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Die Wahrheit · 1928-03-23 · Heft 12 (23.3.1928) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 12 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Ii« die Wahrheit sich wohl auch die Blockmehrheit klar sein: die in der Berliner Gemeinde bestehende Krise wird wie jede Krise nicht durch Worte, nicht durch Aufrufe,- sondern nur d«rch--Taten -behoben werden. „ v. Wenn einer eine Reise tut... r Herr S. Gordon, ein 60jähriger amerikanisch-jüdischer Bürger, und Gattin sind mit dem DaSnpfer; ^.Sinaia" als Passagiere erster Klasse und im Besitze ..von?* Vorschriftsmäßigen Touristenvisen im Haferi von Jaffa eingetroffen. Der Immigrationsbeamte untersagte ihnen die Landung mit der Begründung, sie hättensich auf dem- Schiffe dabin ausgesprochen, sie! würden unter Ums t ä nden dauernd in Palästina verbleiben und sich in diesem Falle nachträglich um eine dauernde Aufenthaltserlaubnis bewerben. Herr Gordon wies einen Bankscheck über B48 Pfund Sterling und einen Barbetrag von 200 Pfund Sterling vor, auch dies half nicht, er und seine Gattin mußten auf dem Dampfer zurückbleiben. Der jüdische ßeraeinderat von Haifa faßte einen Protestbeschluß gegen die Handlungsweise der Immigrationsbehörde. Antisemitisches Notgeld. Das jüdische Museum in Jerusalem besitzt eine ziemlich reichhaltige numismatische Sammlung, die nach dem Spender des größeren Teiles der Sammlung, R a f a e 1 i, benannt ist. Einen für die Geschichte des Judenhasses sehr lehrreichen Teil der Sammlung bilden die G e 1 d n o t e n, die während des Krieges und auch nach dem Kriege als allgemein gültiges Notgeld .oder von bestimmten Organisationen als gangbare Note ausgegeben wurden. Diese, in unzähligen Exemplaren ausgegebenen Geldnoten wurden von den antisemitischen Organisationen zu einem sehr wirkungsvollen Propagandamittel mißbraucht. Das Museum in Jerusalem besitzt eine stattliche Serie solcher antisemitischer Geldnoten in verschiedenen Sprachen. Diese Sammlung wurde dieser Tage durch ein Exemplar einer deutschen Note über 2 Mark „bereichert", die die Aufschrift trägt: „Jeder, der bei Juden kauft, unterstützt die Blutsauger seines eigenen Volkes." Gegen die Prozentnornu Der Präsident dies deutschein Staategerichtsihofes zum Schutze der Republik, Reichsgerichtsrat N i ed n e r, ist infolge Erreichung der Altersgrenze vor kurzem in den Ruhestand getreten. Aus diesem Anlaß wird in der Berliner „W e 11b ü h n e" ein Auszug aus einem nach der Ermordung R a t h enaus herausgebrachten. Memorandum Niedners wiedergegeben : Es ist unbedingt verwerflich, nicht nur kulturfeindlich, sondern auch geradezu deutschfeindlich gedacht, wenn man die Deutschen semitischer Abstammung nur etwa zu dem Prozentsatz zu Richtern ernennen will, in welchem die Deutschen semitischer Abstammung zu denen arischer Abstammung stehen. Hier gilt es, ein großes Unrecht gut zu machen. Der „Jude", welcher den allein maßgeblichen Anforderungen, die an die Bekleidung eines Richteramtes zu stellen sind, genügt, ist in Wirklichkeit ein besserer „Deutscher" als der „Germane", der diesen Anforderungen nicht oder nicht in gleichem Maße gerecht w'rd. Niiht wie bisher darf der Grundsatz gelten, daß bei gleicher Tüchtigkeit mehrerer Bewerber dem politisch rechtsgesinnten Mann der Vorzug gebührt. Antisemitismus in Rußland. Die letzte Nummer des Organs des kommunistischen Jugendverbandes „Komsonolskaja Prawda" ist ganz der Frage des Kampfes gegen den besonders unter der Jugend überhandnehmenden Antisemitismus gewidmet. Größere Auszüge aus dem demnächst erscheinenden Buch Lenins „Juden und Antisemitismus in der Sowjetunion" werden abgedruckt, dazu eine Reihe Briefe jüdischer Angehöriger des Jugendverbandes, in welchen diese das Martyrium schildern, dem sie als Juden unter ihren jugendlichen Kollegen ausgesetzt sind. In den Briefen wird ausgeführt, daß die jungen Juden sich bestrebt zeigen, in allen Lebenslagen ihrer Pflicht gegen Staat und Gesellschaft zu genügen. Nach den statistischen Daten gehörten am 1. April 1927 202.805 Juden den Gewerkschaften an, davon taten mindestens die Hälfte physische Schwerarbeit. Dennoch werden die Juden bei jeder Gelegenheit der Arbeitssabotage verdächtigt. Kumt und Literatur O. Leibecke. Das