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Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 iiiiiuniiminnuuuioiiiiMiunmiiu^ pjg WAtlRHEIT dir in den Sinn: „Warum verzagen? Es muß nicht unbedingt ins Ungewisse gehen oder so und solange währen, bis meine Hilfe kommt. Gott ist an keine Zeit gebunden, er kann auch schon früher helfen, als ich ahnen und denken mag. Gott ist durch kein Hemmnis aufgehalten; er schreitet hinweg über Verhältnisse und Zeiten. Klammere dich, bangende Seele, an Gott." So spricht dein Pessachfest zu dir, Jude, spricht es zu dir als einzelnem und als Glied der Gesamtheit. Vierhundert Jahre lang hätte die Knechtschaft in Aegypten dauern sollen. Dem Ahnvater Abraham ward es so vorausgezeigt. Dem natürlichen Gange der Entwicklung gemäß hätte es eben so lange währen müssen, bis, durch den Schmelztiegel der Leiden geläutert, das ungereifte Volk der Erlösung herangereift sein würde. Die Völkerschaften brauchen Zeit, lange Zeit, den Weg der Entwicklung zu durchlaufen, der zur Reife, Freiheit und Höhe führt. Doch, siehe, nur zweihundert und zehn Jahre bemaß sich am Ende die Leidenszeit in Aegypten. Gottes Erlösungsgnade offenbarte sich vor der natürlichen Zeit; sie übersprang den harten Stufenweg der langsamen Ausreifung und Entwicklung. Als Gnadengabe aus Gottes unmittelbarer Vaterhand, nicht als natürliche Zeitfolge sollten der Erzväter Enkel ihre Freiheit empfangen. „M'daleg al hehorim m'kapez al hagwoaus", gleichsam wie mit Meilenschritten, über Berge hinweg, über Hügel schreitend — wie der Midrasch in Anlehnung an dieses Wort aus dem Hohelied bemerkt — griff rasch und ungeahnt Gottes Hilfe ein. Darum ist der Gedanke, den das Wort Pessach vermittelt, ein Grundpfeiler unseres religiösen Glaubens geworden. „Gonaun wehizü posauach wehimlif, Gott schirmt und rettet, überschreitet und birgt, ruft Jesaja (31, 15) aus, und indem er den Verheißungen der Rettung t den Hinweis auf Gottes Ueberschreitungsmacht bei-' fügt, gibt er seinem Trostwort erst die überzeugende Kraft.... Gott überschreitet die Zeit. Schlicht, fast zu einfach und schlicht hört sich dieser Grundgedanke an, aber gerade deshalb wendet er sich um so eindringlicher an das Herz eines jeden jüdischen Menschen. Er hebt den Schwachen und Machtlosen hinaus aus der Enge und Schwere von Zeit und Raum und hinein in die Sphäre der Zeitüberwindung. Das Weitestliegende wird dir gegenwärtig und nahe. Auf Schwingen des Geistesfluges trägt es dich hinweg über Widerwärtigkeit und Kleinheit. Hocherhoben wölbt sich dir die Brücke über Tiefe und Abgrund. „Horch' auf, Seele", ruft Pessach dir zu, „es naht dein Erlöser; sei stille, Herz, dein Gott ist dir nicht fern; harre aus, Geist, dein Hort hält dich geborgen; Gott steht über dem Nacheinander des Geschehens: Er überschreitet die Zeit." II. Und Gott überschreitet das Geschick. Am merkwürdigsten unter, den Wundergeschehnissen in Aegypten, ja das Wunder aller Wunder darstellend, war die göttliche Scheidung im Schicksal zwischen Aegyptern und Hebräern. „Wesamti pheduss ben ami uwen amecho" „Ich setze einen Unterschied ein", ließ Gott dem Pharao sagen, „zwischen meinem Volke und deinem Volke" (Ex. 8/19). Eine Katastrophe nach der anderen sehen wir in der Schilderung der Tauroh über Land und Volk hereinbrechen, über