Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ Seite 11 „Wo?" fragt der Beamte und steckt schnell den blutenden Zeigefinger in den Mund. „Am Allerheiligenplatz," gibt Rab Jochanan nochmals zur Antwort, „dort, wo alle Potok Zoloter wohnen und alle Monestryscheczer, Podhaicer, Rohatiner und überhaupt alle armen Flüchtlinge." „Am Allerheiligenplatz sind Sie zu Hause?" fragt neuerlich der Beamte und engagiert den nächsten Finger zum Feilenkampf. „Zu Hause?", sagt Rab Jochanan, „wo haben wir ein zu Hause; alles verwüstet und vernichtet, chorew wenechrew". „Was?" fragt der Beamte und expediert den zweiten blutenden Finger in den Mund. „Das heißt", sagt Jochanan, „daß man zu Hause nicht einmal den Kopf niederzulegen hat. Alles zerstört, ganz Potok Zoloty weggefegt von der Erde. Und wem kann denn das schaden, wenn ich mich mit meinem Weib am Allerheiligenplatz in einem finsteren Kabinett aufhalte? Hätten wir ein Heim, wären wir schon längst zurückgefahren. Das haben jedoch die Russen zerstört und überhaupt der ganze Ort ist eine Wüste. Können wir jetzt dorthin fahren?" So versucht Rab Jochanan das Herz des Beamten zu erweichen und spricht in einer Tonart, als wenn er am Jaum Kipur das „Al-Chet" hersagen möchte. Der junge Beamte erhebt endlich die Augen, sieht sich mit besonderer Genauigkeit die Erscheinung Jochanans an und lächelt sehr vergnügt. Ein Zeichen, daß auch bei ihm die Persönlichkeit Jochanans Sympathie gefunden hat. „Wie heißen Sie?" fragt endlich der Beamte Rab Jochanan. „Jochanan S 6 h i e b e r", erwidert der Gefragte. „\Va-a-a-a-s?" Rab Jochanan trocknet sich mit dem Aermel die Schweißtropfen von der Stirne, weil er die übermäßig große Hitze in den Wiener Amtszimmern nicht gewöhnt ist, räuspert sich und sagt nochmals ein wenig lauter: „Jochanan S c h i - i - i e b e r." „Wie hat Ihr Väter geheißen?" fragt wieder der Beamte, streckt sich gerade aus und steckt beide Hände in die Hosentaschen. „Zalman Dawid Schieber", erwidert Rab Jochanan und wischt sich abermals die Schweißtropfen aus der Stirne. „Merkwürdig", meint der Beamte, „Ihr Vater hieß auch Schieber?" . . „Ja", sagt Rab Jochanan, „auch mein Großvater. Das heißt, in die Matriken sind wir wahrscheinlich anders verschrieben, denn meinen Sohn, welcher vor zwei Jahren in Sibirien gestorben ist, als man ihm zum Militär genommen hat, hat man Weingarten gerufen. Wahrscheinlich so verschrieben gewesen. Uns aber heißt man alle Schieber, da es mit unserer Beschäftigung zusammenhängt." „Welcher Beschäftigung?" fragt der Beamte mit Neugierde, da ihn die Angelegenheit sehr zu interessieren begann. . „Nun ja," sagt Jochanan, „indem mein Großvater ein Schieber war, hieß man ihn Berl Schieber. Dieser Beruf ging dann als Erbe auf meinen Vater über und mein Vater seligen Angedenkens war im Schieben ein Künstler, weil er ein starker, kräftiger Mann war, nicht "wie ich, lang und mager, und mein Vater olow hascholaum hat ehrlich verdient den Namen Zalman Dawid Schieber." „Ausgezeichnet!" ruft der Beamte aus. „Das Schiebertum scheint schon vor Generation das Spezialfach der galizischen Juden gewesen zu sein." Rab Jochanan, aus der Bemerkung des Beamten entnehmend, er glaube, daß sämtliche galizische Juden Schieber seien, sucht ihn folgendermaßen aufzuklären: ..Sie sind im Irrtum, Herrleben! Sehr wenige Juden sind Schieber, befassen sich — heißt es — mit dem Schiebertum, weil es erstens nur wenige Wochen im Jahre dauert und man plagt sich sehr dabei, zweitens ist noch kein einziger Jude vom Schieben ein Auscher geworden." „Was ist das Auscher?" „Das heißt", sagt Jochanan, „daß kein einziger Schieber noch ein Rothschild geworden ist. Alle sind sie große Dalsonim, arme Leut' heißt es, schinden sich ab ihr Leben lang und haben sch niemals satt gegessen." - „Impertinente Frechheit!" erhitzt sich der Beamte. „Alle sind sie arme Leut', die Schieber. Schauen