Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064262--16189-3088925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

DIE WAHRHEIT Hiii)iHiimiiminiiiiiHniimiiiimiimmiiiiiinimiiiMniim Seite 15 die damals noch unter der Wirkung der mörderischen Ereignisse in Groß wardein, Jassy usw. standen, dem rumänischen Minister herzlich gerne eine — Luftveränderung gewünscht hätten. * * * Das jüngste Werk Decobras, des französischen Romanciers, der vor kurzem erst anläßlich einer Vorlesung in Budapest dort Gegenstand begeisterter Huldigungen war, ist vom ungarischen Staatsanwalt wegen Beleidigung Horthys konfisziert worden. Nach dem Titel des Buches „Das Lachen in der Steppe" hätte man wirklich nicht erwartet, daß sich der Franzose darin mit dem regierenden Verweser auseinandergesetzt habe. Ueber einen Horthy lacht man nicht. * * * Der ungarische Außenminister Valko hat im Parlament mitgeteilt, daß der Völkerbund die neue Numerus clausus-Vorlage der Regierung zur Kenntnis genommen und die Angelegenheit als erledigt erklärt habe. Der ungarische Unterrichtsminister hat nach Schluß der Genfer Session im ungarischen Parlament als den herrlichen Vorzug der Gesetzesnovelle hervorgehoben, sie tilge den gelben Fleck, der dem alten Numerus clausus anhaftete, der nur gegen die Juden gerichtet war. Ist es nun denkbar, daß sich kein Mitglied des Völkerbundes finden sollte, das bei der nächsten Tagung die Frage aufwerfen werde: Wie konnte der ungarische Unterrichtsminister Klebelsberg wiederholt in Genf uns versichern, der alte Numerus clausus treffe nicht ausschließlich die Juden? Der Herr Außenminister Valko kann nach den schönen Vorarbeiten, die Klebelsberg in Genf geleistet, es doch noch erleben, daß die Numerus clausus-Angelegenheit für das europäische Gewissen, das doch angeblich im Völkerbundrat vertreten sein soll, noch lange nicht erledigt ist. Wenn Valko vergessen, was Ktebelsberg in Genf gesagt, so muß man das nicht auch in Genf vergessen haben. Ego. JgpF^S^B!^. -r^.* " - Schia Schaswin, ein Vorgänger Schwarzbards. (Schluß) „Die weiteren Schicksale des Angeklagten," sagte der Verteidiger, „will ich nur kurz streifen. Mit übermenschlicher Energie brachte er, der in einer furchtbaren Stunde alles verloren hatte, was das Leben erst lebenswert macht, seine Schwester zuerst in einen Nachbarort, wo sie langsam genas. Einige Wochen später gelang es ihnen, nach Warschau zu entfliehen. Dort wurde ihnen eine furchtbare Erkenntnis: Das Mädchen hatte empfangen und trug das Kind eines Mörders unter dem Herzen. Des Mörders ihrer Eltern! Der Herr Geschworene weint? Da weint Frankreichs große Seele, die von Politikern beschmutzt wird! .... In Warschau kam das Kind zur Welt. Einige Monate darauf gingen Schaswin und Sabine mit dem Neugeborenen, dem in Schuld und Schande Geborenen nach Paris. Hier sollte die unselig geknickte Blume Vergessen finden. Schaswin bringt sich und die Seinen mit schwerer Arbeit durch. Gleichzeitig setzt er, dem alles Leben abgestorben ist, seine Studien fort. Doch damit ist der Gang nicht abgeschlossen, den das Verhängnis Schaswin zu gehen zwingt. Noch soll sein Inneres der gramvolle Schaunlatz der heftigsten Kämpfe werden. Von Natur aus mit keiner unmenschlichen Absicht behaftet, muß er, der selbst leidende Mensch, zum Mörder werden. Zum Mörder, damit die Ordnung der Dinge wieder befriedet werde, die der Tiermensch Trubetzki zerbrach. Die Stunde des Schicksals dämmert. Von der Arbeit aus der Fabrik heimkehrend, sieht er sich eines Tages auf dem Boulevard Michel — Trubetzki gegenüber! Schaswin fühlt Blut auf der Zunge. Er will sich auf den Mörder stürzen, da trennt sie unversehens der Menschenstrom. Trubetzki ist verschwunden, nachdem er wie ein Hohn auf Schaswins Leid plötzlich in Paris vor seinem Blicke aufgetaucht war und ihn wie ein finsterer