Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 14-15 (4.4.1928)
- Date
- 1928-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JiiiiiifynooiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiuiiiaiiuH DIE WAHRHEIT aus dem 18. Jahrhundert (Maharam Asch), heißt es mit dreimaliger Wiederholung des Wortes „Gott" in dem ersten der 18 Segenssprüche: „Gott Abrahams, Gott Isaks und Gott Jakobs"? Weshalb nicht einfach: „Gott Abrahams, Isaks und Jakobs"? Weil das Judentum nicht blind traditionsgläubig ist. weil der Jude nicht Gott verehren und ihm dienen soll darum, weil und so, wie der Vater es getan. Sondern wie die Heilige Schrift es verlangt mit den Worten: „Erkenne den Gott deines Vaters und diene ihm", so sollst du aus Ueberzeugung Gott bekennen; und die wahre Gotteserkenntnis wird dich zwingen, den Gott der Väter anzuerkennen. Unvergleichlich schön und für die Haggada passend sagt Steinthal: „Fragt doch einmal die Millionen, die Europa bewohnen: Ist ihr heutiger Gott auch der Gott ihrer Altvordern gewesen? Wotan, Venus und andere waren die Götter ihrer Väter und deren Helden Drachentöter!" Die vier Söhne. Den Fragen der „vier Söhne" liegen zugrunde: 5. Mose 6, 20; 2. Mose 12, 26; 13, 14 und 13, 18. Maimonides, der größte jüdische Denker des Mittelalters, verzeichnet unter den Lehren der Thora auch die, das Kind, selbst wenn es noch nicht fragen kann, hinzuweisen auf Menschen* die schwer, wie Sklaven, arbeiten müsseh. um ein karges Brot zu verdienen, und ihm zu sagen: „Sieh, so mußten unsere Väter in Aegypten frohnden, aber Gott erlöste uns aus diesem Elend." Der unterrichtete Sohn, der „Chochom", bekundet seine Glaubenstreue schon mit dem Worte „unser Gott". Wenn er nun sagt: „Die Gebote usw., die euch befohlen sind", so meint er damit die Erwachsenen, religiös Mündigen, die bereits die Gebote zu befolgen verpflichtet sind, während er selbst noch kein „Barmizwah" ist. das dreizehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat. „Gott hat dies euch, den Eltern, befohlen, ihr sollt es uns Kindern befehlen." . Das böse Kind spricht nichts von Gottesgeboten. Kiddusch Haschern. „Schließe dich nicht aus von der Gemeinde!" mahnen unsere alten Weisen. Hillel sagt: „Wenn ich nicht für mich bin. wer soll für mich sein? Bin ich aber für mich allein, was bin ich dann?" Der Jude war durch sein Schicksal auf sich selbst gewiesen, durch keine Zunft, keine Sippe, keine Kaste, keine Standesliebesgaben, keine Sonderrechte, kein Monopol, keine staatliche Anstellung vor unlauterer Konkurrenz, vor wirtschaftlichen Fehlschlägen, vor Hunger geschützt, überdies mit erpresserischen Abgaben belastet, wie sonst niemand gezwungen, im freien Wettbewerb, so gut es eben ging, sich und seine Familie über Wasser zu halten. Ganz natürlich bildete diese ihm aufgebürdete Nährpflicht durch Anspannung aller Kräfte für diesen einen Zweck in ihm einen starken Erwerbsinn, egoistische Anlagen und eine gewisse einseitige Willensrichtung aus, die sein soziales Empfinden gefährden und gegen andere, als die eigenen materiellen Angelegenheiten hart und fühllos zu machen drohten. „Sehe jeder, wo er bleibe!" Hier setzte seine Religion ein. Sie impfte ihm von Kindesbeinen auf den Grundsatz ein: „Jedermanns Sache ist die Sache eines jeden und eines jeden Angelegenheit jedermanns Sache." Das Gebot der Thora: „Du sollst den anderen lieben wie dich selbst, und Gott und das WTohl und die Ehre deiner Glaubensgemeinschaft mehr als dich selbst, wenn es sein muß, mit Darangabe deines Herzens, deiner Seele und deines Vermögens", wurde ihm durch Einleben von Geschlecht zu Geschlecht zur zweiten Natur. Daher das ethische Gleichgewicht des Juden, daher der Ausgleich im Widerstreit seiner Triebe und Interessen, daher die beispiellose soziale und humanitäre Opferwilligkeit des scheinbar zur Erwerbsmaschine veräußerlichten Juden, daher „K i ddusch Haschern", Aufopferung für sein ererbtes Ideal, seine höchste Tugend, daher Abwendung von der Gemeinschaft, Eigenbrödelei, Abfall. Fahnenflucht, das schwärzeste Laster. Und dies ist das Vergehen des bösen Sohnes, da er sich mit seiner Frage von