Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 16 (18.4.1928)
- Date
- 1928-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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PiiniitinniiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiuTiirc^ Seite 5 Jahren in Bayern, wo sie zur Revanche für eine gegen die Fürstenenteignung, die damals bekanntlich Gegenstand einer Volksabstimmung war, gehaltene Rede des Münchener Rabbiners mit den Völkischen in einem Landtagsausschuß f ü r ein Schächtverbot stimmten. So ergibt sich die paradoxe Tatsache — doppelt paradox wohl für die österreichischen Juden —, daß als verläßlichstes Bollwerk gegen Anschläge auf das jüdische Ritual (wobei der Hauptton freilich nicht auf Jüdisch", sondern auf „Ritual" liegt) das katholisch-klerikale Zentrum übrig bleibt. Doch ist dieses selbst im Verein mit der Demokratenpartei oft zu schwach, um Erfolge der Schächtgegner verhindern zu können. So hat dieser Tage der preußische Landtag beschlossen, daß? 1. das Schlachten von Tieren durch das rituelle Schächten nicht über den Bedarf der jüdischen Bevölkerung an geschächtetem Fleisch hinaus erfolgt und das Verbot des wilden Schächtens streng durchgeführt wird; 2. das Schächten ordnungsmäßig ausgeführt, ferner bei der Vorbereitung des Schächtens, insbesondere bei der Niederlegung der Tiere Vorkehrungen getroffen werden, die geeignet sind, die Schlachttiere vor unnötiger Aengstigung und Schmerzen zu schützen; 3. beim Schlachten überhaupt die vorhandenen technischen Verbesserungen in humanitärer Hinsicht angewandt und alle Roheiten verhindert werden. Im landwirtschaftlichen Ausschuß dieses Landtages war sogar noch ein vierter Punkt angenommen worden, der die elektrische Betäubung vor dem Schächten obligatorisch erklärte. Diesen inhaltsschweren Punkt hat das Plenum jedoch abgelehnt, so daß dem angenommenen Gesetz in der Praxis keinerlei Bedeutung zukommt, da es nur längst eingeführte Selbstverständlichkeiten fordert. Um so größer ist aber der moralische Erfolg der Schächtgegner. Mit tiefster Rührung werden die Ochsen und Kälber vernehmen, wie warm die Völkischen ihr Interesse gewahrt haben, und es gibt keinen Zweifel: Wenn das Rindvieh in Deutschland stimmberechtigt wäre, dann würden lauter Hakenkreuzler gewählt . . . •* Aber leider hat die jüdische Bosheit, deren Ausgeburt bekanntlich die Weimarer Verfassung ist, durchgesetzt, daß das Wahlrecht auf die mit Vernunft begabten Menschen beschränkt wurde. Und diese Tatsache beeinträchtigt die Wahlchancen der diversen Völkischen gar sehr. Wohl haben einzelne lokale Wahlen der letzten Zeit den Nationalsozialisten Hitlers Stimmengewinne gebracht, aber diese Gewinne stammen nicht aus dem Lager der Linksparteien, sondern aus dem der deutschnationalen Volks, parte i, die als Regierungspartei im Reiche vollständig abgewirtschaftet hat. Aber ajich die Chancen, der völkischen Splitterparteien, die ihre Kleinheit davor bewahrt hat, sich in irgend einer Regierung zu kompromittieren, werden nicht sehr hoch eingeschätzt. Symptomatisch für den allgemein e rwarteten Ruck nach links ist folgender Vorfall der letzten Tage: Em völkischer Abgeordneter des Preußischen Landtages hat dem Präsidium des Hauses seinen Uebertritt zu den Altsozialisten angezeigt und ist so der erste preußische Repräsentant dieser bisher nur in Sachsen vertretenen Partei. Doch nicht bloß repräsentative Einzelpersonen, sondern ganze Verbände verlassen fluchtartig das völkische Lager. Sogar der berüchtigte „Werwolf" gibt in seiner letzten Bundeszeitschrift seinen Austritt aus dem völkischnationalen Block bekannt. Der „Jungdeutsche Orden", dessen Führung schon seit längerer Zeit ein beachtenswert hohes politisches Niveau zu wahren den