Dämon für einen Moment genarrt. Ich will 'Sie nicht mit der Schilderung der nachfolgenden Tage ermüden, in denen Schaswin dem Mörder nachspürte. Er hatte seine Arbeit aufgegeben, aß und trank kaum das Nötigste und verbrachte alle Stunden des Tages und der Nacht auf der Suche nach Pjotr Trubetzki. Bis er ihn endlich fand und niederstreckte. So mußte die fürchterliche Aussaat enden, die Trubetzki freventlich gesät! Meine Herren Geschworenen! Wir fühlen es, nicht der Angeklagte ist schuldig, Trubetzki, der Ermordete, war schuldig. Doch dieser allein? Wir alle sind schuldig! Ja, wir alle: denn wir alle hatten nicht Liebeskraft und Selbstverleugnung für unsere Nächsten genug, daß diese Verbrechen verhindert werden konnten. Noch ist es möglich, daß unter unseren Augen unter den niederträchtigsten Masken der tönenden Heuchelei Legionen von Menschen aus Habsucht, Gier und niedrigem Machtgelüste hingeschlachtet werden. Noch ist die Erde erfüllt vom Jammer, den die Verachtung der einzelnen untereinander, ihre haßvolle Erbitterung, ihr Mißtrauen, ihre grimme Verlogenheit gegeneinander gezeugt hat und an jedem, von Gott geschenkten Tage neu erzeugt! Hätten wir alle mehr Liebe gehabt und das Leben leuchtender gestaltet als es uns in diesem jungen Menschen zurückstrahlt und begegnet — solches Elend wäre nicht möglich gewesen. Hohes Gericht! Meine Herren Geschworenen! Sprechen Sie diesen Menschen frei, der vor uns steht wie dje Verkörperung des tausendjährigen Leides, der Verfolgung, des unaufhörlichen Martyriums, das bernieder?ing über sein Volk, und der handeln mußte, wie er handelte. Wir alle beugen uns vor der Größe der Heimsuchung, die auf einen einzigen Menschen f-llen kannte. Meine Herren —, Sie müssen Schia Schaswin. dessen Elend wir kaum zu begreifen vermögen, dessen Tat wir aber alle begehen würden, geschähe uns, was ihm geschah, ich sage, Sie — müssen ihn freisprechen!" Maitre Pinns hatte sein P'ädover mit errößter Erregung beendet, erschöpft sank er auf seinen Stuhl zurück. Kaum vermochte er seine Glut zurückzuhalten. Atemlose Stille, wie sie nur die Kunde des Entsetzlichen zu bewirken vermag, herrschte im Verhandlungssaale. Schweigsam erhoben sich die Geschworenen, um sich zur Beratung zurückzuziehen. Nach kurzer Pause verkündete der Vorsitzende die Freisprechung Schia Schaswins. Schaswin erhob sich von der Anklagebank, trat wie in einem dumpfen Traume in die Mitte des Saales und blickte sich darauf fast ängstlich um. Bleiernes Schweigen lähmte alle Anwesenden. Alle beobachteten in höchster Spannung den Freigesprochenen. Da schrie dieser plötzlich gellend auf. So unmenschlich erschien der Schrei, daß die Versammelten kaltes Entsetzen packte. Schaswin riß sich darauf die Kleider vom Leibe, fiel auf die Knie Und hub an wie ein Hund zu bellen. Schaswin bellte die Richter an und kroch auf Händen und Füßen auf sie zu. War er auch von milden Richtern freigesprochen, so griff jetzt ein grausames Geschick mit den Krallen des Wahnsinnes nach ihm und hüllte seinen Geist fortab in ewige Nacht. So endete die Tragödie des Juden Schia Schaswin. Während Schwarzbarth die Gnade ward, nach seinem Freispruch ein neues Leben, gewiß im Innersten erschüttert, aber doch im Geiste heilgeblieben, zu beginnen, versank Schaswin in Not und Grauen, unbekannt geblieben in der Tragik seines Lebens der breiteren Oeffentlichkeit und unerlöst von Gott bis auf den heutigen Tag. Die Lage der Juden in Litauen. (Nach neuesten und authentischen Informationen.) Die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Litauen ist nicht besonders rosig. Der Weltkrieg und die darauf folgenden Unruhen haben die dortige Judenheit wirtschaftlich ruiniert. Zwar bildet der Kleinhandel noch immer eine der Haupteinnahmen der litauischen Juden, aber aus dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.