Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 13 (30.3.1928)
- Date
- 1928-03-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT »»iiiuiiiHiiHiiiiiiiiiiiiiuiiiimiiniiiumin Seite 5 Staats- und Komitatsämtern nicht mehr genug Platz haben und in ihrer Unfähigkeit, sich im freien Kampf ihre Existenz zu sichern, jedem sein Brot mißgönnen. Wahr ist ferner, daß Graf Kuno Klebeisberg gegen den Grafen Paul T e l e k i, den eigentlichen Herrn von Ungarn, nicht aufkommt, der als, Führer der antisemitischen StudentenschaftundOberhauptdes „Blutbundes Doppelkreuz", dieser geheimnisvollen, allmächtigenOfganisa'tion, der Regierung seinen Willen diktiert. Die gröbste Lüge des Antisemitismus liegt in dem jetzt geänderten Paragraphen des Numerus clausus, der die erwähnten Bestimmungen über die Verteilung der Hochschulplätze nach der Berufszugehörigkeit der Väter enthält. Dieser Paragraph soll der Welt vormachen, daß nunmehr jede Benachteiligung der jüdischen Minderheit aufgehört hat, pro domo hat aber Bethlen selbst erklärt, daß das unwahr ist, denn es würden auch in Zukunft nicht mehr Juden aufgenommen werden. Qlerreix. Die Bundesrätin Frau Dr. Pichl will auch die „verrohende Schmutzliteratur" durch ein eigenes Gesetz bekämpft sehen. Wer je sich gezwungen sah — das bezieht sich nicht auf den Staatsanwalt — einen Blick auf jene antisemitischen Zeitungen zu werfen, die nicht nur regelmäßig allen Unflat über das Judentum und seine Religion ergießen, sondern auch oft zu Mord und Raub an Juden aufreizen, wird keinen Moment den „verrohenden'1 Charakter dieser Presse verkennen. Aber gerade diese Presse wird für die Anregung der Frau Dr. Pichl nur ein höhnisches Lächeln haben. Und zwar mit Recht. Wenn die Schaffung eines Gesetzes genügte, um dieser antisemitischen „Schmutzliteratur" ein Ende zu bereiten, so existierte diese schon längst nicht mehr. Ein solches Gesetz haben wir ja — auf dem Papiere — schon längst. Wozu also ein neues Gesetz? * * Der Arierparagraph dringt in Oesterreich immer weiter vor. Wie Recht hatte doch Mommsen, als er den Antisemitismus eine „Seuche" nannte. „Der Antisemitismus ist", schrieb er, „wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera, man kann ihn weder erklären, noch heilen. Man muß geduldig warten, bis sich das Gift von selber austobt und seine Kraft verliert." Man weiß, daß Leute, die auf Bergeshöhen i sich vor einer Epidemie gefeit glaubten, auch dort von ihr erfaßt wurden. Der Arierparagraph verseucht jetzt eben auch die Bergluft. Jetzt wäre nur zu wünschen, daß Mommsens Hoffnung, „auch dieses Gift werde sich endlich von selber austoben", in Erfüllung gehe. Freilich, es könnte nicht schaden, wenn zur Beschleunigung dieses Heilungsprozesses auch etwas geschähe. £ * * * Ein Pendant zu den gewaltsamen durch Klostermauern geschützten Taufen — von denen in den jüngsten Nummern dieses Blattes zu lesen war — bietet die von der Missionsgesellschaft eifrig betriekann jeder Strenggläubige ohne Bedenken Kunerol verwenden. Die Kunerol«Erzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Naturfettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT bene Judenbekehrung. Aus einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung erfährt man, mit wie vielem Aulwand von Mühe, Zeit und Geld oft die Bekehrung eines schlechten Juden erkauft wurde. Daß sich die Missionäre nicht lieber der hohen Aufgabe widmen, aus den irregeleiteten Antisemiten echte Christen zu machen? Die Juden sind wahrlich nicht die Feinde des Christentums. Aber auch Papst Pius XI. hat wiederholt in feierlicher Rede erklärt, daß der Antisemitismus die Grundlagen des Evangeliums untergräbt und die Kirche schädigt. * * Profesor Quidde erfährt anläßlich seines 70. Geburtstages große Ehren. Man feiert heute den Mann, der vor 34 Jahren wegen einer biographischen Skizze des größenwahnsinnigen Caligula, in der die Gefahren geschildert wurden, die ein unberechenbarer und unverantwortlicher, nur von seinem Machtgefühl besessener Herrscher über sein Reich heraufbeschwört, den ärgsten Schmähungen und Verfolgungen ausgesetzt war. Quidde, der wegen seiner scharfen Stellungnahme gegen den Antisemitismus wiederholt die Zielscheibe des Hasses nationalistischer Kreise war, hat später die Genugtuung erlebt, daß ihm in Würdigung seiner durch Jahrzehnte betriebenen pazifistischen Tätigkeit der Friedens-Nobelpreis verliehen wurde. Seines sprechend ähnlichen Caligula-Porträts wurde bei dieser Gelegenheit nicht gedacht. Aber vielleicht hätte gerade diese kleine Broschüre, wenn sie rechtzeitig zur Aufklärung des deutschen Volkes geführt hätte, den — Weltkrieg verhindert. Eine herrlichere pazifistische Tat wäre wohl undenkbar. * * -Jf. Rumänien hat in der jüngsten Zeit nicht viel Schmeichelhaftes über seine staatlichen Institutionen zu hören bekommen. Aber das härteste, vernichtendste Urteil über die rumänische Justiz, das bisher