Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHKHEU iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiuiiiiuiiiiiiiuiiiüUiiiiiU^ Seite 7 HOTEL „NATIONAL fi 1»D Restaurant WD Wien II., Taborstraße 18 m!mÜ£* Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u. Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorzügl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) KQche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. Zweckes der Schöpfung, entgegensetzen. Nicht uns, sondern dir, Ewiger, gib Ehre", so heißt es im Hailelgebete. Es ist das „Ecrasez l'infame" Voltaires, der Notschrei der um ihre Selbsterhaltung -ringenden sittlichen Kultur. Uebrigens ist wohl zu merken, daß dieser Groll sich nicht gegen Nationen (el ha-gojim), sondern gegen ihre schändlichen Regierungen (al ha-mamlakoth) richtet. „El" bezeichnet die Richtung, die das Strafgericht nehmen soll, „al" seine Opfer. Im Zusammenhange damit sei noch die Frage beantwortet: Weshalb sprengen wir bei den zehn Tagen Wein aus dem Becher? Daß die Aegypter bestraft wurden, obwohl sie doch, genau genommen, nur als Werkzeuge Gottes handelten, findet seine Erklärung darin, daß sie nicht in diesem Bewußtsein die Hebräer bedrängten und dann noch bis ans Schilfmeer verfolgten, sondern aus krassem Eigennutz sie ausbeuteten und weiter ausbeuten wollten. Bei den einzelnen Fragen spritzt man mit dem Finger einen Tropfen aus dem Glase. Der Wein ist ein Wahrzeichen der Freude. Jedes Leid aber, wie Pharaos und seiner Gefolgschaft, dämpft unsere Freude, bedeutet auch für uns eine Einbuße an Glück. Aus derselben Rücksicht wird das Hallel nur an den ersten beiden Pesachtagen vollständig, an den späteren nur zum Teil gesungen, weil der Gedanke an den Untergang der Aegypter, die ja auch Geschöpfe Gottes waren, wie wir, unsere Festesfreude beeinträchtigt. Dessen ungeachtet haben sie, nach dem bekannten Midrasch, als Geschöpfe Gottes in ihrem Leid auf unser Mitleid. Nach 2. Mose 4, 9 sollte Mose Wasser aus dem Nil zu Blut wandeln. Vielleicht soll hieran das Eintauchen und Sprengen des Weines bei dem Worte „dam" (Blut) erinnern. Früher wurde, in manchen Gegenden noch heute, an dieser Stelle der Wein nach und nach in eine mit Wasser gefüllte Schüssel ausgegossen. Das Doppelantlitz des Ritualmord-Glaubens. Eine Pessach-Betrachtung. Von Binjamin S©gel. In früheren Jahrhunderten war es üblich, daß unsere Vorfahren sich an den beiden Pessach-Abenden die Zeit mit den Erzählungen vertrieben, wie die gütige Vorsehung ihre Voreltern so manchesmal auf wunderbare Weise von einer Ritualmordbeschuldigung errettete. Meist war es ELah, der Prophet, der eingriff, er erschien dem Rabbiner oder den Vorstehern der Gemeinde oder auch dem Synagogendiener und warnte ihn, daß soeben ein getötetes Christenkind in den Synagogenhof oder in den Friedhof hingelegt'oder die neben der Heiligen Lade in der Synagoge aufbewahrte Flasche mit Kidduschwein geleert und mit Blut gefüllt werden sollte, darauf sollten die Häscher erscheinen und nach dem corpus delicti suchen; oder er mischte sich unter die Richter und stellte an den Ankläger oder Zeugen eine Frage, und sofort kam der wahre Tatbestand an den Tag... Es ist charakteristisch für unsere Zeit, daß wir jetzt allen Anlaß haben, uns über dasselbe Thema zu unterhalten. Es lädt uns besonders dazu ein der vor kurzem erfolgte schmerzlich traurige Tod des (bisher) letzten Opfers des Ritualmord-Wahnes. Leopold Hilsner. Das Schicksal dieses Unglücklichen gibt zu allerlei ernsten Betrachtungen Anlaß. Nachdem er 18 Jahre unschuldig, wie kein zweiter Angeklagter auf der Welt, im Kerker geschmachtet, wunde er begnadigt. Kein Geringerer als Präsident Masaryk, der vom Anbeginn von seiner Unschuld überzeugt -war* trat unerschrocken für ihn ein, obwohl er sich dadurch in Gegensatz brachte zu dar gesamten öffentlichen Meinung seines Landes, die