Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 16 (18.4.1928)
- Date
- 1928-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Offi WAHßHEtf Seite 7 HOTEL „NATIONAL44 - Restaurant Wien II-, Taborstraße 18 ™e£ä3 1W Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u, Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorzügl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. (lernen Philosophie. Besonders in der neuesten Zeit zeigen al! unsere Denker das Bestreben, das Judentum mit der modernen Auffassung in Einklang zu bringen. Auch bei Henrik Ibsen, dessen Hundertjahrfeier jüngst begangen wurde, stellen wir die Frage: Worin besteht für uns Juden sein unsterbliches Werk? Man weiß, daß der norwegische Dichter kein Judengegner war, sondern das Gegenteil. In seiner Korrespondenz mit Georg Brandes gibt er seiner Bewunderung Ausdruck über die Eigenschaften, die sich das jüdische Volk angeeignet hat, durch den Umstand, daß es keinen eigenen Staat hat: aber uns interessiert mehr der Einfluß, den die Ibsensche Schule auf uns ausüben kann und muß. Wenn wir die künstlerischen Details der Ibsenschen dramatischen Werke außeracht lassen, können wir vier Punkte als die wichtigsten in der literarischen und reformatorischen Tätigkeit Ibsens bezeichnen: 1. Der Individualismus zugunsten der Gesellschaft; 2. der Kampf der Wahrheit gegen dem Konventionalismus; 3. gegenseitiges Verständnis und Wertschätzung der individuellen Eigenschaften in der Ehe; 4. Bedeutung der Vererbung im moralischen Leben. Es ist bekannt, daß der Idealismus in Ibsen einen großen Apostel gefunden hat. Der Individualismus darf selbstverständlich nicht verwechselt werden mit dem vulgären Egoismus, der nicht System ist, sondern eine Politik der schlechten und dummen Menschen, auch nicht mit dem Erhaltungstriebe, den S t e i n t h a 1 „Selbstsucht" (egoitate) nennt. Der Individualismus ist eine Doktrin, der den Fortschritt der Menschheit in ihrer Differenzierung sieht, das Glück der Gesellschaft in der Entwicklung des Individuums, das Ziel der Ethik in der Vervollständigung und Harmonisierung der Kräfte des Individuums. Wiewohl Max Stirner in seinem geistig hochstehenden Werke „Der Einzelne und sein Eigentum" dem Individualismus die Tiefe der Philosophie •gegeben hat, anderseits N i e t z s c h e in seinen meisterhaften Schriften den Individualismus mit einer prophetischen Philosophie und einer mystischen Poesie umkrönt hat, ist der Individualismus dennoch das Eigentum einzelner und die Hoffnung der Uebe/rmenschen geblieben. Im politisch-sozialen Leben ist die individualistische Richtung, welche bei der freiheitlichen Entwicklung ©ine Rolle gespielt hat, immer mehr und mehr durch die soziale und nationale Richtung beseitigt worden, die nicht Individuen, sondern Völker im Augenmerk hat. In der ökonomischen Wissenschaft kommt statt der Schule aus Manchester, die dem Individuum Freiheit gibt, die sozialistische oder universalistische Schule zur Geltung. Der Staat respektiert bis zu einem bestimmten Punkte die Rechte des Individuums, hat aber das Bestreben, das Leben des Menschen in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Die Staatsidee herrscht mit allen Bomben der Anarchisten und Nietzsche'anüschen Geschreien gegen „das Idol des modeirnen Staates". In Wahrheit besteht das Problem der Zukunft in dem Finden der Synthese zwischen Individualismus und Sozialismus. Der egoistische Individualismus und der konventionelle Altruismus müssen beide zu einem sozialen Individualismus gebracht werden. Einen solchen Individualismus finden wir än dien Werken Ibsens. Der nordische Dichter war ein wahrer Künstler und hat Menschen hervorgebracht, nicht Schatten seiner Ideen, er machte nicht Soziologie, sondern er zeigte, daß Egoismus und Altruismus sich im Leben vereinigen. Seine Helden sind nicht gewöhnliche Menschen, sondern interessante Figuren vom psychologischen Standpunkte, Individualitäten und die Individualität ist