Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064262--16187-3088923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT jiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiii^ Seite 13 Vizepräsident Dr. O r n s t e i n berichtete hierauf über die Reaktivierung des L. D. Königsberg-Mädchenerziehungsinstitutes, welches vor Jahresfrist infolge gänzlicher Unzulänglichkeit des Stiftungskapitales und mangels andierer Zuwendungen gesperrt werden mußte. Nunmehr hat sich das Ehepaar Dr. Josef und Rosa Bondi bereit erklärt, zur Erinnerung an ihre so früh verstorbene Tochter L e I e das Institut unter Heranziehung von dem Ehepaare von dritter Seite zur Verfügung gestellten Mitteln wieder ins Leben zu rufen und zunächst 8 bis 10 Mädchen aus dem verarmten Mittelstande im Alter von 10 bis 12 Jahren im Rahmen der Königsberg-Mädchenerziehungsstiftung vollständig unentgeltlich aufzunehmen. Das Institut führt für die Dauer des Betriebes den Namen: „L. D. Königsberg-Mädchenerziehungs Stiftung — L e 1 e B o n d i - H e i m". Frau Rosa Bondi behält sich die Oberleitung und Führung des Institutes vor. Der Kultusvorstand hat von dieser hochherzigen Entschließung des Ehepaares Bondi mit dem Ausdrucke des besonderen Dankes Kenntnis genommen und in das Kuratorium, welches über die Aufnahme der Kinder zu bestimmen hat, den Obmann der Fürsorgekommission, Herrn Emil Engel, delegierte. Sodann referierte Vizepräsident Dr. Jakob Omstein über die Errichtung einer Stiftung mit einem Kapital von 3000 Dollars für arme i ü d i s c h e Ohrenkranke (Georg Steinersche Stiftung für arme jüdische Ohrenkranke), errichtet von Frau J e n n y Steiner, Witwe nach dem seligen Herrn kaiserlichen Rat Wilhelm Steiner, zum Andenken an ihren am 27. August 1926 verstorbenen Sohn Georg. Zweck der Stiftung ist die Zuwendung von Unterstützungsbeiträgen an heil- und erholungsbedürftige arme jüdische Ohrenkranke. vorzugsweise an solche, welche an einer eiterigen Ohrenentzündung oder an deren Folgekrankheiten leiden. Die verfügbaren Stiftungserträgnisse sind alljährlich an ein oder zwei Personen zu verleihen. Vizepräsident Dr. Josef Löwen herz berichtete über die Mazzoth-Akti on und Bargeldunterstützungen anläßlich der diesjährigen P e s s a c h f e d e r it a g e. Im Sinne der Beschlüsse wurde auch heuer, trotzdem eine allgemeine Mazzoth-Aktion, das heißt eine direkte Beteilung von Einzel Parteien durch die Kultusgemeinde entfallen ist, im Rahmen des im Budget vorgesehenen Betrages Vorkehrung getroffen, daß insbesondere strenggläubige Mitglieder der Gemeinde, welche bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhätru'ssen den vollen Preis der Mazzoth nur schwer bezahlen könnten, zu einem besonders ermäßigten Preise die Mazzoth in natura im Wege der orthodoxen Bethaus- und Wohltätigkeitsvereine ihres Wohnsprengels zugewiesen erhalten. Auf diesem Wege werden nahezu 10.000 Kilogramm, das ist ein Waggon Mazzoth, zur Verteilung gelangen. Außerdem ist, wie in den früheren Jahren, den Institutionen, welche sich mit geschlossener Fürsorge befassen, das benötigte Quantum Mazzoth gleichfalls zu bedeutend ermäßigten Preise zugeteilt worden. Durch den Entfall der allgemeinen Mazzoth-Beteilung hat sich die Notwendigkeit ergeben, die Barunterstützungen, welche wohl alljährlich zu den Pessach-Feiertagen einen größeren Umfang annehmen, heuer noch in weit größerem Maßstabe als im Vorjahre an Einzelfamilien zu gewähren, und es wird ungemein schwer fallen, mit den budgetierien Mitteln, welche überdies durch Zuwendung eines größeren Betrages aus einem dem Präsidium zur Verfügung gestellten Fonds eine Bereicherung erfahren, das Auslangen zu finden, da der Andrang von Gesuchsstellern ein ganz gewaltiger ist. Ueberdies wird eine separate Verteilung mit Mazzoth und auch mit Bargeld durch die Bethausvorstände in den äußeren Bezirken für Rechnung der Kultusgemeinde und mit Hilfe der für diesen Zweck in diesen Bezirken einlaufenden Spenden durchgeführt. Besonders sei hervorgehoben, daß den jüdischen Kriegsbeschädigten und deren Familien ein ansehnliches Quantum Mazzoth, und zwar völlig unentgeltlich zugewiesen wurde. Wie in den früheren Jahren, werden auch heuer, entgegen allen Ausstreuungen) die jeglicher Grundlage entbehren, die jüdischen Insassen des Lainzer Versorgungsheimes und einige Kranke der Pflegeanstalten „Am S t e i n h o f" durch das Lainzer Komitee, an dessen Spitze der