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Die Wahrheit · 1928-03-30 · Heft 13 (30.3.1928) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 13 (30.3.1928)
Date
1928-03-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DflE WAHRHEIT 'Ihiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Seite 9 ein Fünftel der Kultussteuer wird von zirka SO Prozent der Zensiten hereingebracht. Auch mit den im Jahre 1927 neu bemessenen 3940 Steuerzahlern wurden ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht. Regierungsrat Dr. Oppenheim beschäftigte sich schließlich mit den verschiedenen Einwendungen der oppostionellen Redner gelegentlich der langwierigen Budgetdebatte. Er besprach dirf Anregung der Jüdischnationalen, vom Staat und der Gemeinde auf Grund der Bestimmungen des Friedensvertrages zum Schutze der Minoritäten Zuwendungein für die Gemeinde zu verlangen, was wir ablehnen,- weil wir uns auf diesen Schandvertrag, der Oesterreich zu unser aller Leidwesen aufgezwungen wurde, nicht stützen wollen, sondern nur als Staatsbürger im Wege des Gesetzes unser Recht zu erreichen suchen. Er erwähnte die Gründe, die gegen die Gründung des proponierten Gs m e i n d eb 1 a t te s sprachen, die hauptsächlich finanzieller Natur waren, sowie die Motive, die eine Beteiligung am G emeindebund ' nicht ratsam erscheinen ließen, wobei ei betonte, daß die Kulrusgemeinda Wien nie beiseite steht, wenn es einer Provinzgemeinde zu helfen gilt, während der Gemeindebund nur die Plattform für eine politische Agitation bilden würde, die wir aus der Gemeinde ausschalten wollen. Dr. Oppenheim kritisierte zum Schlüsse die sozialdemokratische Forderung nach allgemeinem K u 11 u s w a h 1 r e c h t. das jetzt schon durch die Möglichkeit für jeden Juden in Wien, um 60 Groschen das Wahlrecht zu erwerben, ein ganz, allgemeines, weiters durch die Wahlkreiseinteilung demokratischer ist als das von Dr. Renner geschaffene des Bundes und der Gemeinde, da es jeder Minorität, die über die Wahlzahl verfügt, Mandate verschafft und nicht Splitterstimmen wie dort verloren gehen. Auch das Fehlen der indirekten Steuern, die bei Staat und Gemeinde von größter Bedeutung sind, spricht gegen die sozialdemokratische Forderung. Der reiche Beifall, der dem vorzüglichen Referate folgte, bewies, wie der Vorsitzende, Dr. Hein, richtig bemerkte, nicht nur das Einverständnis mit den interessanten Ausführungen, sondern auch mit der schwierigen Arbeit unserer Kultusvcrstener. Auch Börserat Ignatz Glück, der in der Debatte sprach, betonte, daß wir Vertrauen zu dem gegenwärtigen Kultusvorstand haben. Wir gehen einem schweren Kampf entgegen, es wird rechtzeitig zu arbeiten sein, denn besonders die Sozialdemokraten, die eigentlich in der Kultusstube nichts zu tun haben, rüsten mit Hochdruck zur Eroberung der Gemeinde, deren Bestand von unserem Eifer abhängig ist. Schliießliich sprach noch Med.-Rat Dr. Heinrich H a a s e, der die Politik in der Gemeindestube sowie die Forderung nach Minoritäsrechten und allgemeinem Kultuswahlrecht energisch ablehnte. Montag, den 26. d. M., fand eine Versammlung der Mitgliedschaft Floridsdorf der „Union" im Hotel „Goldener Engel" statt, die sich mit Kultusangelegeinheiteu befaßte. Der Obmann der Mitgliedschaft, Dr. Julius Grünwald, verwies in seinen einlleitenden Worten auf den „O f f e n e n\*B r i e f" des Präsidenten der „Union" Dr. J. ü r n s t e i n an den Landeshauptmann von Vorarlberg Dr. Ender und dankte dem Präsidenten unter lautem Beifalls für sein energisches Auftreten. Kultusvorsteher Emil Engel bekannte sich in seinem Referate als Gegner der Politik auf Grund der vielfachen Erfahrungen seines- Lebens. Nicht nur-weil Politik den Charakter verdirbt; nicht nur weil politisch Lied ein garstig Lied ist, müsse man gegen sie sein, sondern auch die Gegenwart löhrt uns, daß die große Politik Kontinent gegen Kontinent, Rasse gegen Rasse hetzt, die kleine Politik aber selbst in Gebiete eingreift, die eigentlich frei von jeder politischen Agitation sein sol'lten. So haben auch politische Fragen im jüdischen Gemeindeileben vor nicht allzu langer Zeit fast zur Zerstörung unserer, altehrwürdiigen Gemeinde geführt, wenn nicht im letzten Moment die Vernunft die Oberhand gewonnen hätte, und wir hätten damals beinahe das beschämende Schauspiel erlebt, daß ein Regierungskommissär unsere Gemeinde verwaltet hätte, was glücklicherweise vermieden wurde. Der Referent erörterte nun an den einzelnen Zweigen der Gemeindeverwaltung, wie die