der Gemeinschaft seines Stammes ausschließt. Trotz der biblischen Vorlage scheint der „Chochom" in der Haggada nicht das Wort „euch" gebraucht zu haben. Statt des „euch" steht „uns" in der Haggada der jemenitischen Juden und sonst (im palästinensischen Talmud, in der Mekhilta, bei Maimonides). Es ist offenbar die ursprüngliche Lesart der Pessachhaggada. Der Aphikaumon. Was bedeutet die Antwort, die dem Chochom erteilt wird? _ Das Auffallendste am Sederabende war, daß man das Chagiga-Opfer, das wie an jedem Feste, so auch am Pessach dargebracht wurde, vor dem Pessachlamm speiste, während dieses doch als das Hauptopfer, den Vorzug haben sollte. Aber auch das, was sonst als Nachtisch aufgetragen zu /werden pflegte, ging an diesem Abende dem eigentlichen Mahle voraus. Hierüber ersucht der verständige Sohn um Auskunft. Das Pessachwunder in der ägyptischen Geschichtsschreibung. Die Fronarbeiten sind auf einem ägyptischen Wandgemälde dargestellt. In einem Berichte eines ägyptischen Sklavenvogtes heißt es: „Die Arbeiter fertigen täglich ihre Anzahl Ziegeln, ohne zu feiern", in einem anderen: „Gib Korn den einheimischen Soldaten sowie den Apru (Hebräern), die Steine heranschleifen für die große Festungsanlage der Stadt Raamses-Meriamon". Auch aus einem Funde, den die Ausgrabungen bei Bethschean in Palästina zu Tage gefördert haben, fällt Licht auf die Geschichte des Exodus. Daß die bisher bekannten ägyptischen Inschriften über den Auszug Israels nichts berichten, wird von manchen Geschichtsschreibern damit erklärt, daß die Hofhistoriographen Aegyptens grundsätzlich nichts überliefern, was ihrem Lande nicht zum Ruhme gereicht. Doch geht aus ägyptischen Ueberlieferungen hervor, daß der Exodus mit einer monotheistischen Bewegung in Verbindung stand, die vorübergehend in Aegypten sich geltend machte. Die Riesenstatue Ramses IL, des Pharao der Unterdrückung Israels, sieht man jetzt in der Stätte des einstigen Thebens (Raamses) mit den Attributen des Herrentums (dem Szepter) und der Tyrannei (der Peitsche) in einem Tümpel liegen. Seine Mumie sowie die seiner Tochter wird im Museum zu Kairo aufbewahrt. Die Lehmbauten, die jetzt die Stelle der einstigen Residenz des Pharao einnehmen, sind aus Ziegeln ausgeführt, die ganz genau wie die Bibel sie beschreibt (die sich bei der Beschreibung des Auszuges aus Aegypten, wie auch sonst, peinlich genauer Geschichtsschreibung befleißigt), mit Hilfe von Strohhalmen aus an der Sonne -getrocknetem Lehm dargestellt werden. Die Stationen auf der Wanderung Israels aus Aegypten sind auch inschriftlich belegt. Einen Teil des Weges legt man jetzt mit der Bahn zurück, wenn man von Kairo nach Jerusalem reist. Die Bauten Pharaos sollen das Andenken des Fürsten ehren, und sie verewigen in Wahrheit die Schande eines Herrschers, der seinem Ruhm die Arbeit seines Volkes dienstbar machte, „der die Arbeit der Nation als sein Eigentum betrachtete, statt seine Kraft und Fähigkeit in den Dienst des Landes zu stellen." ..Gieße deinen Zorn aus . . .". Warum öffnen wir die Tür bei dem Psalmwort: „Gieße deinen Grimm aus . . ."? Das Oeffnen der Tür geschieht, wie es scheint, um den Propheten Elijah willkommen zu heißen, vielleicht aber, um sich zu vergewissern, daß kein verdächtiger Fund auf der Türschwelle liege, wodurch nicht selten von ruchloser Hand über ganze jüdische Gemeinden Tod und Verderben gebracht wurden (Blutlüge). Jedenfalls bekundet man damit, daß man sich selbst bei offenen Türen im Schutze Gottes sicher fühlt, ein Gottvertrauen, das Israel der Erlösung noch heute würdig zeigt wie einst in Aegypten. Nicht nationaler Haß kommt in diesem Psalm, der übrigens im Neuen Testament zahlreiche Analogien findet (Matth. 11, 23, Offenb. 6, 10 u. a.), zum Ausdruck. Dieser Groll gegen die Widersacher Gottes ist vielmehr auf den Schmerz zurückzuführen, den der Jude angesichts des Widerstandes empfand, den die Unvernunft. einzelner der Ausbreitung der Erkenntnis Gottes und damit der Förderung der Sittlichkeit des allgemeinen Menschheitswohles, des eigentlichen Sinnes und JAC. MAYER Kleideru. 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