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Die Wahrheit · 1928-03-23 · Heft 12 (23.3.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 12 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S Ott WAfiRHmt HOTEL „NATIONAL II 1»3 Restaurant Wien II-, Taborstraße 18 ™*Ü££ iitd Zentrale Lage, 200 Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u, Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorzügl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. schehens und dieser Pogrome von 1919 im besonderen, das die Kicüter zu Paris aui rreispruch des ScnwarzDard erkennen ließ. Mit diesem Akte ioigte der Assisen-Uencntshof erneut jener groiien lradinon, cue gerade im iranzosiscnen Kecntswesen sien oemunt hau, leidenacnaitlose UerecntigKeit mit warmer ivienscruicniieit und <ier iaee aer Muverantwortlicnken alier tur ane zu verbinden. Uanz unoekannt ist es wonl der breiteren Oeffentlichkeit geoueben, aaii vor aem gleicnen Pariser Assisen-uencntshot senon im Janre ly2ü der raü des Juden betua benaswin benanaeu wurde, der mit einer geradezu unheimlichen Aehn- UcnKeit sebon alle die bzenen und Motiv-mntergründe in kieineiem Kähmen vorweggenommen bat, die jetzi. kürzlich im benwarzoaid-Prozeß in breiterer front ihre Autroilung getunoen haoen. £s mutet einen last so an, als ob damals die Auiruttelung des Gewissens der Menscnheit nur in ganz senwaenem Maiie möglich gewesen wäre und daß es darum einer noch eindringücneren Wiederholung des semer bis in die Einzelheiten gieicnen Vorganges bedurit hatte, um die Scham und den tieisten Protest aner sittlichen Menschen zu erregen. Doch wiewohl bchwarzbards Prozeß größeren Widernaü in der Üeiientiichkeit gemnden hat, seneint der f all des Juden Schaswin in seiner noch unseligeren Verstrickung der bituationen. in der grausameren Tragus seines endlichen Ausganges trotzdem der entsetzlichere, grauenhaitere gewesen zu sein. Das größte Geheimnis bleibt dabei die Parallelität des äußeren Geschehens in beiden f allen, fast magisch entwickelt sich der spatere in seiner Struktur aus dem früheren. Sechs Jahre vor der Tat Schwarzbards, genau am 23. Februar 1920. erschoß in Paris aus gleicher Unseligkeit, in gleicher Not des Geistes und der Seele der Jude bchia Schaswin den Pjotr Trubetzki, einen vormaligen Oberleutnant in der Armee Petijuras, eben jenes Generais, den Schwarzbard in innerer Verzweiflung hernach auch im Quartier Latin niederstreckte. Der Polizeibericht und die Zeugenaussagen brachten ungefähr folgende Schilderung des Vorfalles: Der Oberleutnant Pjotr Trubetzki hatte seit dem 1. Jänner 1920 zwei Räume des Hotels bleu zu Paris, nie Condorcet, inne. Am 23. Februar desselben Jahres kehrte er gegen 11 Uhr abends von der ihm befreundeten Sängerin Estella Condor begleitet, in einer etwas animierten Stimmung in seine Wohnung zurück. Vor dem fioteleingang verabschiedete er sich von seiner Freundin. Diese hatte sich nur wenige Schritte entfernt, als sie aus der Vorhalle des Hotels Bleu zwei Schüsse hörte. Verängstigt kehrte sie sofort um und fand im Foyer des Hotels den Pjotr Trubetzki in einer Blutlache vor sich liegen. Daneben stand Schia Schaswin, scheinbar kalt und leidenschaftslos, den noch rauchenden Revolver in der Hand, ohne den geringsten Versuch zur Flucht zu unternehmen. Trubetzki war unmittelbar nach der Abgabe der beiden Schüsse verschieden. Die bald hernach herbeieilenden Polizisten brachten den Schia Schaswin, der sich seiner Gefangennahme nicht im geringsten widersetzte, auf das Kommissariat. Sein Verhalten erschien allen Augenzeugen vollkommen unerklärlich. Am 17. April 1920 kam dann der Mord zur Verhandlung vor dem Pariser Assisen-Gerichtshof. Obwohl es um Sein