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Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Pessachgedanken. Von Dr. Max Grundwald*). Secher lizias Mizrajim. Einer alten Regel gemäß sollte in der Haggada mit der Schilderung des Tiefstandes Israels begonnen, mit seinem Lobe geschlossen werden. Der eine Lehrer empfahl die Darstellung der religiösen Entwicklung des Volkes aus den Tiefen des Götzendienstes bis zum Gottesvolke, die anderen die äußere Geschichte aus den Anfängen des Sklavendienstes in Aegypten. Unsere Haggada, deren endgültige Fassung aus dem achten Jahrhundert vor Beginn der üblichen Zeitrechnung stammt, vereinigt beides. Von dem Götzendienst seiner Umgebung riß sich Abraham los. und dadurch, daß seine Nachkommen in Aegypten die Wirkungen der Unmenschlichkeit am eigenen Leibe erfahren mußten, wurden sie reif, das Gottesvolk zu werden. Doch uns politisch frei und selbstständig zu machen, wäre uns nie gelungen, „hätte nicht Gott selbst unsere Väter aus Aegypten geführt." Es war ein Wunder, das gegen die Gesetze der Physik, wie der politischen Berechnung und alle geschichtliche Erfahrung verstieß und allein den Empfang und die Ausführung der Toia ermöglichte. Deshalb müssen wir, und wären wir noch so gelehrt, noch so politisch geschult, noch so erfahren und noch so geneigt, die Offenbarung am Sinai als das Hauptmoment der Entstehungsgeschichte Israels zu betrachten, doch das Ereignis der Erlösung aus Aegypten nach Gebühr würdigen, sowie es z. B. die Weisesten und Gelehrtesten ihrer Zeit, R. Elieser und seine Genossen in B'ne B'rak. taten. Auch bei jeder späteren Wohltat, selbst der endgültigen Erlösung durch den Messias, soH der ersten, der Befreiung aus Aegypten, gedacht werden. Die Erinnerung daran, daß Gott uns aus Aegypten geführt hat, begleitet uns tatsächlich den ganzen Tag alle Tage unseres Lebens, sichtbar in den Schaufäden, die, wie jeder Diener das Abzeichen seines Herrn trägt, Gottes Herrschaft über uns anschaulich bekunden. Diese Erinnerung bildet den stützenden Pfeiler für den ganzen Bau unserer Religion. Der Zweck der Befreiung aus Aegypten war die Befolgung der göttlichen Gebote, die auf die Verbreitung religiös-sittlicher Erkenntnis durch Menschen zielen, die, unter dem eisernen Zwange der Not in Aegypten zu einer Leidensgemeinschaft zusammengeschweißt, mit dem Einsatz ihres Lebens und des zeitlichen Glückes ihrer Familie für die Ausführung des Willens ihres göttlichen Befreiers kämpfen. . Unsere Väter verließen nicht nur in jener Nacht, da sie die Rache der Aegypter zu fürchten hatten, ihre Häuser nicht und flüchteten nicht, sondern machten sogar mit dem Blute des von den Aegyptern verehrten Tieres, des Lammes, ihre Häuser als Judenhäuser kenntlich. Dies ließ sie als der Erlösung besonders würdig erscheinen. So würde auch bei den Pogromen in Rußland und anderwärts so mancher Jude sein Leben gerettet haben, wenn er ein Heiligenbild ins Fenster gestellt hätte. Er lehnte es ab und wurde zum Blutzeugen für seine Väterreligion. So sollen auch wir mutig an den religiösen Zeichen festhalten, die uns als Juden kenntlich machen. Diese Haltung spiegelt auch der Gehorsam Moses wieder, als die Stimme Gottes ihn zum Werkzeuge der Erlösung seines Volkes erkor. Daß er sich in entscheidender Stunde als Held und Bekenner erwies, das allein gab den Ausschlag. Persönlich trat er völlig in den Hintergrund. Schlicht und natürlich war seine Herkunft: „Es ging ein Mann aus dem Stamme Levi und nahm zur Frau eine Tochte Levis'' (2. Mose 2. 