rätselhafte Ich, Weltbücher-Verlag, Berlin-Friedenau. Wer sich eist paar vergnügte Stunden;;nichi einmal, sondern immer von neuem bereiten will, lese dieses Schatzkästlein feinster Ironie und reifster Lebenserfahrung. Einige wenige Proben genügen, um zu dieser Lektüre Lust zu machen, z. B.: Liebe, Dummheit und Illusionen machen den meisten das Leben angenehm. Moralische Integrität ist kein Hkiderurigsgrund bei günstiger Konjunktur. Ungerechtigkeiten werden durch die Zeit erledigt. Schwamm darüber! Je geschickter einer ist, mit desto weniger Arbeit kommt er durch. Lediglich durch stille Arbeit etwas zu erreichen, ist eine verzweifelte Angelegenheit. Einflußreiche Bekanntschaften bewirken mehr. Konnexionen führen am leichtesten zum Erfolge; daneben ist persönliche Fähigkeit gerade kein Hindernis, so lange sie sich in vernünftigen Grenzen hält und die Eiteflkeit der Mitmenschen nicht zu sehr verletzt. Der Idealist fällt oft durch seine sogenannten Anhänger. Wer laut mit seiner Gesinnung prahlt, ist auch ohne Arbeit angesehen. Wer tüchtig arbeitet und die Phrase verachtet, wird nicht beachtet. Gerade besonders hohe Einsicht bringt leicht im:; Elend, wenn nicht eine gewisse minderwertige Gerissenheit dazukommt. Man muß mit den Führern bekannt werden, überall hingucken und sich in andere Menschen einfühlen können. Die anständigen Menschen sind diejenigen, die stets in der Ecke ihre Arbeit verrichtem und niemals weiterkommen, wenn nicht ein außerordentlicher Glücksumstawu ihnen günstig ist usw. usw. Der Verfasser ist ein Reichsdeutscher. Wie wir aus diesen wenigen Zitaten ersehen, könnte, er aber seine1 Erfahrungen sehr wohl — in Wien gesammelt haben. ü. H. „Das neue Europa" (Zürich—Wien—Berlin). Das soeben zur Ausgabe gelangte zweite Heft des XIV. Jahrganges dieser von Dr. Paul Hohenau herausgegebenen und redigierten Zeitschrift, die zu den beharrlichsten und überzeugendsten Wortführern der Völkerversöhnung und des Pazifismus zählt, bringt abermals eine Reihe von Artikeln aus der Feder aktiver Staatsmänner, Diplomaten und Wirtschaftspolitiker von universeller Bedeutung. Die Erklärungen des Pariser China- Gesandten und ehemaligen Präsidenten des Völkerbundrates Tscheng-Loh, der den Völkerbund als einen Hort des Friedens bezeichnet, die von gleicher Tendenz erfüllten Aeußerungen Lord Parmoors, des bekannten liberalen englischen Staatsmannes und Parlamentariers, sind hoher Beachtung wert. Von ganz besonderem Interesse ist, was der Präsident des französischen Ministerrates Raymond Poincare' mit abgeklärter staatsmännischer Weisheit über Geist und Wesen der ehrlichen Demokratie schreibt. Interessant sind auch die Erklärungen des Staatspräsidenten von Portugal; von packender Wirkung und bezwingender Kraft einzelne meisterhaft geschriebene Abschnitte aus den großen Memoirenwerken von Winston S. Churchill und dem verstorbenen Fürsten Lichnowsky. Der Wiener Gesandte der Vereinigten Staaten Dr. Albert Washburn begründet seine optimistische Auffassung über Oesterreichs Zukunitsentwicklung in klarer Weise. Von durchdringender Logik ist die weltwirtschaftliche Piognose des Direktors im Handelsstaatsdepartement von Washington, Dr. Julius Klein. Fesselnd und lehrreich schreibt und beurteilt Prof. Dr. R o s t h o r n, der ehemalige China- Gesandte der österreichischen Monarchie, die Ereignisse in China, mit klarem Blick und historischem Erfassen beleuchtet der Artikel General Auffenberg-Komarows „Das zaristische Rußland im Weltkriege"; ebenso geistvoll ist die Buchbesprechung über „Rasputin und die russische Seele" von Prof. Dr. W i n k 1 e r. Es folgen noch Artikel vom Wiener Gesandten der Tschechoslowakei und mehrere andere, die Aufmerksamkeit verdienen. Verein für jüdische. Geschichte und Literatur. Montag, den 26. März, 148 Uhr abends, im Klubsaal der „Hakoah", Wien I., Wipplräiigerstraße 24—28 (Cafe „Altes Rathaus") Vortrag von Dr. H...I. Zimmels: „R. Mei'r b. Ba'ruch aus Rothenburg-" Eintritt frei Gäste willkommen. Benefiz-Abend. Donnerstag, den 29. März* findet in dem Jüdischen Künstler-Kabarett, IL, Praterstraße 60, eine'Benefiz- Vorstellung für den erkrankten Wiener Liebling Max S tr e n g, an der viele prominente Wiener Künstler mitwirken,:statt.

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