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Die Wahrheit · 1928-04-18 · Heft 16 (18.4.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 16 (18.4.1928)
Date
1928-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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m WAHRHEIT iniiifiiiinininnininiiiiriiiiiiiiiiuiiiifm Seite 9 drücklich versichert, schon in Abraham sei der jüdische Schachergeist ausgeprägt gewesen. Beweis dessen, daß er „um Sodom feilscht und Gott von fünfzig Gerechten auf zehn herunterbietet." Abraham, der Stammvater Israels, als Schacherer! Natürlich, der habsüchtige Hebräer wollte da mit dem lieben Gott ein glänzendes Geschäft machen. Gott verlangte 50 Gerechte, Abraham will das Geschäft mit 10 Gerechten abschließen. Es ist zum Staunen, daß der christliche Theologe bei seiner Antipathie gegen die Juden sich doch noch zurückhält, auch den Gott im Alten Testament nicht ausdrücklich so ein klein wenig zum „jüdischen Schacherer" zu stempeln, der anfänglich ungebührlich viel verlangt und dann, mit sich „handeln" läßt. Ego. Anmut und Würde im Synagogengesang. Am 13. v. M. fand in Zagreb die Generalversammlung des jugoslawischen Kantorenverbandes statt Nach derselben wurde ein Festbankett veranstaltet, bei dem der Ehrenpräsident des Verbandes. Oberkantor i. R. Josef R e n d i, die folgende Tischrede hielt, die wir ihres interessanten Inhaltes wegen auch hier wiedergeben. „Hinneh mah töw umah noim schewes achim gam jochad" singt der Psalmendichter. „Wie gut und wie schön ist das Beisammensein von Brüdern!" Es sei mir gestattet, das Gute und das Schöne, das brüderliches Beisammensein schafft, aus der nächsten Nähe zu beleuchten. Aus den „Philosophischen und ästhetischen Schriften" des großen Dichter-Philosophen Schiller greife ich zwei heraus, eine Abhandlung ästhetischen Inhalts, betitelt: „Ueber Anmut und Würde", und eine ethischen Inhalts, die den Titel führt: „Rede über die Frage: Gehört allzuviel Güte... noch zur Tugend?" In dem erstgenannten Aufsatze führt Schiller aus, daß Würde und Anmut die Kriterien des Schönen sind, aber nur dann, wenn sie Hand in Hand gehen. Würde ohne Anmut kann zu tadelnswerter Stumpfheit, zur Härte führen. Anmut ohne Würde kann in verwerfliche Schlaffheit des Geistes ausarten. Nur wenn Würde und Anmut nicht von einander lassen, erfüllen sie ihren Zweck und schaffen das Schöne, die Integrität in ästhetischer Hinsicht. In dem anderen Aufsatze zeigt Schiller, daß Tugend das harmonische Band von Liebe und Weisheit ist. „Was wars, das den Weisesten leitete, eine Welt aus dem Chaos zu erheben? Unendliche Liebe! — Was wars, das den Liebenden leitete, der neugeborenen Welt Ordnung und Wohlklang zu geben durch ewige unwandelbare Gesetze? Unendliche Weisheit!" Weisheit ohne Liebe führt zur Eigenliebe und zu anderen Lastern, Liebe ohne Weisheit zur Verschwendung und zu anderen Lastern. Nur wenn Liebe und Weisheit einander ergänzen, dann bringen sie Tugend, das Gute. Integrität in ethischer Beziehung. Wenn aber die beiden Paare gleichzeitig wirken, wenn Liebe und Weisheit mit Würde und Anmut zusammengehen, dann gelangen wir zum Guten und Schönen. i i ,; A: Liebe heißt hebräisch: Ahawoh, Weisheit: Chochmoh, Würde: Jekor, Anmut: M e si kus. Die Anfangsbuchstaben dieser vier Worte ergeben: „achim". Brüder, Geschwister. Das ists, was der Psalmendichter sagen will: „Hinneh mah tow umah norm schewes „achim" gam Jochad". Wenn die beiden Geschwisterpaare ihres Amtes walten, wenn Liebe und Weisheit und Würde und Anmut zugleich das Szepter führen, dann ergibt sich das Gute und das Schöne, ethische und ästhetische Vollkommenheit. Im Spiegel dieser Wahrheit zeigt unser Synagogengesang ein merkwürdiges Bild. Einst, so erzählt das jüdische Schrifttum, hatte ein Mann zwei Frauen, eine alte und eine junge. Die alte riß ihm die schwarzen Haare aus, damit sie neben ihm nicht zu alt erscheine, die junge die weißen, damit er neben ihr nicht zu alt erscheine, „nimzo kereach mikan umikan". so ward restlose Kahlköpfigkeit seiin Los. Auch der Synagogengesang ist eine erlaubte Doppelehe eingegangen, er vermählte sich mit der altjüdischen, traditionellen und mit der mit den Kulturbestrebungen des Fortschritts parallel laufenden sogenannten „modernen" Weise. Reklamiert die auf der spezifisch jüdischen Tonleiter stehende alte, traditionelle Gesangsform das Wohnrecht im Gotteshause für sich allein und reißt so dem Synagogengesange die schwarzen Haare aus; erklärt demgegenüber die später geborene, mit der modernen Skala korrespondierende Weise dem Althergebrachten den Krieg und reißt dem Synagogengesange die weißen Haare aus, dann entsteht das Chaos, die Schalheit, die Kahlheit, das Nichts. Gesellt sich aber zur Pietät, zu der uns angeborenen und anerzogenen Liebe zum Alten, Traditionellen, die Weisheit, verkündend, daß die Saat, die die Entwicklung der Musik im Laufe der Jahrhunderte reifen ließ, Veredlung des Geschmackes heißt und daß dieser Neugestaltung Rechnung getragen werden muß, daß der Umstand in Erwägung zu ziehen ist, daß — dank dem wunderbaren Schaffen großer Meister — die Menschen heute ganz andere Ohren in ihren Köpfen haben als vor Jahrhunderten, als zu einer Zeit, da man an diesem Kelche der Erkenntnis nur genippt hatte; mit anderen Worten: wirkt hier Liebe und Weisheit, dann sind die, wohlklingendsten Saiten der Tugend aufgezogen, dannist das wahrhaft Gute gegeben. Verbrüdert sich ferner die Anmut, d. i. das anmutende, dem gebildeten Ohre wohltuende „Moderne" mit der Würde des Gotteshauses, in dem auch das Neuere, den Opern- und Konzertstil perhorreszierend, synagogal klingen muß, um eines jüdischen Tempels würdig zu sein, dann stehen wir vor dem unverfälschten Schönen. So zieht der Gesang im Gotteshause durch das harmonische Zusammenwirken der „Achim", der Liebe. Weisheit, Würde und Anmut in das Reich des Guten und Schönen ein, ist „Tow" und „Noim", ist ethische und ästhetische Vollkommenheit. FLEISCHHAUEREI SIEGMUND KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE ■ XVIII., WÄHRINGERSTRASSE NR. 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilung für Koscherfleisch IX., Berggasse IS und XVIII., Bähringßrsiraßt 17 unter Aufsieht des ehrst. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. 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