Mensch und Tier der einen gleichen Zone, der einen und selben atmosphärischen Voraussetzung. Man sollte meinen, sie müsse sich über alle gleichzeitig niederlassen, sie treffe diese wie jene ohne Auswahl und Scheidung, würfele Aegypter und Israeliten wahllos ineinander, reiße den Schuldigen wie den Unschuldigen in gleichem Maße mit. Aber nein, nur der Aegypter Wasser wandelt sich in Blut, nur sie überfällt Aussatz und Gewild, nur sie tasten in der Finsternis, nur ihre Erstgeborenen ster- Die alten Gesetze. Von Josef Lazarus, Fiume. (Fortsetzung.) Kaiser Karl V. erteilte im Jahre 1517 flämischen Schiffern das Privileg, aUjähriich 4000 afrikanische Sklaven nach Amerika zu verkaufen. In Zentralafrika bestanden bis vor Kurzem entsetzliche Menschenraubzüge, welche ganze Gegenden entvölkerten. Auf die Fliehenden wurden Jagden veranstaltet. Die lebend die Küste erreichten wurden auf .arabischen Sklavenschiffen (Duans genannt) fortgeschafft Kardinal Laviguerie, Primas von Algier, berechnete, daß in ganz Afrika zwei Millionen fliehende Menschen auf diesen Sklavenjagden zur Strecke gebracht wurden. Wegen Abschaffung des Sklavenhandels brach der Krieg zwischen den nord- und südamerikanischen Staaten aus. Erst die Wahl Lincolns zum Präsidenten der Vereinigten Staaten Nordamerikas, verschaffte dem Verbot des Sklavenhandels gesetzliche Kraft. Daß es noch im Jahre. 1880 auf Kuba blutiger Kämpfe bedurft hat, um. die Emanzipation der Sklaven gesetzlich durchzuführen, darf uns nicht Wunder nehmen, da neun Jahre später Fürst Bismarck im Reichstag erklärte, daß die Abschaffung des Sklavenhandels „derzeit" untunlich sei. Wir sehen hieraus, wie weit sich unsere gepriesene Kultur von der Mosaischen entfernte. Wenn die heutigen Gesetze so eindeutig wären, wie das Gesetz Mosis: „Wer einen Menschen raubt und in die Sklaverei verkauft — soll getötet werden!" — so wären alle (fruchtlosen) Kongresse gegen den Mädchenhandel überflüssig. Das Verbrechen des Mädchenhandels wird nur noch übertroffen durch das Verbrechen der Vergewaltigung, gegen welche der hamurabisohe Kodex ganz unempfindlich ist, da er keinerlei Strafparagraphen gegen denselben enthält. Die G h i 11 i m verurteilen jeden zum Tode (Tafel II, Paragraph 83) der „die Frau eines Anderen" vergewaltigt; also wieder ein Gesetz zum bloßen Schutze des Besitzes eines Andern — und nicht der Frauenwürde als solcher, da gegen Vergewaltigung einer Ledigen nichts vorgesehen wurde. Das assyrische Recht schützt dem Vater sein Eigentumsrecht an der Tochter, denn der Vergewaltiger geht frei aus, wenn er dem Vater den dreifachen Kaufwert des Mädchens erlegt (Paragraph 22 des assyrischen Rechtes). Ist jedoch der Vergewaltiger eines Mädchens verheiratet, so steht es nach Paragraph 53 des assyrischen Rechtes dem Vater frei, die Frau des Vergewaltigers ergreifen und dem Erstbesten zur Vergewaltigung vorwerfen zu lassen. Diese Barbaren konnten sich bloß in die Gefühle des Mannes, nie aber in die Gefühle der Frau versetzen. Moses hat den ersten Schritt zur Erziehung der Menschheit in diesem Punkte gemacht. Nach mosaischem Gesetz mußte der Vergewaltiger eines Mädchens dasselbe heiraten, unter Verlust des Rechtes, sich je im Leben von ihr scheiden zu können.

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