Sie sich Ihre frieiliilerjittlsl WIEN I., Seitenstettengasse 2 Tel. 68-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem 1. Tor, Tel. 98-0-85 Stammesgenossen, die Schieber an. Wer" fährt stets per Auto? Wer überfüllt die Luxuslokale? Wer praßt am Semmering, sehen Sie sich die Bars an, die Kabaretts, Nachtkatteehäuser. Wer trägt Lackschuh, Seidenstrümpfe, Pelzmäntel, Gold und Brillanten? Wer frißt uns das beste Schweinefleisch weg? Die Juden! Die Schieber! Die —--" „Aber Herr Kommissär!" unterbricht ihn Rab Jochanan? „was reden Sie da vor a Stusim." „Was?!" wettert weiter der Beamte. „Nicht wahr vielleicht? Schauen Sie sich Ihre Landsleute an, wie Heuschrecken umschwärmen sie täglich das rote Haus am Schcttenring, kennen nichts anderes als die Börse: nur schieben, immer schieben und wollen keinen anständigen Erwerb nachgehen." „Aber, Herr Inspektor, Sie werden schon entschuldigen", wagt neuerlich Rab Jochanan einzuwenden, „das Schieben ist richtig keine leichte Parnosoh, und wie ich Ihnen schon gesagt habe, ein Auscher ist noch kein Schieber geworden, aber unanständig, Gott bewahre, im Gegenteil, ein sehr anständiger Beruf, das Schieben, heißt es, und man plagt sich genug dabei." Der junge Beamte, den die Ausführungen des Jochanans in die höchste Wut versetzten, wird feuerrot, springt auf und schlägt mit aller Wucht auf den Schreibtisch, so daß Jochanans rechte Schläfenlocke vor Schrecken aus dem Versteck hinter dem Ohre in ihre normale Lage zurückfiel. „Jetzt aber gehen Sie schon!" schreit höchst erregt der Beamte, „gehen Sie, wir brauchen hier keine Schieber mehr. Fahren Sie zurück nach Galizien. Schnell, verlassen Sie das Amtszimmer, ich lasse Sie sonst vom Amtsdiener hinausführen." Rab Jochanan, einsehend, daß, wenn er sich nicht schleunigst aus dem Staube mache, man ihn mit Gewalt entfernen wird, befreit die zweite Peos aus ihrem Zwinger, trocknet sich schließlich noch einmal den Schweiß von der Stirne, unterläßt es sogar, dem vor Zorn schnaubenden Beamten „Auf Wiedersehen" zu sagen und verläßt eiligen Schrittes das Amtsgebäude. Auf der kalten, nassen Straße angelangt, bleibt Rab Jochanan stehen und spricht folgendes zu sich: „So ein Tipusch, ein Narr. Was der alles gesagt hat. Schieber fahrt mit Auto, fahrt nach Simmering, Schieber trägt Brillanten, Seide, Pelze, Lackschuh, nebbich lauter Lackschuh in der Flüchtlingszentrale . . . Schieber geht zum roten Haus. Ich weiß, was er meint damit. Richtig ist es schon; jedesmal wenn ich zum Joint in die Berggasse gegangen bin (dreimal war ich dort, weil ich für meine großen Fuß' nie die richtigen Schuh' kriegen kann), sah ich auf dem Weg ein rotes Haus, dort draußen drehen sich Juden herum, sogar einige Potok-Zoloter-Herrschaften. Man spaziert hin und her, wie am Schabes während des Leinens in Schul. Wahrscheinlich ein Wiener Tempel dort. Was das aber mit Schieben zu tun hat, kann ich noch immer nicht begreifen. Eine Einbildung von einem Kommissär: Jochanan Schieber geht am Ball, ißt — was sagt man nicht zu ihm — Schweinefleisch! Soll er so Tschullent essen, ob ich seit drei Monaten überhaupt Fleisch gesehen hab'. Ueberhaupt versteh' ich nicht, was ihn eigentlich hier nicht gepaßt hat, der Name Jochanan oder Schieber. Wenig Juden heißen Jochanan? Zum Beispiel: Jochanan ben Sakai, zumindest so eine Persönlichkeit gewesen wie dieser Beamte mit der Nagelfeile da. Wahrscheinlich .der Name Schieber. Schieber fährt stets per Auto, ausgerechnet wie mit der Hoschanoh zu Kinos. Und wenn ich hundert Jahre ein Schieber wäre und zehnmal im Jahre Pesack wäre, könnte ich mir nur ein Rad von einem Auto kaufen. Schade, daß der Hitzkopf kein Jud ist und Gojim keine Schieber sind. Sonst möcht' ich ihm mein Masel wünschen. Er soll keine bessere Parnosoh haben, nur sein Leben lang zu sein ein Schieber bei die Mazzos, wie ich, Jochanan Schieber bin!"