Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064248-3064262--16184-3088920- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10!i'iiii]iiiiiiii»Hiiii«ümiHiiiniiiiiiiiiiiiimmiiiim luiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin DIE W1 katen und Zeitungen herabgewürdigt. Typisch ist folgender Fall: Am Wahltage brachte ' der „fiajnt" eine sensationelle Nachricht in großer Aufmachung, daß der Agudistenführer Kirschbraun, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in Warschau und Mitglied der polnischen Delegation der Völkerbundliga, alle seine Mietparteien grundlos und brutal delogiert und aufs Pflaster gesetzt hätte. Da die Möglichkeit eines rechtzeitigen Dementis am selben Tage nicht mehr bestand — und darauf hatte man ja spekuliert — hat diese Nachricht auf die Wählermassen geradezu aufreizend gewirkt und erst am nächsten Tage nach den Wahlen haben sämtliche Parteien in einer offenen Erklärung unter Protest dieses Wahlmärchen widerlegt. Gegen den antizionistischen Abgeordneten Prylucki erheben die Zionisten schon seit Jahr und Tag die nicht im entferntesten bewiesene Anschuldigung, daß er einige 100 Dollar, die für ein Waisenhaus bestimmt waren, für Parteizwecke verwendet hätte. Aus dieser Verleumdung dreht man diesem bekannten Vorkämpfer für die Rechte des Judentums in Polen immer wieder den Strick. Daß im Warschauer Palästinaamt vor zwei Jahren über hunderttausend Dollar defraudiert wurden und man diese „Affäre" bis heute noch nicht bereinigt hat, braucht wohl die Oeffentlichkeit weiter nicht zu stören. Am Wahltage haben die Zionisten Plakate angebracht, auf denen arme Waisenkinder, nackt und händeringend, dem von Prylucki angeblich mißbrauchten Oelde nachweinen. Unter diesen Umständen wird man nicht die Sejmwahlen, sondern das ErgebnisderStadtratswahlen als das wahre Spiegelbild der innerjüdischen Verhältnisse in Polen ansehen müssen. Der antizionistische Senator C. Szabbad verlangt bereits in einem Interview mit dem „Moment" das Resultat der Gemeinderatswahlen als Grundlage für einen etwa zu bildenden jüdischen Nationalrat in Polen, da die Wahlaktion zu den Stadtverordnetenvertretungen sich viel ruhiger und sachlicher abwickelte und vor allem angesichts der Berücksichtigung selbst der kleinsten Parteien viel präzisere Resultate gezeitigt hat. Sind doch bei den Parlamentswahlen viele Zehntausende jüdischer Stimmen auch auf die nichtjüdischen Regierungslisten (Pilsudski- Block) abgegeben worden, als Ausdruck der Dankbarkeit der Regierung des Marschalls gegenüber, der die vor kurzem noch so mächtigen judenfeindlichen Rechtsparteien völlig zertrümmerte und so die antisemitischen Hochburgen in Polen zu Falle bracrite. Die zionistischen Kampfmethoden bei den letzten Wahlen haben der politischen Moral der polnischen Judenschaft schweren Abbruch getan und durch die allgemeine Zersplitterung wurden mindestens 15 jüdische Mandate zerschlagen. Mit einer geradezu rührenden Offenherzigkeit und mit anerkennenswertem Mut bezeichnet das zionistische Blatt „Die Zeit" in einer Besprechung der Wahlresultate das Ergebnis selbst für die zionistische Judenschaft Polens als recht traurig und ruft empathisch aus: „Noch ein solcher Sieg und wir sind verloren!" WedtäJlbcnnaitmfiizDk Wahckätl JochananSchieber geht optieren. Von Josef Grob. Dieses Bild aus der Wiener Nachkriegszeit haben wir im Jahre 1921 erstmalig veröffentlicht und bringen es nun anläßlich des vor kurzem stattgehabten 25jährigen Schriftstellerjubiläums des bekannten Autors wieder, um unseren Lesern einige lustige Minuteri durch die Lektüre dieser Humoreske zu