auch die Mitteilung, daß auf Grund der Petitionen des Joint Foreign Commdittee und der Alldance Israelite keine Aktion ergriffen worden sei. Gerade in Konsequenz einer solchen Aktion mußte sich die ungarische Regierung entschließen, den verbesserten Entwurf einzuführen; Das Joint Foreign Committee, schloß Lucien Wolf, wird sich in seiner nächsten Sitzung mit dieser Frage befassen und sich darüber schlüssig werden, ob eine weitere Aktion beim Völkerbundsrat notwendig sei. Poincare über den Zionismus. Wir haben in unserer letzten Nummer darüber berichtet, daß der französische Ministerpräsident Raymond Poincare auf eine Umfrage über den Zionismus u. a. antwortete: „Ich glaube, daß diese Bewegung in Frankreich, wo die Juden seit langer Zeit mit der Nation verschmolzen sind, keine Begründung hat." Der Pariser „L'Univers Israelite" schreibt im Zusammenhang mit dieser Meldung: „Einst warfen die Zionisten den sogenannten „Assimilanten" vor, sie holten ihre Losungsworte bei den Nichtjuden. Heute versuchen sie selbst, auf diejenigen Juden, die sie selbst nicht überzeugen können, vermittels prominenter Nichtjuden einzuwirken, die gar nicht den Fragenkomplex übersehen und oft jüdischen Nationalismus mit Palästina-Kolonisation verwechseln. Die Taktik ist aber unklug, denn schließlich könnten auch die Nichtzionisten dazu gelangen, ihre christlichen Mitbürger aufzuklären und sie zu genauerem Nachdenken zu veranlassen." Dieser oft, wie z. B. im Falle Poincare, erfolglose Versuch der Zionisten, durch prominente Nichtjuden auf Andersgesinnte einzuwirken, ist bekanntlich nicht auf Frankreich beschränkt. Auch in Oesterreich soll so etwas vorkommen, der Erfolg gleicht auch hier manchmal dem Pariser. Meyer Amschel Rothschild. Im I n s e 1 - V e r 1 a g ist ein Buch „Der Aufstieg des Hauses Rothschild 1770—1830" von Conte erschienen, in welchetn Meyer Amschel Rothschild, ebenso wie seine Söhne als reine Materialisten hingiastellt werden, deren Triebfeder bei allen Handlungen das persönliche Interesse und der Profit gewiesen sei. Uneigennützigkedt und Edelmut wird ihnen von Conte abgesprochen. Diese Darstellung schlägt der historischen Wahrheilt ins Gesicht, wie sie etin anderer Biograph Meyer Amscheil Rothschilds Christian Berghoeff er (Frankfurt a. M. Englert und Schlosser, 1923) objektiv auf Grund der urkundlichen Quellen treffend geschildert hat. Wir wollen heute auf eine in Vergessenheit geratene Tatsache hinweisen,