Politik auf beinahe alle Gebiete derselben störend! übergegriffen hat, selbst auf solche, die ganz abseits jeder Politik liegen, wie Kultus, Schuil- und Fürsorgewiesen. Er ging hier in viel« interessante Details zum Beweise •für seine Auffassung ein und sprach schließlich von den kommenden Wahlen, nach deren möglichst wenig aggressiver Durchführung der Kampf nicht fortgesetzt werden dürfe, sondern so wie in der Berliner Gemeinde alle Parteien einen Friedensaufruf unterschrieben haben, sollen auch in der Wiener Gemeinde alle nach gleichen Grundsätzen für die Sanierung "der Wiener Kultusgemeinde arbeiten. Auch Kommerzialrat B. B u c h w a 1 d beschäftigte sich mit den bevorstehenden Kultuswahlen, wobai er ein anschauliches Bild der beiden anderen Parteien dies Kultusvorstandes gab. Er kritisierte die nationalen Forderungen unserer Z i o n i s t e n, die nur Wasser auf die Mühle unserer Gegner sind, besprach den Palästinaaufbau, dessen Unterstützung nicht der Linderung des vielen Elends vor allem der Wiener Juden Abbruch tun dürfe, und erwähnte, daß die zahlreichen Streitigkeiten mit den Koalitionsgenossen uns oft nicht das leisten ließen, was wir wollten. Unbeschadet der sozialen Eimstallung aller Juden - der Redner erwähnte hier die vielen Fürsorgeleistungeu der Gemeinde — sind die Forderungen der fünf sozialdemokratischen Kultusvorsteher nur politischer Natur und nicht zu verantworten, was vor allem ihr Verlangen nach allgemeinem Kultuswahlrecht beweist, das Kommerzialrat Buchwald eingehend kritisierte. Wir haben die Verpflichtung, das, was .wir von unseren Eltern übernommen, unseren Kindern zu übergeben, deshalb müssen uns unsere Wähler in unserem Bemühen unterstützen. Präsident Dr. J. Ornstein betonte, daß die Politik von allen Seiten in die Gemeindestube hineingetragen wird, und zeigte nach einem Hinweis auf die große Bedeutung der kommenden Wahlen auf, wie dies seitens unserer Gegner geschieht. Er beschäftigte sich mit der antisemitischen Eskapade des Landeshauptmannes Dr. E n d e r, dem Dr. Ornstein schon in seinem „Offenen Briefe'* unseren Standpunkt, daß wir in diesem Lande keine Gäste sind, sondern genau dasselbe Recht wie jeder andere Staatsbürger haben, weil wir hier beheimatet sind, auseinandergesetzt hat. Dieser Grundsatz scheidet uns auch von den Zionisten, die mit ihren nationalen Forderungen auch die Jugend infizieren. Noch gefährlicher ist die Arbeit der Sozialdemokraten, die auf einmal ihr Herz für die religiöse Kultusgemiainde entdeckt haben, während doch das Programm dieser Partei, wie es am Ltnzer Parteitag neuerlich festgelegt wurde, die völlige Neutralität in religiöser Beziehung betont. Dr. Ornstein erwähnte hier die letzte Kultuswählerversammlung der „Werktätigen Juden", in der der aus dam Judentum ausgetretene sozialdemokratische Abgeordnete Dr. Ellenbogen den Herren zu Hilfe kommen mußte, und befaßte sich mit den vielen Versprechungen der „Jüdischen V o 1 k s z e i t u n g", denen nur die Angabe fehlt, woher auch die hierzu nötigen Mittel zu nehmen sind. Abschließend kritisierte der Präsident das parteipolitische Programm der „Werktätigen Juden", deren Titel schon eine Falschmeldung ist, denn wjr alle sind mit stolzem Bewußtsein jüdisch werktätig, und wandte'sich scharf dagegen, daß unsere altteihrwürdige Kultusgemoinde, diese Festung für das Judentum, zu einem Bollwerk für eine politische Partei und so ihrem wirklichen Zweck entfremdet werden solle. Einer Kritik des sozialdemokratischen Bundesfür so rgerates Sobel an den Ausführungen der Referenten erwiderte Börserat 1. Glück in treffender Weise, wobei er auf die zahlreichen sozialen Leistungen der Kultusgemeinde und auf die Gefährlichkeit der sozialdemokratischen Agitation verwies. Reicher Beifall folgte allen Referaten. UNION DEUTSCHÖSTERREICHISCHER JUDEN, Mitgliedschaft Brigittenau. EINLADUNG zu der am Montag, den 2. April 1928, Uhr abends, in der Toynbeehalle, XX., Denisgasse 33, stattfindenden Veriaminlunä Tagesordnung: 1. Dozent Dr. Ludwig Hofbauer: Der körperliche Niedergang und seine Ursachen (mit zahlreichen Lichtbildern). 2. Dr. Oskar Hein: Die Notwendigkeit des Abwehrkarnptes gegen den Antisemitismus. 3. Diskussion. Von Mitgliedern eingeführte Gäste, auch Damen, sind herzlichst willkommen. Hochachtungsvoll f. d. „Union deutschösterreichischer Juden" Präsident Dr. Jakob Ornstein. f. d. Mitgliedschaft Brigittenau der „Union" Ignaz Freu n d, Heinrich S a 1 a m o u.

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