Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Öf£ WAHRHEIT iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiw Seite £ Der zionistische „ Wahlsieg" in Polen. Dichtung und Wahrheit. Von Dr. Fritz Seift er, Bieiitz. Nunmehr ist es möglich, zu den letzten Wahlvorgängen in Polen Distanz zu gewinnen, nachdem die Mandatsaufteilung jetzt schon restlos beendet ist. Das Ergebnis wurde als überwältigender zionistischer Sieg und als schwere Niederlage der anderen jüdischen Parteien in alle Welt hinausposaunt; bei näherer Prüfung der Wahlvorgänge und Wahlresultate jedoch gewinnt man ein wesentlich anderes Bild und man würde sicherlich fehlgehen, wollte man das rein zahlenmäßige, effektive Wahlergebnis als ein. untrügliches Barometer für die Ueberlegenheit des Zionismus in Polen ansehen. Den Sejm wählen waren einige Monate vorher die Stadtratswahlen in Polen vorangegangen, die bekanntlich mit einer vernichtenden Niederlage für die Zionisten abgeschlossen hatten. In Warschau konnten die Zionisten von den gewonnenen 28 jüdischen Mandaten im ganzen drei retten, in Wilno, der Stadt mit der ausgeprägtesten jüdischen Kultur und jüdischer Einwohnermajorität, nur zwei, in Lodz, wo der Agudah 50 Stimmen zum fünften Mandat fehlten, von insgesamt 16 jüdischen Sitzen nur 4, in Nowy Dwor ein Mandat, in Luck, wo sie sich nicht mehr offen als Zionisten zu deklarieren trauten, sondern unter der eigenartigen Parole „Vertreter der Synagogen" auftraten, zwei Mandate usw. Unter dem Eindruck dieses Zusammenbruches hatte seinerzeit Abgeordneter Grünbaum in einem damals Aufsehen erregenden Artikel des zionistischen „Hajnt", betitelt „Der Niedergang des Zionismus", einen Verzweiflungsschrei ausgestoßen und einen Nekrolog auf die zionistische Organisation in Polen angestimmt. Ist also anzunehmen, daß Polen inzwischen wieder zionistisch geworden ist? Fiel doch gerade in die Zeit zwischen den Qemeinderatswahlen und den Sejmwahlen die Sperrung der hebräischen Schulen in Tel-Aviv, die vorübergehende Schließung der Kunstgewerbeschule Bezalel, die englandfeindlichen Demonstrationen der Warschauer Zionisten vor der englischen Gesandtschaft anläßlich der Balfour-Deklaration-Umzüge, während anderseits die Palästinaauswanderung noch weiter völlig stockt und der Strom der panikverbreitenden Rückwanderer, von den Zionnisten spöttisch „Meraglim" (Spione, Lästerer) genannt, die Position der Zionisten sicherlich nicht gestärkt haben? Eine genaue Prüfung des Wahlresultates ergibt, daß die Zedern des Libanons keinesfalls bis zum Himmel gewachsen sind. Im alten Sejm hatten die Juden insgesamt 35 Mandate inne, davon die Zionisten 26, während letztere jetzt mit einem Verlust von 14 Mandaten, die anderen antizionistischen Parteien hingegen mit einer Einbuße von bloß 8 Mandaten in den neuen Sejm einziehen. Im letzten Augenblick wurde noch das Wahlergebnis zugunsten der Nichtzionisten dadurch korrigiert, daß der in mehreren Wahlbezirken gewählte Handelsminister Kwiatkowski und Fürst Radziwill auf ihr Staatslistenmandat zugunsten des Agudahführers Kirschbraun verzichteten — ein deutlicher Beweis, daß die Regierung mit der Agudah als maßgebendem Machtfaktor in der polnischen Judenschaft rechnet. Die nichtzionistischen Kandidaten sind: Rasner (demokratische Volkspartei), Dr. Löwenherz, Wislicki (Industrie- und Kaufmannsverband) und Kirschbraun (Agudah). Das Ergebnis der Senatswahlen vollends können die Zionisten unter keinen Umständen als Erfolg buchen: in das polnische Oberhaus ziehen vier Nichtzionisten, darunter 2 Antizionisten und nur drei Zionisten ein. Zu den ausgesprochenen Antizionisten gehört der bekannte Führer der demokratischen Volkspartei in Wilno Gemach Szabbad und sein Parteigänger Dawidsohn; zu den Nichtzionisten Dali (kaufmännische Vereinigung) und Budziner (orthodox-unparteiisch). Leuchtet man in die dunklen Abgründe des Wahlbetriebes etwas tiefer hinein, so erscheint der zionistische Wahlsieg keinesfalls in so blendendem Lichte; er ist vor allem durch eine Kette von Zufallserfolgen charakterisiert. So haben die Zionisten in Wilno mit 110 Stimmen über die Gegnerliste Nr. 33 (Allgemeiner jüdischer Wahlblock: Volkspartei, Kaufmännischer Verband und Agudah) gesiegt, in Warschau fehlten letzterer bloß 119 Stimmen und in Lodz bei einer Anzahl von 19.000 Stimmen nur noch 2000 zu einem Mandat. Dagegen hat die Grünbaum-Gruppe durch den Anschluß an den Minderheitenblock ein Mandat der Staatsliste geschenkt erhalten, da die Deutschen mit ihren 17 Bezirksmandaten auf 3 Staatslistenmandate Anspruch hatten, aber nur 2 erhielten, während Grünbaum infolge der günstigen Gruppierung, die man in Erwartung einer größeren jüdischen Beteiligung vorgenommen hatte, nach dem vereinbarten Verteilungsschlüssel bei 5 Bezirksmandaten zwei Staatslistenmandate (statt eines) erhielt. Sehr zugute kamen den Zionisten die Mängel der agudistischen Organisation und die unnatürliche Wahlehe, die sie mit dem bekannten antizionistischen Volksparteiführer Prylucki, der sonst zur Weltanschauung der Agudah in schroffstem Gegensatz steht, eingegangen war, worunter die Einheitlichkeit des Programmes zwangsläufig leiden mußte, während die Gegenpartei in der straffen Organisation, in den klaren politischen Richtlinien und in der Ueberlegenheit ihres überaus schlagkräftigen Parteiapparates einen großen Vorsprung ihren Gegnern gegenüber hatten. Ein trauriges Kapitel bleibt die Wahlpropag an d a der Zionisten, die es auf eine politische Vergiftung der „jüdischen Gasse" abgesehen hatten. Eine derartige Wahllosigkeit der Kampfmittel konnte nur dem Bewußtsein der Schwäche und einer Verzweiflungsstimmung entspringen. Man hatte auf die niedrigsten Instinkte der kritiklosen Massen — leider mit teilweisem Erfolg — spekuliert. Führende, allseits hochgeschätzte Persönlichkeiten der Gegenpartei, wurden täglich beschimpft, verleumdet und in den Kot gezerrt. So hat die zionistische Presse Wislicki, den Vorsitzenden der Zentrale des jüdischen industriellen und kaufmännischen Verbandes in Polen, immer wieder verunglimpft, seine Person wurde zu den häßlichsten Karikaturen in vielen Pia-