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Die Wahrheit · 1928-04-18 · Heft 16 (18.4.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 16 (18.4.1928)
Date
1928-04-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5tite 4 iiiiiiiimniiiiiuiiiiiuiuiiiuii idiuiimuiuuum f)]£ WAHRHEIT obdachlos geworden. Jedoch der Verlust an Menschen und Vermögen war nicht das einzige Beklagenswerte. Die größten Dichter der russischen Judenheit B i a 1 i k und F r u g haben bei der erschütternden Klage über das Leid des Pogroms auch die empörte Anklage über die Schmach der jüdischen Seele, den knechtischen Sinn ihrer Volksgenossen erhoben, der sich in dem geduldigen Hinnehmen von Marter und Schande offenbarte. Dieses vernichtende Urteil, aus dem Schmerz des Dichterherzens geboren, entspricht jedoch nur zum Teil der Wahrheit des Geschehenen. Wohl ergaben sich viele ohne Gegenwehr ihren Peinigern. Viele suchten, von Todesangst gejagt, in heimlichen Verstecken ihre Rettung. Wenigen nur war es bei der wahnsinnigen Blutgier der tobenden Menge möglich, sich der Gewalt zu erwehren. Wirklich mannhafter Widerstand konnte auch angesichts, des offensichtlichen Schutzes, dessen die Pogromhelden bei der Polizei sicher waren, und der drohenden Haltung der gesamten christlichen Bevölkerung der Stadt kaum geleistet werden. Trotzdem wurden viele Versuche gemacht. Die in Eile organisierte jüdische Selbstwehr wurde aber von der Polizei entwaffnet. Solche Selbstwehren (dies möge zur Rehabilitation der jüdischen Ehre aus persönlicher Erinnerung beigefügt werden) wurden unmittelbar nach dem Pogrom von Kischinew in vielen jüdischen Gemeinden Rußlands organisiert. Mit großer Begeisterung nahm die Jugend daran teil. Durch Befehl Plehwes sind all diese Kampfbünde, die beim Versagen der staatlichen Schutzorgane zur Verteidigung von Ehre und Leben dienen sollten, unterdrückt und aufgehoben worden. Von den Kischinewer Helden des Kampfes soll der alte Schammes unvergessen bleiben, der mit seinem Leib den Aron-ha'kodesch schützte und, von vielen Eisenstäben durchbohrt, vor den heiligen Rollen als wirklicher Kodausch fiel, unvergessen auch der junge Gymnasiast, der, fast noch ein Kind, mit seiner schwachen Kraft die Ehre seiner Mutter schützen wollte und sein junges Leben für ihre Reinheit opferte. Mit dem Massaker von Kischinew hat die Aera der Pogrome in Rußland von neuem begonnen. Seitdem wich die Furcht vor neuen Ausschreitungen nicht mehr aus der jüdischen Gasse. Kleinere Exzesse in der Ukraine gingen ohne Blutopfer vorüber. Erschütternd wirkte wieder der Pogrom von Hornel, dessen Gedenken mit blutigen Lettern in der Geschichte des jüdischen Volkes verzeichnet steht. Die Pogromwelle, von dem russisch-japanischen Krieg zum Stillstand gebracht, ergoß sich nach dem kurzen Rausch des russischen Freiheitsfrühlings mit erneuter Gewalt über die verschiedenen Teile des weiten Zarenreiches, um in den sogenannten Oktoberpogromen der Jahre 1905/06 in nahezu siebenhundert jüdischen Gemeinden Tod und Verwüstung zu bringen. So trafen die Unruhen der Denikin- und Petljurazeit in Rußland ein geschwächtes jüdisches Geschlecht. Die Tage der Zerstörung — von Kischinew bis Proskurow — hatten die Seele des jüdischen Volkes zu tiefst erschüttert, seinenJVIut zerbrochen und seine menschliche Würde zerrreten. Aus all dieser Zeit des Blutes und der Schande ragt Kischinew für die gesamte Judenheit der Welt als Wahrzeichen jüdischen Leidens im 20. Jahrhundert hervor. Unser Trost aber ist, daß uns aus der Tiefe der Aufstieg zum Leben gewiß ist. Brief aus Deutschtand. Mit Ibsenjubiläen, Hebbeljubiläen und Schubertjubiläen beschäftigt, ist die Welt in Gefahr, ein anderes Jubiläum zu übersehen, obwohl dieses für die Kultur unserer Tage sicher charakteristischer als Ibsen, Hebbel und