der Uebermensch Ibsens. Jedenfalls kann jemand Individualität werden durch Beeinflussung des Mediums der Gesellschaft, ohno daß er seine Energie zum Glücke der Gesamtheit benütze. Bei diesem Punkte hat dar Gesellschaftskritiker Ibsen in seinem Drama „Ein Volksfeind" die Frage des Kampfes des Individuums mit der Gesellschaft berührt, hat die öffentliche Meinung gegeißelt und hat die Rechte der Minorität gegenüber der Majorität gerettet. Nach meiner Meinung ist für ihn das Urteil des Individuums stärker als die öffentliche Meinung und als das Urteil der Majorität; er hat auch die Pflicht, sich aller erlaubten Mittel zu bedienen, mündlich und schriftlich z. B. auch des Willens, seine private Meinung zur öffentlichen zu machen. Aber abgesehen von den theoretischen und idealen Gebieten, muß er sich auf dem Gebiete der Realität unterordnen, weil bei den gemeinsamen Fragen, weiche sich nur auf den einen oder auf cime Gruppe beziehen, die öffentliche Meinung oder das Urteil der Mehrheit ein Regulator ist, oft ungenau und ungerecht, aber notwendig für die Erreichung des gemeinsamen Zieles. Vom jüdischen Standpunkte können wir die Ideen Ibsens bekräftigen, wenn wir sie nicht in orthodoxer, sondern in freier Weise beachten. In der weiten hebräischen Literatur gibt es Urteile individualistischen Charakters, andere mit sozialen Tendenzen. In unserer Geschichte sind große Individualitäten hervorgetreten, aber noch mehr ist der Geist der Masse zum Vorschein gekommen, unsere Ethik hat das seelische Leben des Individuums valorisiert, sich aber mehr mit den sozialen Notwendigkeiten befaßt, so daß wir uns von der wissenschaftlichen Wahrheit nicht entfernen, daß das Zusammengehen beider Prinzipien, des Rechtes der Individuen und ihrer Pflichten der Gesellschaft gegenüber in der Tendenz des Judentums gelegen ist. Derselbe Rabbi Akiba, welcher im Traktat Nedarim, des palästinensischen Talmuds erklärt hat, daß das biblische Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst" das wichtigste Prinzip der Geschichte ist, hat im babylonischen Talmud. Traktat Baba-Mezia, entschieden, daß der Mensch sein eigenes Leben dem des Nächsten vorziehen müsse. Er, der Patriot, der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit seines Vaterlandes, hat den Wert des Individuums erkannt. Hinsichtlich des Problemes, Mehrheit oder Minderheit, hatte auch das Judentum am Anfange ein Mißtrauen gegen die Wahrheit des Urteils der Mehrheit, wurde aber gezwungen, das Prinzip der Mehrheit zu proklamieren als eine juridische und soziale Norm und hat nur für die Minderheit ein privates theoretisches Recht erhalten. Man muß in Betracht ziehen, daß der sogenannte „revoltierende Alte" und zwar ein rabbinischer Richter, welcher sein Amt gegen die Vorschriften der Majorität des Synhedrions ausübt^, nur für seine gefährliche Praxis bestraft wurde, nicht aber für den Mut, seine eigene Meinung zum Ausdruck zu bringen. Ibsen zeichnete sich durch seinen Kampf gegen den sozialen Konventionalismus aus und das jüdische Volk, welches Propheten hervorgebracht hat, Vorkämpfer für die Ethik in der Politik, für die Moral der Religion, für den Idealismus im realen Leben, sympathisiert mit einer Wahrheitsbewegung. Der Jude Nordau hat sich durch sein Buch „Die konventionellen Lügen" ausgezeichnet. Wenn wir gerecht sein wollen, müssen Vir zugeben, daß auch der Konventionalismus seinen Wert hat, als ein pazifierender Faktor in der Gesellschaft, aber nur insoferne er im Rahmen der Formen bleibt. Würde er die Natur der Gesellschaft beherrschen, müßte er bekämpft werden. Es ist nicht der Ort, des breiten über diesen Punkt zu reden, wir erwähnen nur, daß auch die „jungen Juden" gegen den Konventionalismus kämpfen, der sich in den Gemeinden und Gesellschaften unseres Volkes ausbreitet. Der Individualismus und der Antikonventionalismus Ibsens haben ihn zum Reformator des Ehelebens gemacht. Und im Bereiche der Häuslichkeit verteidigt er die Rechte des *