löb- JSchen Ehrgieiiz zeigt, hat schon längst das Tischtuch zwischen sich und dem Rowdytum, das sich im Zeichen des Hakenkreuzes sammelt, zerschnitten. In Nürnberg, der Hochburg der „Nationalsozialisten", hat sich diese Partei in zwei einander hitzig bekämpfende Lager gespalten. Beide zusammen haben heute etwa den zehnten Teil der eingeschriebenen Mitglieder, die die Gesamtpartei in ihrer Blütezeit aufwies. Diese Erscheinungen sind gewiß geeignet, in uns Juden eine gewisse Genugtuung hervorzurufen, dürfen uns aber nicht die Frage übersehen lassen, ob der Verfall der antisemitischen Parteien auch einen Niedergang des Antisemitismus bedeutet. Das muß die Zukunft zeigen. Dr. Hugo S p i e g 1 e r, Erfurt. Die Abstammung der göttlichen Sara. Von Dr. Pritz Kanter, Zwittau, Mähren. Lieber den Werdegang der „göttlichen Sara", wie die unsterbliche französische Tragödin Sara Bernhardt noch bei ihren Lebzeiten genannt wurde, sind bereits viele Abhandlungen erschienen, die eine ganze Bibliothek ausfüllen. Trotzdem ist ihre Abstammung und Herkunft in Dunkel gehüllt. In ihrer Biographie, deren Verfasserin sie selbst war spricht sie sich darüber nicht klar und deutlich genug aus, so daß es den Anschein hat, als wollte sie absichtlich ihre Abstammung und Herkunft, wenn auch nicht verleugnen, so doch möglichst verschleiern und verschweigen. Nahida Remy bezeichnet sie in ihrem epochalen Werke „Die jüdische Frau" als Jüdin, dieser Ansicht sind auch viele Autoren, die sich mit der Lebensgeschichte der großen französischen Tragödin beschäftigen. Authentisches über ihre jüdische Abstammung konnte aber bis jetzt niemand berichten. Erst vor ganz kurzer Zeit wurde dieses Rätsel in unerwarteter Weise geklärt. Im Mai 1926 feierte der Amsterdamer Theaterdirektor Lyon van Lyer seinen 75. Geburtstag. Bei dem aus diesem Anlasse stattgefundenen Bankett, an dem die führenden Persönlichkeiten der holländischen Hauptstadt teilnahmen, wurde, wie üblich, eine große Anzahl von Festreden gesprochen, auf die der Jubilar in einer Ansprache erwiderte. Das „Neue Wiener Journal" veröffentlichte seinerzeit diese Ansprache im Wortlaute; hier ein Auszug daraus: „Es ist wohl nur wenigen Eingeweihten", so erklärte der greise Amsterdamer Theaterdirektor, „bekannt, daß die größte Tragödin der Neuzeit, Sara Bernhardt, in Amsterdam zur Welt gekommen war. Ihre Wiege stand in einer armseligen Kellerwohnung in der Sankt Antongasse. Ihr Vater war mein Bruder; nochvheute erinnere ich mich seiner Hochzeit mit Fräulein K i n g s b e r g e r, die später die Mutter der großen französischen Tragödin Wurde. Das junge Ehepaar war sehr arm. Der Vater von Sara Bernhardt war Hausierer und befaßte sich mit dem Verkauf von Brillen und optischen Linsen. Die Amsterdamer scheinen in dieser Zeit gute Augen gehabt zu haben, denn das Geschäft ging sehr schlecht. In der ärmlichen Wohnung des jungen Paares war Not und Elend zu Hause. Da ich mich damals in sehr prekärer Lage befand und meinem Bruder nicht helfen konnte, gab ich ihm den Rat, nach Paris zu übersiedeln Dort dürften die Leute noch kurzsichtiger sein ajs hierzulande. Mein Bruder folgte meinem Rat. Er hatte es nicht zu bereuen. Sara Bernhardt wurde dann — ihre Eltern waren ursprünglich jüdischen Glaubens — inParisgetauft. Als die göttliche Sara bereits eine Schauspielerin war, führte sie eines Tages ein Gastspiel nach Amsterdam. Sie suchte mich auf und bat mich, ihr jene Kellerwohnung zu zeigen, wo sie vor 36 Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Ich führte die Künstlerin in die Sankt Antongasse und bald fanden wir die einstige Wohnung meines Bruders. Die große Künstlerin schaute sich einige Minuten in diesem Quartier des Elends um, dann sank sie auf einen Stuhl und begann