Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 12 (23.3.1928)
- Date
- 1928-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ö!E WAHRHEIT iiiiiiniiiiniiiiiiiHiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiinniiiiiiiiuiiniHuiiniiH Seite $ vtSff<mttickuncKi\> der VLt%iCn> deutrcficstccccicKischec ZJuclen> fä&pcuhxsfitokcntcAcMöb WienlX.*Berqqaefe 4 *fei«/«i%../9-2-7? Offener Brief an Herrn Dr. Ender, Landeshauptmann Sehr geehrter Herr Landeshauptmann! Sie haben gelegentlich der jetzt zu Ende gegangenen Wahlbewegung in Vorarlberg in einer Wählerversammlung in Rankweil das Wort zur „Judenfrage" ergriffen und manche Ansichten geäußert, die unserseits nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Gestatten Sie deshalb, verehrter Herr Landeshauptmann, mir als dem Präsidenten einer Vereinigung, die seit mehr als vier Jahrzehnten für den Rechtsschutz der österreichischen Juden und gegen den Antisemitismus kämpft, Ihnen hier zu sagen, daß wir manche Ihrer Behauptungen als unrichtig und ungerecht ansehen. Sie stehen auf dem Standpunkte: „Der Jude ist bei uns nicht als deutscher Mitbürger, sondern in Wahrheit ist er Gast in unserem Lande." Diese Auffassung verkennt die geschichtlichen Tatsachen und sie muß von uns auf das allerentschiedenste zurückgewiesen werden. Die Juden sind hier kein Gastvolk, denn sie sind in den österreichischen Ländern bereits über ein Jahrtausend seßhaft und gerade ein Mann, der auf dem Boden katholischer Weltanschauung steht, müßte in dieser Tatsache eine Gottesfügung sehen und dürfte nicht ein Volk, das in den deutschen Ländern überhaupt nahezu zwei Jahrtausende seine Heimat besitzt, als „Nomade n" bezeichnen. Die erste Urkunde, die die Anwesenheit von Juden in Niederösterreich und insbesondere um Wie n bezeugt, enthält eine Zollordnung und stammt aus dem Jahre 904; andere Dokumente beweisen, daß die Juden seit vielen Jahrhunderten nicht nur in Wien, sondern auch in vielen anderen österreichischen Orten wie in Krems schon zur Zeit der Kreuzzüge, in Linz um 1300, in W i e n e r - N e u- Stadt schon zu Ende des 12. Jahrhunderts, ja sogar in dem kleinen Langenlois, damals Laubs oder Liebisch genannt, um 1245, um 1160 in H a d e r s d ar f, damals Hedreichsdorf, bei Krems, in Y b b s (Urkunden aus dem 14. und 15. Jahrhundert), in W e is, E n n s, S t ey r und an anderen Orten zum Teile große ansehnliche Gemeinden bildeten, oder zum mindesten in einzelnen dieser Orte vereinzelt wohnten. In Deutsehland hat Kaiser Justinian sogar schon im Jahre 351 eine Verfassung für die Judengemeinde in Köln erlassen, die beweist, daß Juden lange vorher schon in Köln wie auch in ganz Deutschland ansässig waren. . Auch Ihre weitere Behauptung: „Die Juden sind eine eigene Rasse, eine eigene N a t i o n", ist nach wissenschaftlicher Forschung über den Begriff der Rasse — lassen Sie mich nur einen der von Vorarlberg. hervorragendsten Arbeiter auf diesem Gebiete, Prof. B e r n a t z i k der Wiener Universität nennen! — kaum haltbar. Wir wollen uns aber hier auch gar nicht näher auf diese Streitfrage einlassen, denn entscheidend ist nur der Umstand, ob sich die Juden als Bürger in den Staat einfügen, in dem sie wohnhaft sind. Und da werden Sie, Herr Landeshauptmann, der Sie uns in Ihrer Wahlrede auch an einigen wenigen Stellen Gerechtigkeit zuteil werden ließen, doch zugeben, daß die Juden an dem Gedeihen jedes Staates, dessen Bürger sie sind, in hervorragender Weise gleich den anderen Staatsbürgern mitwirken und namentlich in Wissenschaft, Kunst, Literatur, Wirtschaft usw., für das Land, das sie als Ihr Vaterland lieben, überaus verdienstlich mitarbeiteten und immer tätig sind. So dürfen wir wohl sagen: wir besitzen in österreichischen Landen ein Heimatsrecht, nicht nur auf Grund positiver Gesetze, dieses Heimatsrechtes wurden wir vielmehr durch unsere uralte Vergangenheit in Oesterreich teilhaftig, in diesem Staate, in dessen Boden seit mehr als einem Jahrtausend unsere Ahnen zur letzten Ruhe gebettet werden, dessen Sprache wir sprechen, in dessen Kultur wir leben und schaffen, dessen Schicksale wir mit allen anderen Bürgern teilen, für dessen Bestand und Ehre wir das heilige Blut unserer Kinder und unser eigenes vergossen haben. Wir Juden wollen nur gleichberechtigte Bürger mit gleichen Pflichten sein; es liegt uns ganz ferne, wie Sie uns vorwerfen, „U e b e r- 1 e g e n h e i t zu zeigen", sondern nur die gleiche Behandlung mit den Mitbürgern ist unser Streben. AJs solche gleichberechtigte Bürger üben wir unser Wahlrecht wie alle Staatsbürger aus und der Jude, der durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die gesetzgebenden Körperschaften gelangt, hat dort das Recht und die Pflicht zur Kontrolle wie die anderen gewählten Mandatare. Aber er hat nicht als Jude das „Bestreben, die Kontrolle des Parlaments zu übernehmen und selbst die Kontrolle der Regierung", wie Sie, geehrter Herr Landeshauptmann, sagten, sondern nur als gleichberechtigter und gleichverpflichteter Bürger. Aus diesen Rechten folgt auch die Befugnis, jede Partei zu wählen, der er angehören will, und es mag vielleicht manchem unangenehm sein, wenn viele Juden die sozialdemokratische Partei bevorzugen, aber die politische Ueberzeugung kann man den Juden ebensowenig vorschreiben wie den anderen Staatsbürgern. Im übrigen dürfen Sie, Herr Dr. Ender, zur Kenntnis nehmen, daß auch ein großer Teil der Juden nicht sozialdemokratisch gesinnt ist, wie Sie ja auch die