Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 J'ii'HiiiMiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Hebräisch zu sprechen -szum ersten Male seit vielleicht 1800 Jahren, daß am Berg Gerizim hebräische Worte anders als im Gebet der Samaritaner erklingen. Der Lehrer der Samaritaner sprictht zu den versammelten Gästen. Er sagt, daß man heute einen Bund schließe zwischen Juda und Ephraim — gewiß ist das nur eine Phrase: „Ephraim" ist tot und seine letzten 30 oder 40 Männer hier sind kein bündniisfäbiger Faktor; aber es ist ein Fest und daher mag die Phrase gelten. Doch dann fährt er fort — „ob des Bundes" bitte er um Gaben zur Restaurierung der samaritanischen Synagoge, denn die Samariitaner seien arm ... Und die Samaritaner klatschen Beifall. Und dieses Klatschen tat mir im Herzen well... Es erinnert an Mittel-Europa nach dem verlorenen Kriege ... Das Opfer ist zu Ende. Die gescliiaditeten Tiere werden in einem gesonderten Raum niedergelegt und bis zur Mahlzeit, die erst gegen Mitternacht stattfindet, bewacht, damit sie kein Fremder berühre. Wenn ein Jude oder Mohammedaner an irgend etwas, was mit dem Opfer in Verbindung steht, herankäme, wäre der Gegenstand unrein. Allmählich entwickelt sich zwischen den Zelten ein Treiben, wie es der uralte Berg wohl noch nie gesehen hat In dien Zelten empfangen die Schomronam die Fremden als Gäste: sie verkaufen Kaffee, Tee, Bier, Wasser, Eier an die vielem Touristen, und nicht einmal teuer. Trotzdem jeder weiß, daß für die armen Handwerker und Händler aus Nablus die Einnahmen dieser Nächst von größter Wichtigkeit sind, verstehen es die Samaritaner doch, die Fiktion zu erhalten, als wären die Europäer wirklich mir Gäste. Sie suchen ihre geringen hebräischen Kenntnisse zusammen und begrüßen höflich die Touristen in deren vermeintlicher Sprache. Während die Reisenden in den Zelten sitzen und sich wundern, daß es so etwas wie Zelte wirklich gibt, verr wandeln dSe Arbeiter den Berg in ein Chaluzlager. Ein . paar hundert Chaluzim sitzen auf einer Steitnliald^ um einen Wanderlehrer, der iiinen Vorträge über Sichern und die Samaritaner hält. Die anderen schlendern erst zwischen den Zeltreinen hin und her, dann beginnen sie zu singen, schließlich fassen sich ein paar an den Händen — jülalala — jülaiala, sie tanzen Horra, den neuen jüdischen Nattonaltanz Palästinas. Wer keine „Horra" in Palästina gesehen hat, weiß nicht, was tanzen heißt. In der „Horra" ergießt sich die ganze Seele des Chaluz. Er tanzt, bis er zum Umfallen müde ist; früher hört er nicht auf. Er tanzt, um zu tanzen, um der Ekstase willen. Es ist nichts Erotisches dabei, nicht wie die Tänze Europas. Im Gegenteil: es ist ein Tanz, der fast mehr für Männer als für Frauen bestimmt ist, der nichts enthält als Freude an der Bewegung und an der Kraft. Ein Mann faßt den anderen an der Schulter mit gestrecktem Arm. Der Kreis schließt sich: eine einfache Melodie wird gesungen — von den Tänzern selbst oder den Zuschauern — und der Kreis beginnt sich mit immer wachsender Geschwindigkeit zu drehen: Männer, Frauen aus den Reihen der Zuschauer werden mitgerissen. Rucksack, Mantel wird in die Mitte des Kreises geworfen, zwei verschlungene Arme werden irgendwo getrennt, ein neuer Körper schiebt sich zwischen die Tanzenden umid tanzt mit. Dann bricht man ab, geht auseinander, und ein paar Minuten später gibt es eine neue Horra, ein paar Meter von der alten entfernt. Faszinierend wirkt auf den Chaluz die Musik der Horra. Sobald es heißt, „man tanzt!" — sobald er die monotone, aber nervenaufpeitschende Melodie der Horra hört, läßt er alles stehen und liegen und .eilt-zum Tanz. Monoton sind die Lieder und einfach. Eines, das schon zu den umfangreicheren gehört, hat den Text, der dutzendmal wiederholt wird: ..Wir brauchen keine Mädchen, Wir brauchen nur Tänze." Andere Lieder haben überhaupt