Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JiiiiiiiiiitfiNitiiuiiiiirtiniiiiiiniEfiiiiiiiMfiiiitiiiriiiiiifiuiniiifiiiinHiiifiiiiiiiiifiintfinfimi.....iiiuiiiitiiiiiiiiiiiniiiiiriiiiiiiifitiiinriiiiiiiiiiinftiifiijiniiiiiiufifintlimf 11 niiihii^ ß|£ WAHRHEII gepeitscht werden, so ist bald eine Atmosphäre geschaffen, in der die Gerechtigkeit wirklich blind wird. Man erinnert sich noch wohl des Falles Haas, der im Sommer 1926 in Magdeburg stattfand. Wäre in einer anderen Zeit ein solches Verhalten einer deutschen Justizbehörde denkbar? Wäre damals nacht -ein erwachsener, bärtiger Buchhalter, sondern ein Kind auf so rätselhafte Weise ermordet worden, so hätten wir, wie einige Monate früher in Breslau, die schönste Ritualmordanklage fertig gehabt. Nun vergegenwärtige man sich die Lage in Böhmen, am Ausgange des vorigen Jahrhunderts. Seit Jahrzehnten tobte dort, heftiger noch als im übrigen Oesterreich, der wirtschaftliche Antisemitismus unter dem Schlagwort: „Die Juden raffen den ganzen Reichtum an sich." Dazu hatte damals der nationale Haß zwischen Tschechen und Deutschen die Gluthitze erreicht, die Juden, die als geschworene Parteigänger der letzteren galten, hatten den schwersten Teil des Hasses zu tragen. Die Atmosphäre schrie förmlich nach einem Ritualmordprozeß, wie niemals konnte ein solcher besseren Erfolg haben. Und der Sturm entlud sich auf den Kopf des armen Leopold Hilsner, eines armen, kränklichen, halb blöden Proletariers, der nie durch seine wirtschaftlichen Erfolge, noch durch seine politische Tätigkeit jemanden Aergernis gegeben hatte. Er war buchstäblich der arme Sümdenbock, dem die wirklichen oder vermeintlichen Missetaten der anderen aufgeladen wurden und der sie durch unsägliche Leiden abgebüßt hat. Wäre das Schicksal ein Vierteljahrhundert zuvor reif geworden, die Anklage hätte sich ihr Opfer in anderen Kreisen geholt. Angesehene jüdische Persönlichkeiten. Präsidenten und Vorsteher jüdischer Gemeinden, verantwortliche Funktionäre des Kultus und Ritus wären angeklagt und wohl auch verurteilt worden, weil sie zwei tschechische Mädchen abgeschlachtet und ihnen das Blut abgezapft. Das war seit jeher so der Fall. Zu jenen Zeiten, — sie dauerten bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts — als die ältere Schwester der Ritualmordbeschuldigung, nämlich die Hostienschändung, hunderte Juden auf den Scheiterhaufen brachte, weil sie geweihte Hostien gepeinigt und mit Messern und Hämmern mißhandelt hatten, bis das Blut Christi in Strömen hinausflutete — auch zu jenen Zeiten aäso wurden nicht namenlose, armselige Proletarier, sondern die Spitzen der Gemeinde dazu auserkoren. Die Blutbeschaffung zu rituellen Zwecken war ja nach Ueberzeugung der christlichen Gesellschaft — insoferne sie diesen Aberglauben nicht überhaupt verwarf — ein hochwichtiger, religiöser Akt, in den heiligen Büchern der Juden umständlich beschrieben, mit genauen Vorschriften umgeben: natürlich wurden nur die Vornehmen der jüdischen Gesellschaft zu solchem weihevollen Tun zugelassen. Sobald ein Verdacht auftauchte, fiel er sofort auf die Rabbiner. Häupter des Lehrhauses, Gemeindevorsteher. Präsidenten der Wohltätigkeitsorganisationen, höhere Funktionäre, die man als die Hauptbesdiuldigten behanddteL Gewöhnliche Sterbliche wurden nur der Mitwisserschaft und der Beihilfe bezichtigt! Noch im Prozeß von Tisza-Eszlar 1882 ging es nach diesem Schema zu. Angeklagt waren im Grunde nicht die einzelnen Täter, sondern die ganze Judenheit. Das Judentum, dessen heilige Bücher und Lehren das scheußliche Verbrechen gutheißen, ja ausdrücklich förderten, das somit natürlich an den repräsentativen Männern zunächst gerächt werden mußte, in deren Händen die Anwendung dieser Vorschriften ruhte. Nach Tisza-Eszlar haben wir ein© ganze Rieiihe von Ritualmordprozessen erlebt, unter ihnen waren die größten die von Xanthen, Könitz, P o 1 n a, Kiew. Aber in keinem dieser Fälle richtete sich die Anklage gegen einen Führer der jüdischen Gesellschaft, sondern immer wählte sie sich zum Opfer einen Menschen in untergeordneter Stellung, den niemand für einen Wegweiser oder Lehrer der Juden halten konnte. Nach Tisza-Eszlar hebt also eine neue Epoche in der Geschichte der blutigen Legende an. In Xanthen war noch der Schächter zwar ein Gemeindefunktionär, aber keinesfalls zu den führenden und maßgebenden gehörend. Und in den anderen Fällen stieg man noch tiefer hernieder, in Polna war man schon bei diesem armen, des Lesens kaum kundigen Proleten Hilsner angelangt, den kein Mensch als den Bewährer der Geheimnisse des Talmuds und der Kabbala verdächtigen konnte und dem überdies ein unentdeckt gebliebener, fahrender Geselle hinzugedichtet werden mußte, um wenigstens den Schein einer-Basis für die Anklage aufrecht zu erhalten. Es war nämlich undenkbar, daß dieser