oder Nichtsein des Angeklagten ging, fanden sich doch nur sehr wenige Sensationslüsterne und müßige Gaffer im Verhandlungssaale ein, da es bekannt geworden war, daß gleichen Tages ein Ehebruchprozeß, der mehr „Enthüllungen" zu versprechen schien, zur Entscheidung kommen sollte. Die Daten der Anklage waren kurz diese: Schia Schaswin, Student der Medizin, 26 Jahre alt, isqosissnj 'uamÄmp/^ *AoqoojOA\ in Sipunjsnz putt uaioqaS Staatsbürger, angeklagt des vorsätzlichen Mordes an dem Pjotr Trubetzki, ebenfalls russischer Staatsbürger. Nach den polizeilichen Erhebungen habe der Angeklagte den Ermordeten tagelang vor Ausübung der Tat beobachtet und unablässig verfolgt Der Ermordete habe still und zurückgezogen gelebt und nur ab und zu russische Freunde bei sich empfangen; aus seinen beschlagnahmten Papieren sei ersichtlich gewesen, daß er längere Zeit bei der Armee Petijuras als Oberleutnant gedient habe, auch einmal Anführer einer Beutetruppe in dieser Armee gewesen sei und jetzt,- während seines Pariser Aufenthaltes, bei der Banque de France ein Guthaben von 654.000 Francs besessen habe. Der Täter selbst sei auch erst unlängst mit zwei Geschwistern, eineiii baugling und einem sechzehnjährigen Mädchen, nach Paris gezogen. Er habe in der ruft Jacob Wohnung genommen. Seine Verhältnisse seien äußerst dürftige gewesen, nur mühsam habe er sich und seine Geschwister mit Uebersetzungsarbeiten ernährt. Später habe er in einer Fabrik eine Stelle mit 140 Francs Gehalt wöchentlich gefunden. Ferner sei festgestellt, daß Angeklagter an der Sorbonne als ordentlicher Studierender eingeschrieben gewesen sei. Wer Schaswin gekannt habe, hätte ihn nie zu solcher Mordtat fähig gehalten. War es doch eine Tatsache, daß er stets bescheiden und zuvorkommend gelebt und mit seltener Aufopferungskraft für seine Angehörigen gesorgt hatte. Auch seine Angabe, als man ihn über die Motive zu seiner Tat ausforschte, er habe den Mord aus Rache begangen, stehe in seltsamem Widerspruch zu seinem eigentlichen Wesen. Nach Aufführung der Personalien wandte sich der Aelteste der Geschworenen an Schaswin mit der entscheidenden Frage: „Schia Schaswin. bekennen Sie sich des Mordes an dem Pjotr Trubetzki schuldig?" Mechanisch und wie geistesabwesend erhob sich Schaswin während der Frage des Vorsitzenden, ihn mit toten Augen, als habe er das Bewußtsein verloren, anstarrend. Obwohl sein Verteidiger, Maitre Plöns, ihm einige ermutigende Worte zuflüsterte, blieb er die Antwort auf des Vorsitzenden Frage schuldig. Fast schon unwillig werdend, wiederholte der Aelteste die Schuldfrage, ungeduldig hinzusetzend: „Als Sie die Tat verübten, scheinen Sie kühner gewesen zu sein." Jetzt überkam den Angeklagten sichtlich die qualvollste Verzweiflung. Die seelische Erschütterung macht ihn kurz aufschluchzen, ein nervöser Krampf befiel seinen abgemagerten Körper, Schweiß bedeckte sein aschfahles Gesicht. Erschöpft sank er auf die Anklagebank zurück. Nach einer Pause wandte er sich forschend zu Maitre Plöns, seinem Verteidiger. Nach Vernehmung der Zeugen, die durch ihre Aussagen den Tatbestand der Anklage aufs genaueste erhärteten, bat der Verteidiger, ein junger und damals noch sehr wenig bekannter Advokat, um Gehör. Anfangs noch stockend, aber später mit Glut des Empfindens sprechend, enthüllt er die grauenvollen Hintergründe der Lebenstragödie Schaswins, die diesen jungen Menschen zum Mörder machten. (Schluß folgt.)- Palästina-Weine „Carmel-Original" | (Friedmann Petach-Tikwah) j und auch andere edle Sorten Weine ■ | riüZlbv „Wienea" j Wien II., Obeie Donaustraße Nr. 91 5 Tel. R. 49-1-75 ■»■■«■■«■■••■•■■■■•■■■•■■■■■■■■■■■■■pa'L ■JStij

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