1). Seinen Tod fand er — Tolstoi wählte ihn ähnlich, wohl in Erinnerung an Mose — fern von den Menschen. So wenig wie er im Leben als Heros, als Halbgott gefeiert werden wollte, so wenig sollte sein Grab Gegenstand eines Kultes werden. „Gott allein die Ehre!" Dies ist die Lehre seines Lebens, die Mahnung seines Auftretens in Aegypten. Die Denkmäler Aegynte"e erzählen, dnß seine Groß "i gestorben sind, sie zeigen, daß ihre Religion eine Religion des Todes, ganz Aegypten eine große Totenkammer war. Israe's Führer brauchten keine Denkmäler, denn sie sind nicht gestorben, in ihren Taten für ihr Volk leben sie fort, so wie dieses Volk selbst noch heute lebt und den Gott des Lebens bekennt. Daß Israels Lebensdrang einzudämmen, so viele mächtige Feinde am Werke sind, während um Totenreste Aegyptens in dem Sande der Wüste aufzuspüren, so viele Gelehrte sich mühen müssen, ist das unzweideutige Urteil des Weltgerichts. Of. Seite 5 für die Osterspeisen kann jeder Strenggläubige ohne Bedenken Kunerol verwenden. Die KunerolsErzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Naturfettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT *) Aus dem „Berliner Gemeindeblatt". Und noch ein Gegensatz! Tn Aegypten war die Religion ein Kastenvorrecht. Die Masse des Volkes brauchte nicht Religion. Als Antrieb zur Erfüllung der auferlegten Pflichten genügte die Peitsche. Die Arbeit hingegen war — und nicht allein in Aegypten — Helotensache, Pariaschande, die der freie Mann scheute und verabscheute» So wie die jüdische Religion Sache des gesamten Volkes war. wie der Gott Israels nie an eine einzelne Kaste, sondern stets an das ganze Volk ohne Unterschied sich wendete, so war auch Israel das erste Volk, das die Arbeit geadelt hat. Die Tätigkeit der obersten Stelle im alten Volksstaate, der Kult des höchsten Wesens wurde mit demselben Worte bezeichnet, wie die schlichteste Dienstver'ichtimg. „Aboda" (Dienst) hieß das eine wie das andere. Keiner stand zu hoch, um eine Arbeitspflicht zu erfüllen, keiner so niedrig, daß er von dem gemeinsamen Gottesdienst hätte ausgeschlossen werden dürfen. Es gab weder Vorrechte noch Sklavendienst, nur gleiche Pflichten und gleiche Rechte freier Menschen. Weshalb tragt das Kind am Seder? Das Kind soll daran gewöhnt werden, nach dem Sinne jeder religiösen Handlung zu fragen, da es im Judentum auf den Zweck und Inhalt („att pethach lo"). nicht auf die leere Formel ankommt. Daß statt des üblichen „attah" (du) hier das sonst in der Regel weiblich gebrauchte „att" steht, ist nicht weiter auffallend, da es sich so auch in der Bibel wiederholt findet. Immerhin sei es eine Mahnung gerade au die jüdischen Mütter, ihr Kind religiös zu belehren. „Um seiner frommen Frauen willen wurde Israel aus Aegypten erlöst," sagen unsere alten Weisen. Von der modernen Jüdin sollte allgemein gelten dürfen das Wort Jakob Wassermanns: „Es gibt gegenwärtig eine Sorte jüdischer Frauen und Mädchen, besonders in Rußland, denen die ganze übrige Welt nichts Aehnliches an Feinheit. Tüchtigkeit, ernster Lebensführung und wahrhaft gotterfülltem Wesen gegenüberzustellen hat. Sie tragen das Bewußtsein der großen Vergangenheit in ihrem Auge, und vor dem Adel, der auf ihrer Stirn geschrieben steht, müßte der Stolz der ältesten Geschlechter verblassen. Vielleicht hat Nietzsche auch an sie gedacht, als er seine unsterblichen Worte über das moderne Judentum niederschrieb." Der Gott unserer Väter. Auf Grund eigenen Nachdenkens soll der Jude sich Gott lischließen, heißt es auch in der Haggada. „Unser Gott und Gott unserer Väter." So und nicht umgekehrt. Unser Gott, der Gott, den wir als den einzig wahren erkannt haben, er ist, wie wir gestehen müssen, im Grunde derselbe, zu dem, wenn auch unter.anderen Zonen und in anderen Zeitläuften, unsere Väter gebetet haben. Weshalb, so fragt einer unserer Weisen

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