von den „Patrioten" gelenkt wurde. Nach achtzehnjähriger Kerkerhaft also erklickte Hilsner wieder das Licht der Freiheit, gebrochen an Körper und Seele, zu keinem Gewerbe mehr tauglich, ohne die geringsten Mittel zum Leben und fristete fortab ein jämmerliches Dasein als kranker, wandernder Bettler, der vor den Türen der Restaurationen die Hand nach einem Almosen ausstreckte. Der Tod war eine Erlösung für ihn. Wir aber müssen uns sämtlich tief in die Seele hinein schämen über den „Fall Hilsner". War es unmöglich, dem armen Teufel einige ruhige und geschützte Jahre am Ende seines Lebens zu sichern und nicht zuzulassen, daß er sich aus der Freiheit in Hunger und Kälte in den Kerker zurücksehne, wo er wenigstens von diesen beiden Geißeln nicht zu leiden hatte? Ein holländischer Jude, der ihn vor einigen Jahren vor den Türen eines Wiener Restaurants bettelnd fand und ihn ins Innere lud, um ihn zu sättigen, versuchte dann in einer Tageszeitung das Gewissen der Oeffentlichkeit aufzurütteln, aber vergebens. Wir haben uns an ihm noch ärger versündigt, als an Mendel B e i 1 i s, dem es wenigstens erspart wurde, zu Tode verurteilt zu werden und 18 Jahre im Kerker zu schmachten. Dem Leopold Hilsner waren wir verpflichtet, seine Leiden zu entgelten — so weit so etwas überhaupt sich entgelten läßt — denn er war unser Opfer, für uns hat er gelitten. In vergangenen Jahrhunderten hätte man ihn, ungeachtet seiner geistigen Minderwertigkeit, als Märtyrer (Kadosch, Heiliger) erklärt und wäre zu seinem Grabe gepilgert, denn Gott hatte ihn auserwählt, ihm das Leid aufzuerlegen, welches ganz Israel hätte tragen sollen. Und wir Heutigen müssen dieser Gefühlsweise unserer Vorfahren — wenn auch in einem anderen Sinne — beistimmen. Uns, die wir unzählige Ritualmordprozesse überblicken können, lehrt die Geschichte einen Satz, der scheinbar paradox klingt, aber die reine Wahrheit enthält: Nicht der Ritualmord erzeugt den Judenhaß, sondern «der Judenhaß erzeugt den Ritualmordwahn. In ruhigen Zeiten, wenn der Judenhaß eingeschlummert ist, oder gar vom Erdboden verschwunden scheint, hört man nichts von Ritualmordanklagen, da scheint diese Legende ganz vergessen zu sein und wenn sie sich einmal ausnahmsweise hervorwagt, so scheiterte sie alsbald vollkommen oder verursacht höchstens lokale Unruhen. So lange nämlich die „psychologische Atmosphäre" nicht mit Judenhaß giesättigt ist, findet die Anklage in der Bevölkerung keine Resonanz und der Schwindel oder die Verbrechen, die sich dahinter verbergen, kommen bald an den Tag. Erst in Zeiten und Gegenden, wo die Wogen des Judenhasses hoch gingen, da tauchten Ritualmordanklagen auf, die breite Dimensionen annahmen und oft auch ein Opfer erforderten, da traten die Fälle ein, in denen Juden dabei „abgefaßt" wurden, wie sie einen Christen unmenschlich abschlachteten und ihm das Blut abzapften, oder denen solches auf Grund von „Indizien" nachgewiesen und von der Bevölkerung geglaubt wurde. Man kann es als historisches Gesetz formulieren: „Ohne antisemitische Zeitstimmung keine Ritualmordanklage mit Erfol g." Was aber schafft eine so mit Judenhaß gesättigte Zeitstimmung, daß sie sich in Ritualmordanklagen entlädt, was wühlt die antisemitischen Volksleidenschaften so tief auf, daß das Meer rast und ein Menschenopfer fordert? Nun, der Antisemitismus trinkt aus vielen Quellen, aber die reichhaltigste dieser Quellen ist der Neid, den die wirtschaftlich Erfolgreichen und Glücklichen unter uns erregen. Mögen sie, für sich genommen, noch so wenig zahlreich sein, die großen Augen des Neides übertreiben die Zahl, wie den Erfolg ins Ungeheuerliche, in jedem Juden argwöhnt man einen geheimen, wenigstens einen künftigen Millionär, den Besitzer von Gütern, die von rechtswegen eigentlich den anderen gehören. Wenn nun noch politische Gegensätze hinein spielen und die nationalistischen Leidenschaften auf-