unterernährte, kränkliche Schwächling die kräftige, hochgewachsene Agnes Hruza und ihre Gefährtin überwältigt hätte. Da tauchten Zeugen auf, die einen flüchtigen, unbekannten Juden in Gesellschaft Hilsners gesehen haben wollten, der aber unauffindbar war. Diese rätselhafte Figur paßte ausgezeichnet in das Bild hinein. Die beiden ^Verbrecher" mußten natürlich irgendeiner unbekannten geheimen Sekte angehören, die vielleicht unter den dunkeln, ganz verrohten jüdischen Massen existiere und deren geheime Riten den Gebrauch von Christenblut erfordern, die die aufgeklärten Juden längst aufgegeben haben und der aus den „offiziellen" Religionsquellen längst verschwunden ist. Das ist nämlich das andere Gesicht der Ritualmordlegende. Das erste, welches alle Anklagen in der vorigen Epoche trugen, hat Dr. Bloch im Tisza-Eszlaer Prozeß durch die kühne und rücksichtslose Entlarvung des Hauptverleumders Rohling ein für allemal gründlich zerstört. Durch diese Tat hat Dr. Bloch sich ein goldenes Blatt in der jüdischen Geschichte gesichert. Er hat diesen ganzen, so tief wurzelnden Aberglauben stark ins Wanken gebracht; indem durch ihn die ganze christliche Welt zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß keine von allen seit Jahrhunderten aus den jüdischen Schriften angeführten Belegstellen in Wirklichkeit das besagt, was ihr untergeschoben wird, hat er in der ganzen christlichen Welt den Glauben vernichtet, daß die jüdische Religion und somit auch ihre Vertreter mit irgendeinem Ritualmord in Zusammenhang gebracht werden können. Darum konnte es im Prozeß Hilsner geschehen, daß eine christliche Persönlichkeit sich für den Be ■ schuldigten einsetzte. Und zwar war es diesmal nicht, wie zuweilen auch in der früheren Epoche, ein Theologe oder ein christlicher Hebräist, sondern ein Gelehrter und zugleich ein Volksführer und Politiker allerersten Ranges, der jetzige Präsident der tschechoslowakischen Republik, der damalige Abgeordnete des Wiener Reichsrates, Masaryk. Indem Masaryk öffentlich die Unschuld Hilsners verteidigte, stellte er sich nicht nur der ganzen offiziellen Welt entgegen, sondern er setzte sein ganzes Ansehen beim tschechoslowakischen Volke aufs Spiel und somit sein ganzes, in jahrelanger schwerer Arbeit aufgebautes Lebenswerk, das schließlich durch die Errichtung der tschechoslowakischen Republik gekrönt wurde. Die ganze tschechische Oeffentlichkeit, auch die liberale, erblickte nämlich in der Verurteilung Hilsners die schönste Gelegenheit, die Juden zu demütigen und Rache an ihnen zu nehmen, dafür, daß sie politisch zu den Deutschen hielten. Die Schuld Hilsners war also ein parteipolitisches Dogma geworden. Wer daran nicht glaubte, war ein Verräter an der Nation. Masaryk scheute sich nicht, dieses Odium auf sich zu nehmen, ebensowenig wie er sich ein Menschenalter zuvor gescheut hatte, den Glauben an die Echtheit der Königinhofer Handschrift, auch ein Dogma der Chauvinisten, zu zerstören. Sein Gewissen duldete es nicht, daß im Ruhmestempel seiner Nation Lüge und Unrecht angebetet würden. Damit erwies er sich als ein Mann, dem die Gerechtigkeit die höchste Weisheit ist. Und das Schicksal, das am Abend seines Lebens ihm den höchsten Triumph beschert hat, ist eigentlich von der Regel abgewichen, denn es triumphieren in der Politik die, welche das Gegenteil von Masaryk sind. Er ist vielleicht der einzige Staatengründer, an dessen Händen kein Blut klebt. Wir Juden dürfen stolz darauf sein, daß dieser Mann sich, einer Welt von Gegnern zum Trotz, unser annahm. Seine Freundschaft versöhnt uns mit der Welt, denn sie entschädigt uns für tausend mächtige Feindschaften anders gearteter Männer. Die Tatsache, daß der siebenhundertjährige Ritualmordwahn zur Hälfte überwunden wurde, darf uns mit Zuversicht erfüllen, daß auch die andere Hälfte wird überwunden werden können, und uns anspornen, unverzagt an die Arbeit zu gehen. Jetzt werden freilich andere Methoden zur Anwendung kommen müssen, denn es gilt jetzt, auf Volks* schichten zu wirken, deren Psychologie eine andere ist. Auffällig ist hier die Analogie mit einer anderen Beschuldigung, die erst in unseren Tagen formuliert wurde und bald eine weltenweite Verbreitung und eine tiefe Verwurzelung in den Massen aller Länder gefunden hat: nämlich die „Geheimnisse der jüdischen Weltverschwörung", deren Lenker „die Weisen von Z i o n" seien. Zwar hat sich die gebildete Welt schon überzeugt, daß die sogenannten „Protokolle" eine grobe Fälschung sind. Aber die siebenjährige Propaganda, namentlich durch Henry Ford, hat "bewirkt, daß in dem Gemüt und der Phantasie der breiten Volksmassen dieser Glaube ganz unerschüttert blieb und mancher Gebildete sagt sich: „Wer weiß? Etwas muß doch wohl daran sein." Auch hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu verrichten, um die Atmosphäre zu reinigen.