Schubert zusammen: Deutschland hatte jüngst die 55. Schändung jüdischer Grabstätten zu verzeichnen! Bemerkenswert dabei ist, daß die letzten Fälle nach einer Zeit, in der dieser grausige Sport schon im Abflauen schien, jetzt in verhältnismäßig kurzen Intervallen aufeinander folgten, was wohl ein Symptom gesteigerter Intensivität des „politischen" Lebens in Deutschland infolge der einsetzenden Wahlbewegung ist. Auch hat Herr Hitler mit seiner vor Monaten in der Erkenntnis von der abstoßenden Wirkung der Leichenschändungen auch auf reaktionäre Kreise ausgegebenen Parole, nicht die toten Juden zu bekämpfen, sondern« die lebende n, wenig Glück gehabt. Einige seiner Getreuen, die diese Parole allzu wörtlich befolgt haben, erhielten — wenn auch bezeichnenderweise meist erst in der zweiten Gerichtsinstanz — mehrmonatige Kerkerstirafem, so i!n Breslau und! Chemnitz. Allerdings bekamen auch einige jüdische Viehhändler, die es gewagt hatten, provozierende Hakenkreuzjünglinge handgreiflich in die Schranken zu weisen, die ganze Schwere des Gesetzes zu fühlen, Sie wurden wegen — Landfriedensbruches zu Kerkerstrafen von 1—7 Monaten verurteil t, und zwar gleich von der ersten Instanz; dSe zweite hat dieses Bluturteil dieser Tage bestätigt. Welch empörende Ungerechtigkeit diese scheinbare „Gleichheit aller vor dem Gesetze" in Wirklichkeit darstellt, erhellt aus dem Vergleich der Verhandlungsberichte. Hier achtbare jüdische Gewerbetreibende, die in der Ausübung ihres Berufes von Rowdys auf Anstiften der christlichen Konkurrenz mutwillig gestört, sich vielleicht allzu temperamentvoll zur Wehr gesetzt hatten; dort besoffene Exzedenten, die in großer Ueberzahl harmlose Straßenpassanten überfallen und die Wehrlosen in ebenso feiger wie brutaler Weise mißhandeln! Zu welcher Grausamkeit die Jünger des Hakenkreuzes systematisch erzogen werden, davon legen die jetzt vom Untersuchungsausschuß des bayrischen Landtages zutage geförderten Akten über das Schicksal der jüdischen Geiseln in der Nacht des Hitlerputsches (8. November 1923) beredtes, wenn auch noch immer lückenhaftes Zeugnis ab. Angesehene jüdische Bürger Münchens wurden wie das Vieh zusammengetrieben und in ständiger Todesangst erhalten! Also sind die Nationalsozialisten Unmenschen, bar jeder humanen Regung des Mitgefühls und Mitleids? Weit gefehlt: Es gibt gar keine feinfühligeren, zarter besaiteten Menschen als diie Hakenkneiuzler! Wer's nicht glaubt, lese die völkischen Reden und Schriften, die gegen die „Grausamkeit" des jüdischen Schächtverfahrens gerichtet sind . . . Und paradoxerweise haben die Antisemiten gerade auf dem Gebiet, auf dem sie blutige Dilettanten sind, nämlich auf dem der Humanität ihre relativ größten Erfolge zu verzeichnen. Es ist ihnen gelungen, das Schächten in fast allen legislativen Körperschaften Deutschlands zur Diskussion zu stellen und dabei ihren Standpunkt mit viel Glück zu vertreten. Das war nicht schwer. Denn eine Partei, die die sachliche Befähigung hätte, jüdisch-religiöse Belange wirkungsvoll und überzeugend zu vertreten, gibt es in den deutschen Stadt-, Landes- und Reichsparlamenten nicht. Die Linksparteien sind sicher redlich bemüht, die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden zu schützen, obwohl sie über die Grenzen dieser Gleichberechtigung gelegentlich sehr seltsame Ansichten laut werden lassen. Vollständig versagen müssen diese Parteien aber auf religiösem Gebiete. Der Sozialismus ist seiner Natur nach seit jeher antireligiös eingestellt. Daher stimmen die Kommunisten frisch, frei und fröhlich gegen jedes Ritualgesetz, selbstverständlich auch gegen das jüdische. Die Sozialdemokraten üben bestenfalls Stimmenenthaltung, wofern sie nicht gerade verärgert sind wie z. B. vor zwei

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