bereiten. Im Konskriptionsamt des 20. Wiener Gemeindebezirkes, das irgendwo in Zwischenbrücken liegt und die Angelegenheiten des Allerheiligenplatzes zu erledigen hat. erscheint an einem sehr kalten Wintertagia ein Jude, groß, sehr mager, und auf d,ie Frage des Amtsdienisirs, wen er suche, erwidert er mit einer heiseren Stimme: „Ich bin hergekommen, um zu werden ein Wiener!" Der Amtsdiener war ein kleiner untersetzter Fünfziger, mit einem runden Krautkopf und einer sehr ansehnlichen Glatze, mit einem sehr gesegneten Schnurrbart und einem zweiteiligen Bart beschenkt, so daß'man schwören könnte, daß sich seine Mutter in den alten Kaiser Franz Josef seligen Angedenkens verschaut hatte. Dieser Amtsdiener legte die „Reichspost" aus der Hand und unterzieht den zukünftigen Wiener, Rab Jochanan Schieber aus Potok Zoloty, einer genauen Musterung. Er sieht sich vor allem Jochanans Schipice an, die infolge ihres Glanzes eine besonders wirksame Reklame für die Schmoll-Pasta-Fabrik abgeben könnte, blickt verstohlen auf den Bart Jochanans. der einem verknoteten Bund Flachs ähnlich sieht; betrachtet mit großer Neugierde den weißen Hut auf Jochanans Haupt, der einst bessere Zeiten gesehen, jetzt aber sehr viele Löcher aufzuweisen hat und mit einem breiten, grünen Band ..einbandagiert ist; er scheint ein Gesctoemk der Zirkusgasse aus der Glanzzeit Schwarz-Hüllers zu sein, und als der Amtsdiener die ausgedienten . Bergsteiger, umbunden mit achtem Friedenszuckerspagat, auf Jochanans Füßen entdeckt (wahrscheinlich auch eine Aufmerksamkeit der Flüchtlingszentrale), vergißt er nicht, auch Jochanans Zizis, die sich mit einer besonderen Hartnäckigkeit vorn unter dem Kaftan hervordrängen und nach einem bißchen reinem .Wasser lechzen, eines Blickes zu würdigen, und denkt sich höchstwahrscheinlich: „Da sieht man, wie ein Jud praktisch ist. Kauft sich auf einmal zwei Bund Spagat und erspart alle vierzehn Tag 15 Kronen für ein paar Schuhbandel auszugeben." Der Amtsdiener wirft den Virginiazigarrenstummel weg, spuckt dreimal aus und es ist nicht 'leicht zu beurteilen, wem das Ausspucken gilt, Jochanan oder der Virginiazigarre, welche einen sehr üblen Geruch verbreitet. Wenn man aber das vergnügte Schmunzeln auf dem breiten Gesicht des Amtsdieners beurteilt, so darf man annehmen, daß Jochanans Erscheinung seinen vollsten Beifall gefunden hat. „Nehmen Sie den Hut herunter", sagt der Amtsdiener zu Jochanan, „und gehen Sie da gerade aus, dann die dritte Tür rechts!" Rab Jochanan nimmt den Hut ab, schreitet mit behutsamen Schritten, berührt kaum das Parkett, so daß man glauben müßte, daß hier ein Schwerkranker liege, oder aber, daß im Konskriptionsamt ein papierener Boden wäre. Als er nun vor die Türe des dritten Zimmers anlangt, hustet er sich gut aus und richtet sich die Frisur, versteckt nämlich die Peös hinter den Ohren, daß der Beamte drinnen, Gott behüte, ja nicht glaube, daß Jochanan ein Jude sei. „Was wünschen Sie?" fragt, Jochanan wahrnehmend, der Beamte, noch ein ganz junger Mann, bei einem Schreibtisch sitzend und mit einer Nagelfeile sehr beschäftigt. Sehr 'eise, kaum daß man es hört, erwidert Rab Jochanan: „Ich will Wiener werden." „Was wollen Sie?" fragt nochmals der Beamte und arbeitet mit der Feile, daß Funken sprühen. „Ich will", erwidert Jochanan, „bleiben hier in Wien und möchte Sie gütigst bitten, mir ein „Kwitel" auszustellen, daß ich bleiben darf hier, in Wi . . . ." „Wo wohnen Sie?", unterbricht ihn der Beamte und gönnt der Feile keine Sekunde Ruhe. „Auf den heiligen Ort, daß heißt auf den heiligen Platz, wollte ich sagen", antwortete Rab Jochanan.