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Die Wahrheit · 1928-03-23 · Heft 12 (23.3.1928) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 12 (23.3.1928)
Date
1928-03-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT »»ninmnii«"nimnnita^ $e|te 5 dienst in einer Moschee beiwohnte. Dies gab mir indes nicht die geringste Lust. Muselman zu werden. In dem Vorkommnis, das ich berichte, ist also etwas anderes enthalten. Uebrigens macht der jüdische Gottesdienst im allgemeinen auf Christen^ keinen religiösen tindruck, vielmehr wird er als etwas Fremdartiges empfunden. Alles ist gar zu neu, gar zu verschieden von den Formen, von dem Verhalten, an die er gewöhnt ist und die in seinen Augen mit der Idee der Religion verknüpft sind. Am ehesten genießt er gewöhnlich diejenigen Dinge, die seinem eigenen Milieu entlehnt sind: den Gesang, die Orgel, die Erhabenheit des Gottesdienstes. Das eigentlich Jüdische entgeht ihm. Um in dem herkömmlichen jüdischen Kultus das Element der Gottesverehrung zu entdecken, bedarf der Nichtjude einer Gewöhnung, einer wahren Einführung. Vielleicht ist sogar die Kenntnis des Hebräischen, die den Sinn der Gebete erschließt, eine unerläßliche Vorbedingung. Es ist also um so interessanter, zu untersuchen, was einen jungen Katholiken, der ohne jede Vorbereitung am Jörn Kippur in die versammelte Gemeinde geriet, ergreifen und so stärk auf seinen Geist einwirken konnte. Was sich, mit in diesem Augenblick offenbarte, war durchaus nicht die jüdische Religion, sondern das jüdische Volk. Der Anblick, den diese zahlreiche Versammlung von Männern mit ihrem Talith über den Schultern bot, machte mir plötzlich eine sehr ferne Vergangenheit wieder lebendig. Die Hebräer der Dorischen Bibel standen vor mir. Aber zwei Details fielen mir ganz besonders auf, als ich die über ihre Andachtsbücher gebeugten Gläubigen um mich herum beobachtete. Zunächst, als ich sie in den Gebetmantel gleichförmig eingehüllt sah, dachte ich, daß sie alle irgendwie Dienst täten. Einige, die weiße Totenkittel trugen, waren sogar überall in der Menge verstreut und glichen dem Priester, der sich mitten im Heiligtum aufhielt. Sodann schien es mir, daß diese stille Versammlung in Erwartung irgendeines Ereignisses war. „Worauf warten sie denn?" fragte ich meinen Begleiter. Dieser doppelte Anblick, unter dem das Judentum sich mir offenbarte, war kaum imstande, den Glauben eines jungen Christen, wie ich damals -war, soweit ich es mir nachträglich klarmachen konnte, zu erschüttern. Darin zeigten sich aber jedenfalls, ganz deutlich zwei charakteristische Züge: die Form des gemeinschaftüchen Priestertums, die dem Judentum der Zerstreuung eigentümlich ist, und der Geist der Erwartung, der Glaube an die Zukunft, der seinem ganzen Kultus ein besonderes Siegel aufdrückt. In der Tat, beim synagogalen Gottesdienst sind alle Juden gleich, alle sind Priester, alle können an den heiligen Handlungen teilnehmen und sogar im Namen der ganzen Gemeinde Dienst tun, wenn sie die erforderliche Eignung besitzen. Die Würde, die den „Chacham", den Gelehrten, den Weisen auszeichnet, ist kein Priestergrad, sie gehört in das Gebiet der Wissenschaft, der durch Wissen gehobenen Frömmigkeit. Der Talith ließ mich diese Eigentümlichkeit des Judentums wahrnehmen, die mir entgangen wäre, wenn meine Aufmerksamkeit nicht vom ersten Tage an durch diesen mir so neuen Anblick einer unter ihren weißen Hüllen betenden Menge gebannt worden wäre. So reden Riten und Symbole oft eine ausdrucksvollere Sprache als die besten Worte. Die Zeremonien, die die Weihe der Jahrhunderte empfangen haben, gelangen zu uns ganz geschwängert mit Gedanken, die Generationen von Gläubigen gehäuft haben. Des Altertums kostbares Vermächtnis, wendet sich das Judentum indes nicht der Vergangenheit, sondern der Zukunft zu. Eine unbesiegbare Hoffnung auf den endlichen Triumph des Guten und der Wahrheit hat es durch die Jahrhunderte aufrechterhalten und erfüllt es durch und durch. Es wartet auf den Messias. Diese Haltung gibt seinen uralten Glaubensvorstellungen ein eigenes Gesicht. Jedesmal, wenn das moderne Gewissen sich den Ideen sozialer Wiedergeburt hingibt, jedesmal, wenn es seinen Willen kundgibt, das tausendjährige Reich auf den Trümmern von Mißbrauch und Unrecht zu errichten, ist es im Einklang mit der Seele des Judentums, so wie sie im Verlauf seiner langen Geschichte noch stets geschwungen hat. Später sollte ich verstehen, wie das Trachten nach der nationalen Auferstehung in Israel diesen von den Vorstellungen der anderen Bekenntnisse so abweichenden Geist der Erwartung ergänzt und präzisiert. Aber schon von der ersten ^Begegnung an. hatte sich mir dieser Geist in der stillen „Amida", am Schlüsse des Jörn Kippur, offenbart.- » - - -■ . - /• kann jeder Strenggläubige ohne Bedenken Kunerol verwenden. Die Kunerol=Erzeugung steht bis zur Verpackung des gebrauchsfertigen Naturfettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT CjI crre #v. Henrik Ibsens hundertster Geburtstag ist der Anlaß, die Kulturwelt wieder an all das Große und Herrliche zu erinnern, das sie diesem genialen Dichter verdankt, der einer der idealsten Wahrheitsverkünder der Menschheit war. Die Juden aber müssen noch insbesonders sich der Pflicht der Dankbarkeit gegenüber dem Manne bewußt sein, der in einer Zeit, in der sie nicht allein unter tückischem Haß, sondern auch unter verletzender Geringschätzung zu leiden halten, den Mut hatie, sie in einem an Brandes gerichteten und zur Veröffentlichung bestimmten Schreiben als das „Adelsvolk der Geschichte" zu bezeichnen. Wie Ibsen demnach über den Antisemitismus dachte? Auch das hat er in einem lapidaren Ausspruch der Welt mitgeteilt, indem er auf die Frage eines Interviewers, der kein anderer als Hermann Bahr war, erklärte: „Ueber den Antisemitismus kann ich nichts sagen, weil die ganze Bewegung mir völlig unverständlich und unbegreiflich ist." Wer die Sprache Ibsens versteht, wird keinen Augenblick verkennen, daß in diesen zahm klingenden Worten ein vernichtendes Urteil liegt: Ibsen, der in seinen mächtigsten Meisterwerken immer wieder in die Tiefen der Lüge, der Borniertheit und der Gemeinheit hineinleuchtet, in der die „kompakte Masse" so leicht versinkt, erklärt, daß er einer Bewegung, wie es der Antisemitismus ist, verständnislos gegenübersteht. * * :•: Mit tiefer, schmerzlicher Beschämung erkennt man immer wieder aufs neue, wie die hakenkreuz-

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