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Die Wahrheit · 1928-04-04 · Heft 14-15 (4.4.1928) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 14-15 (4.4.1928)
Date
1928-04-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 80 Groschen. iUi joit den Erscheint MM Veröffentlichungen der „Union deufschösterr. Juden** jeden Freitag .MM und den j^Ärnflicben Verlautbarungen der Israelitischen; Kultusgemeinde Wien" illllllllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUllllUH Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße Nr. 13 — Telephon 42-2-16 XLIV. Jahrgang Wien, 4. April 1928 Ueberschreitung. Pessachgedanken von Dr. Adolf Altmann, Oberrabbiner in Trier. Nummer 14/15 Eine Brücke hat uns Gott gebaut und wir haben sie glücklich überschritten. Ueber den starren Strom der kalten Jahreszeit hinweg hat er sie uns gespannt, und sie hat uns treu getragen. Gefügt hat sie uns der Herr, der Weltenbrückenmeister, in zwei starke, sichere Fundamente an den Ufern dort und hier; sie heißen Tischri-Festeszeit und Pessach, heißen Herbst und Frühling. In kühnem Bogen dehnte sich unsere Sehnsucht vom Feste der Hütten im Herbste zum Feste der Ueberschreitung im Lenze. Nun haben wir den Strom der Zeit überschritten. Die Gefahren des Winters sind überwunden, manch banger Tag überstanden. Gott, du warst gütig, du hast uns treu geführt. Wir glitten nicht aus- und stürzten nicht. Wir schritten über deine Brücke und leben noch. Dankend grüßen wir deine Gnade und preisen dich. Herr, wir rühmen dich mit der Schiroh Chadoschoh, dem Lied der Erneuerung, das aus dem Born unserer Seele emporsteigt, das aus der Schönheit deiner Welt uns entgegenklingt. Verjüngung haucht uns an. Pessach lehrt uns, Starrheit überwinden. Gott, mit frischem Mute schauen wir auf zu dir, laß' uns rüstig weiterschreiten, Halleluja! * Aus drei Gründen führt unser liebes Frühlingsfest den Namen Pessach, Ueberschreitung: WTeil Gott die Zeitspanne, die er festgesetzt hatte, überschritt und das geknechtete Volk Israel vor der Zeit erlöste, weil Gott die Häuser der Israeliten überschritt und ihrer schonte, als -er das Verderben in Aegypten walten ließ und weil Gott das Opferlamm, däs er das der Erlösung harrende Volk darbringen ließ, Pessach nannte, Opfer der Ueberschreitung. Ein dreifächer Sinn spricht also zu uns aus dem Festesnamen Pessach; er kündet: Für Gottes Hilfe ist es nie zu früh und nie zu spät; er überschreitet die Zeit. Gott findet seine Getreuen aus dem verworrensten Knäuel der Guten und Bösen heraus; er überschreitet das Geschick. Gott erlöst seine Geschöpfe, wenn sie opferbereit ihren- Willen ihm weihen und zerbricht alles Wollen des Schlechten; er schreitet hinweg über Willkür. I. Gott überschreitet die Zeit. Alles ist an einen Raum gebunden und jegliches im Leben will seine Zeit. Es kommt nichts vor seiner Zeit, und wenn sie da ist, siehst du das Gewordene, das in der Zeit Herangereifte vor dir. Die Entwicklung hat ihren Stufengang vollendet, und nun ist das, was kommen sollte, kommen mußte, eingetroffen. Es steht vor dir. Ob es heiter ist oder trübe, es ist dir herangereift, es ist dein Schicksal.... Das ist die Natur der Zeit, ihr ehernes Gesetz. Wer kann es bemeistern, wer will sich ihm widersetzen? Und doch, es muß eine Meisterung geben, eine Bezwingung der harten Gewalt der Zeit. Sagt es dir nicht dein Herz, die Stimme in dir, von der oftmals die Natur und Gesetzmäßigkeit übertönt, wird? Das Zeitgesetz der Natur ist mächtig, aber es ist robust; es ist stark und genau, aber es ist kalt und ohne Rücksicht; dein Inneres jedoch will, verlangt, ja drängt nach Rücksicht, nach Wärme, nach Schonung. Schauervoll wäre es in der Welt des Lebens, unerträglich, die Seele drosselnd, wenn es nur starre Entwicklung gäbe, nur unnachsichtiges, unbarmherziges Schritt-für-SchrittrGeschehen, Geduld tötendes Nacheinander im. Gleichmaß des Uhrwerkgeticks der Zeit Möge es* tausendmal die rauhe Wirklichkeit verneinen, dein Herz bejaht es: Es gibt eine Ueberbrückung der Zeit, es muß eine geben, und wenn man sie erst erbitten, erflehen, erschreien müßte!..... Denke dir, du lebest, wie einst die Ahnen in Mizrajim lebten, unter einem harten Druck. Du bist der Sklave irgend einer dämonenhaften Bedrückung, die auf dir lastet. Nicht kann es dir schwer fallen, dir so etwas vorzustellen; denn bist du denn nicht in Wirklichkeit irgendwie versklavt, alpdruckmäßig von irgend einem Joch belastet? Und bist du es nicht, so warst du es, und warst du es nicht, so kannst du es werden. Wer ist denn frei davon, frei von Lasten und Leiden, geheimen und offenen? Und nun denke dir, du leidest, trägst an einer Sorgenlast, an einer peinigenden Krankheit etwa, an einer traurigen Stimmung, an einer hemmenden Widerwärtigkeit, und keine Aussicht zeigt sich dir, kein Lichtpunkt und Ausweg öffnet sich dir. Du fragst nach der Zeit, spähst, wann deine Leiden wohl ein Ende nehmen könnten. Aber gerade die Zeit ist es ja, sie wird dir, ach, so lang, so schreckhaft und bange. Doch du bist ein gläubiger Mensch, ein religiöser Jude, und wie eine Erleuchtung geht es dir auf, schimmerts

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