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Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 16)
Language
German
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»auHMmiJ .....imi a—pwJ»w Seite 16 iliillllli DIE WAHRHEIT I? ü- Großhandel sind sie scheu teilweise durch litauische Rückwanderer aus Amerika verdräust, welche die volle Unterstützung und Kredite der offiziellen Faktoren genießen, während die jüdischen Kleinhändler unter den Steuerlasten zusammenbrechen. Und in den Dörfern und Städten wird der jüdische Kleinhändler durch die litauischen Genossenschaften immer stärker bedrängt und zur Aufgabe seines Geschäftes gezwungen. Litauen ist ein landwirtschaftlicher Staat. Als im .Jahre 1926 die Ernte schlecht ausfiel, ließ auch die Kaufkraft der breiten Bevölkerungsschicht erheblich nach, und als erstes Opfer der verschlechterten Wirtschaftslage fiel selbstverständlich der jüdische Kaufmann. Es besteht überhaupt die nicht unbegründete Befürchtung, daß binnen kurzer Zeit der Handel allein nicht mehr genügen wird, um die Juden zu ernähren. Die fortschreitende Konzentration bedeutet für den Kleinhandel den '! <xi. Gegenüber diesen an sich durchaus verständlichen Vorgängen sind die litauischen Juden machtlos. Niemand kümmert sich um den jüdischen Handwerker, der ohne Kredite und Selbsthilfe eigener Organisationen dasteht. Die jüdischen Handwerker streben daher den Städten zu, wo sie sich dann gegenseitig in schärfster Konkurrenz unterbieten. Diese Städtewanderung hat auch ihren Grund in der Agitationstätigkeit der Chauvinisten, die in der Dorfbevölkerung eine judenfeindliche Stimmung erregt. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei den freien Berufen, wo die UeberProduktion an Intellektuellen bedenkliche Aussichten bietet. An der Universität Kowno studieren zirka dreitausend Juden. Wohin sollen sie nach Beendigung der Studien, wenn ihnen der Zutritt zu den staatlichen Aemtern abgesperrt ist und unter den Rechtsanwälten die Konkurrenz immer schärfer wird? Wie ungünstig die Lage ist, beweisen Hnersc'ts die massenweisen Insolvenzen, anderseits die fortschreitende Radikalisierung der jüdischen Arbeiter, Handwerker und Kleinkaufleute. Diese Schwierigkeiten sind nach Kräften die Jüdische Zentralbank und die Jüdische Volksbatik zu beseitigen bestrebt. Die erste ist meistens im Handel und der Industrie tätig, die zweite erteilt kleinen Kaufleuten und Handwerkern Kredite. Der Zinssatz ist verhältnismäßig hoch. Die Volksbank nimmt fast nur Wechsel mit sechsmonatiger Laufzeit an. Die Zentralbank hatte im Jahre I925i26 eine Krise zu überstehen, arbeitet aber jetzt wieder, nachdem sie reorganisiert wurde. * Das jüdisch-politische Leben gestalten die Parteien: Zionisten, Aguda. Zeire-Zion, Volkspartei, Poahi-Zion und Kommunisten. Führer der Zionisten ist Abgeordneter R.-A. Robinsohn und R.-A. N. Kahn. Die Partei ist gut organisiert und besitzt die einzige jüdische Tageszeitung, die „Jüdische Stimme" in Kowno. Die Aguda besitzt die meisten Anhänger unter den vermögenden Kreisen: die frommen Volksschulen stehen unter ihren entscheidenden Einflüssen. Andere, gemäßigte Parteien soielen im jüdischen Leben Litauens eine mindere Rolle. Die Parteikämpfe sind ziemlich scharf. Von den Linksparteien sind die Poale-Zion und die Kommunisten am besten organisiert. Ihre Tätigkeit ist meistenteils geheim. Besonders populär sind die Poale- Zionisten, <leren wohldisziplinierter Organisation eine bedeutende