keinen Text, sondern bestehen nur aus zwei bis drei Takten, die immer wieder gesungen werden. Dennoch sind die Lieder schön in ihrer Wildheit und Naturnähe, und der Tanz auf der mondbeschienenen Bergfläche, der Tanz von Arbeitern mit ihren schwer genagelten Stiefeln an den Füßen ist tausendmal schöner, glücklicher, freier, als der sexuelle Tanz Europas. „Wir haben Babylon und Rom überlebt," singt die Horra, „wir überleben die Samaritaner; wir werden auch den arabischen Kongreß in Sichern überleben. Wir werden leben, singen und Horra tanzen." Es wird Mitternacht. Die Schafe wurden inzwischen in die Höhlung der glühenden Steine des Altars getan, mit Erde zugedeckt und dort im gan^eji gebraten. - Jetzt werden sie herausgenommen, auf riesige Schüsseln gelegt und in den Kreis der Männer gebracht, m den sich nunmehr auch Frauen mischen. Die Aeltesten sitzen auf Sesseln, „die Lenden gegürtet, den Stab in der Hand, Schuhe an den Füßen", nach der Vorschrift der Bibel. Als der Braten kommt, erheben sie sich. Sie essen, „stehend, in Eile", wie es den Israeliten zur Zeit des Auszuges aus Aegypten geboten war. Große ungesäuerte Brote werden herumgereicht, Schüsseln mit bitteren Kräutern. Das Fleisch legen sie auf die „Mazzoth", bedecken es mit den Kräutern und essen — selbstverständlich nach orientalischer Sitte ohne Teller und ohne Messer oder Gabel. Genau um Mitternacht ist das Mahl zu Ende. Der Hohepriester, ein Nachkomme Aarous, ein achtzigjähriger Greis von königlichem Aussehen und mächtigem Körperbau, erhebt seine Stimme und spricht das Gebet. Leise fällt die Gemeinde ein und dankt dem Ewigen, daß er sie ernährt und erhalten hat bis heute . . . sie, die letzten Samaritaner. Das Fest ist zu Ende. Qlerjeix. Der Verwaltungsgerichtshof hat in der Angelegenheit des in Stanislau geborenen Schönfeld entschieden, daß zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft, im Sinne des Staatsvertrages von St. Germain, deutsche Schulzeugnisse und deutsche Umgangssprache nicht genügen. Vielmehr ist der Nachweis der Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung nach der Rasse nötig. Es verlautet, daß Schönfeld, da kompetente Fachgelehrte überhaupt die Existenz reiner Rassen bestreiten, nunmehr sich an die berufensten deutschen Führer in Oesterreich, in erster Reihe an die Herren Wottawa und Jerzabek mit der Bitte wenden will, ihm gütigst mitzuteilen, was sie gegebenenfalls getan hätten, um diesen geforderten Nachweis zu erbringen. * * * Von vertrauensseliger Seite wird mitgeteilt, daß der Abgeordnete Leuthner, der bekanntlich durch seine scharfen antiklerikalen Artikel und Reden viel zu der Anti-Rom-Bewegung beigetragen, vor einigen Tagen die dringende Einladung erhielt, im Pius-Verein einen Vortrag zu halten. Der Abgeordnete, dem natürlich nicht unbekannt ist, daß der Pius-Verein lediglich Bestrebungen diene, die schnurstracks jenen widersprechen, denen seine Tätigkeit gewidmet ist, glaubte im ersten Augenblick, die Einladung sei irrtümlich ihm zugestellt worden. Aus einer sehr höflich stilisierten Nachschrift konnte er jedoch ersehen, daß man von seinem Erscheinen im Pius-Verein sich einen nicht geringeren Erfolg verspreche, wie von der Rede des sozialdemokratischen Abgeordneten, der nach seinem Abfall von der jüdischen Religion von „Werktätigen Juden", die unter anderem die Abfallbewegung bekämpfen wollen, zur Mithilfe eingeladen wurde. Nun wußte der Abgeordnete Leuthner, daß die vom 1. April datierte Einladung ganz richtig adressiert war. * ~ , * * Herr Titulescu, der rumänische Minister des Aeußern, hat erklärt, daß er aus Gesundheitsrücksichten in Zukunft auf die Ehre verzichten müsse, in Genf vor dem Völkerbundrat als Vertreter Rumäniens zu erscheinen. Er dürfte bei der jüngsten Tagung in Genf vielleicht doch den Eindruck empfangen haben, daß die europäischen Staatsmänner,