unermüdliche Obmann Karl A 11 m a n n steht, mit Hilfe einer außerordentlichen Subvention der Kultusgemeinde durch volle acht Tage des Pessach-Festes mit ritueller Kost versorgt. Der „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten" besorgt seinerseits die Verköstigung der im Allgemeinen Krankenhause und in den sonstigen Spitälern Wiens befindlichen jüdischen Kranken, welche auf die Pessach-Kost reflektieren, und erhält zu diesen Kosten eine entsprechende Subvention der Kultusgemeinde. Schließlich wird auch den großen Ausspeisevereinen die Verköstigung an den Pessach-Feiertagen, welche wesentlich teuerer als die normale Kost zu stehen kommt, durch nicht unbeträchtliche Subventionen der Kultusgemeinde erleichtert. Das Pessach- Opfer auf dem Berge Gerizim. Wolfgang v. Weisl, der Berichterstatter der „Vossischen Zeitung" in Jerusalem, gibt im seinen» Werk „Der Kampf um das Heilige Land" (mit 44 Bildern und 4 Karten im Verlag Ullstein) folgende hochinteressante Schilderung des Pessachfesires, das die Samaritaner feiern. Einzelne Fremde fanden auch früher oft den Weg auf das nächtliche Plateau des steilen Berges, um als Gäste das Opfer zu sehen. Aber heuer war es anders! Heuer waren es nicht einzelne, dile kamen, es war ein ganzes Heer, das zum Har Gerizim zog. Und das gab diesmal dem Fest einen Charakter, den es früher nie besessen hatte: zum ersten Male in der Geschichte der beiden feindlichen Brüdervölker zogen Juden in geschlossenem Zug zum Opfer der Samaritaaiier — als Freunde. 350 jüdische Arbeiter fuhren auf 7 Lastautomobilen von Jerusalem nach Nablus; 500 Arbeiter kamen von Haifa aus über Tul-Kerem zu Fuß durch das Gebirge Ephraim, und wieder andere aus den Kolonien und aus Jaffa. Ein Aufmarsch war es und zugleich eine Demonstration vor den Einwohnern von Nablus, den Feinden der Juden von heute, und eine Demonstration vor den Samaritern, den Feinden der Juden von gestern. In weiße Mäntel gehüllt, standen die samaritanLscheu Männer im Kreis um die Opfertiere. Die Sonne sank. Laut beteten, schrien die Samariitaner; sie schleuderten ihre Hände gegen die einjährigen Schafe, die in der Mitte des Steinkreises standen, der Schauplatz des Opfers ist. Einem Lamm nach dem anderen wird diie K^hle durchschnitten, das Blut rinnt in die Fugen der Steine, die den Herd bilden. Viele grüne Zweige bedecken den Boden. Sie werden angezündet und die Schafe auf sie geworfen, mit brennendem Laub zugedeckt. Die Männer beten. Stehend, in einem engen Kreis um das Feuer gedrängt. Zu ihren Füßen hocken die Knaben und rupfen die vom Feuer angesengte Wolle aus der Haut der Schafe. Ein Mann übergießt die Tiere mit kochendem Wasser, damit die Wolle leichter abgeht. Flamme lodert, Rauch zieht durch den Kreis. Und Mondschein leuchtet über den weißen Felsen und die Steine. Schwer fällt es den Betern, Andacht zu wahren. An 1500 Zuschauer drängen sich um den kleinen Kreis der Opfernden. Die Rückwärtsstehenden können nichts sehen und drängen vor. Polizisten müssen eine Kette bilden, um Raum für das Fest freizuhallten. Manchmal will es mir scheinen, die große Menge der Gäste entzündet die Inbrunst der Beter noch mehr. — Aehnlich wie die Derwische, aber auch ähnlich den Chassid'im, schließen die Frommen die Augen und lassen sich vom Stimmgewirr tragen; vom Gefühl hinreißen, die letzten Repräsentanten einer Wahrheit zu sein, die das Blut ihrer Väter bezeugt hat. Mit dem ganzen Oberkörper beten sie nun; der Bart, die Schläfenlocken fliegen, mit den Händen schlagen sie den Takt zu den Gesängen. Immer lauter wird der Gesang, immer rascher. Hymnen, fröhliche Lieder im Marschtempo singen sie. Bald klingen jüdische Tonfolgen an, die ich in Saloniki gehört habe, bald solche aus den Jemen. Uralte Verwandtschaft mit den Juden höre ich auch aus der Musik. Die Schafe sind gerupft — jetzt werden sie geschachtet. Ein Tier nach dem andern wird an den zusammengebundenen Hinterbeinen mittels einer Holzstunge in die Höhe gehoben. Zwei Schächter öffnen die Leiber. Sorgfältig prüfen sie die Lungen und Eingeweide. Die Därme schneiden sie heraus und werfen sie ins Feuer. Leber, Nieren, Lungen kommen auf diie Seite als Ehrengabe für die Priester. Die Hymnen jubeln weiter: sie verkünden den Auszug Israels aus Aegypten. Auf einmal entsteht Stille. Von einem Eck der Umzäunung her beginnt eine ernste Stimme zu sprechen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.