Anzahl Intellektueller angehört. In den Jahren 1925/26 organisierten die Poale-Zionisten 20 Geheimvereine. Gemeinsam mit den Kommunisten gründeten sie auch eine Wochenschrift. Die Rührigkeit der beiden Parteien beweist, wie weit die Radikalisierung der verarmten jüdischen. Masse bereits fortgeschritten ist. Was das Verhältnis der Regierung zu den Juden anbelangt, so muß gesagt werden, daß die Zeiten, in denen man um die Sympathie der jüdischen Bevölkerung warb, längst vergangen sind. Als den Litauern in den Jahren 1919/20 daran lag. die Grenze möglichst hinauszuschieben, bekamen die Juden eine Art Nationalautonomie in der Gestalt eines Ministers für jüdische Angelegenheiten. Damals versprach man sich davon sehr viel. Aber bald fand die Idylle ihr Ende. Die Diktatur der „Christlichen Demokratie" zog alle Versprechungen von 6 Jahren zurück. Eine Zeit der Unterdrückung begann, die bis heute Herren^ und Damenkleider 1 ■ nach Maß sowie fertig lagernd, nur Qualitätsware, billigste Preise. Even-; tuelle langfristige, bis zu einem Jahre währende Zahlungserleicbterungen S _ ■ Kleider-Erzeugungs-Union, Wien VI., Kaserneng. 6 ■ Telephon 2-15 ■ andauert und sich auf allen Lebensgebieten rücksichtslos fühlbar macht. Unter der jetzigen Regierung werden diese Unterdrückungen in schärfster Form fortgesetzt und arten in Terrorakte, wie Verhaftungen und Erschießungen von Juden, aus. Unter solchen Umständen bietet das jüdische Schulwesen ein wenig erfreuliches Bild. Die Regierung unterstützt bioLI eine vierklassige Volksschule, während 24 Gymnasien auf den Schultern der 13evölkerung lasten, wenngleich auf Grund der bestehenden Gesetze diesen Gymnasien Unterstützungen seitens der Regierung zustehen. Den Volksschulen geht es nicht besser. Es bestehen 3 Volksschultypen: der Aguda, Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache und sogenannte Jargonschulen. Von den Mittelschulen findet in 20 der Unterricht in hebräischer Sprache statt. In 2 Gymnasien wird im Jargon gelehrt. Doch ist die Anzahl der jüdischen Mittelschulen nicht hinreichend, infolgedessen besucht ein bedeutender Teil der jüdischen Jugend russische Gymnasien. Außerdem bestehen im Kownoer Landkreise 3 Lehrerseminarien. Bei der Aufnahme auf der Universität in Kowno müssen die Absolventen eine Prüfung aus der litauischen Sprache ablegen, wobei es oft zu Schikanen kommt. Auf der Universität wird eine starke antisemitische Agitation getrieben. Seitdem Bestand der Regierung Waldemaras haben die Verfolgungen der jüdischen Bevölkerung stark zugenommen. Laut einer offiziellen Statistik wurden in Litauen in dieser Zeit 2 Juden erschossen: der Bäcker Ratael Czornyj und Chaim Malamed. In der letzten Zeit mehreH sich die Verhaftungen von Juden in Kowno, Ponjewiesch, Wilkomir und aufdem flachen Lande. Die Familien der Unglücklichen werden in völliger Unkenntnis der Ortschaft gehalten, in der sich die Verhafteten befinden. Wie von litauischen politischen Emigranten mitgeteilt wird, beträgt die Zahl der zum Tode verurteilten und dann begnadigten, jedoch in Haft behaltenen Juden, 300. In den meisten Fällen werden die Juden des Kommunismus oder des Widerstandes den Behörden gegenüber beschuldigt. Die Verhaftungen haben bekannte und allgemein geachtete Familien getroffen, besonders viele Poale-Zionistcri RO. HUgicnisdics NOnigslicht iiiiiiiin«!«! MM Seit vielen Jahren das anerkannt beste w»S-tdw Man achte auf die ges. gesch. 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