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Die Wahrheit · 1928-03-16 · Heft 11 (16.3.1928) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 11 (16.3.1928)
Date
1928-03-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE WAHRHEIT HOTEL „NATIONAL" ^Restaurant Wien II., Taborstraße 18 ™mÜSu IM Zentrale Lage, 200Zimmer, fließendes kaltes und warmes Wasser u, Zentralheizung. In allen Zimmern Telephon Unter der bewährten Leitung des [bestbekannten Restaurateurs S. Grüner. Vorzügl. Wiener, ungarischeu. orientalische (rumänische) Küche. Wienerbräu u. Pilsner Urquell. sich von Abraham bis Wilson zu entfalten gesucht hat und seine Erfüllung erst am Ostern der Völker finden wird, wenn der Tempel wieder aufgerichtet sein wird. Die Reinheit seiner Lyrik, die orientalisch gefärbte Musik seiner Verse und ihr tiefer Symbolismus stempeln Edmond Fleg zu einem originellen Dichter. Er veröffentlichte soeben einen Roman ,,L*E nfant Prophet e", in dem er die Geschichte eines jungen jüdischen Franzosen schildert, dessen Gewissen im gigantischen Schatten von Notre-Dame de Paris erwacht. Das prophetische Kind ist das Judenkind vom Seinestrand. Es ist eine wahre, aufrichtige und rührende Geschichte. In der warmen Intimität der Familie beginnt ein kleiner Franzose zu verstehen, warum er von seinen Schulkameraden verschieden ist, warum die kleine Christin ihn nicht heiraten kann, und welche Mission er auf Erden zu erfüllen hat. Aus all diesen Werken, ob es sich nun um den Roman eines Franzosen oder um ein biblisches Gedicht handelt, läßt sich eine Schlußfolgerung ziehen. Das jüdische Problem in Frankreich ist, in der heutigen Welt gesehen, kein quälendes Problem mehr. Vom religiösen Standpunkt aus stellt sich das Problem nicht mehr, da das offizielle Judentum eine Konfession wie jede andere ist. In intellektueller Beziehung hindert das Judentum niemanden, sich auf das Niveau der Menschheit zu erheben, und auf dieser Ebene versteht man sich stets. Räymond-Raoul Lambert (Paris). * Das Buch des jungen Schriftstellers ArmandLunei ,Nicolo Peccavi" konnte sich einen der bemerkenswertesten Romanpreise holen. Es handelt sich dabei nicht etwa um die üblichen Preisverteilungen überholter Institutionen, die keinen Maßstab für die wirklichen Auffassungen abgeben können, sondern dem jungen Lunel ist als erstem ein Preis zugefallen, den die Pariser Journalisten- und Schriftstellerverbände gewissermaßen als Protestaktion geschaffen haben: der Preis Theophraste Renaudot, der nach dem ersten französischen Journalisten und Schutzpatron der Presse benannt worden ist. Lunel gibt in seinem neuen Buch zum erstenmal eine in sich geschlossene Darstellung des jüdischen Lebens in der Provence, -das in vieler Hinsicht Aehnlichkeit mit dem Leben der deutschen Juden am Rhein aufweist Man könnte nur wünschen, daß auch in deutscher Sprache Gegenstücke vorhanden wären, daß man sich weit mehr, als dies bisher geschehen ist, mit dem jüdischen Volksleben in den Zentren, in denen es seit eineinhalb Jahrtausenden wurzelt, befaßte. Das Buch ist eine Reminiszenz an die Rückwirkungen der Dreyfus-Affäre in dem kleinen Provencestädtehen Carpentras, reicht also bis in die unmittelbar durchlebte französische Geschichte hinein. Aber im Mittelpunkte steht doch ein ganz anderes, ein seelisches Problem: das des Renegaten, oder vielmehr der Erinnerung des jüdischen Blutes an seinen Ursprung. Es handelt sich also um ein Problem, das das gesamte Judentum im weitesten Maße interessiert, und deshalb verdient Lunels Roman auch über Frankreich hinaus Beachtung. In der Schilderung dieser psychischen Entwicklung hat Lunel vielleicht zum erstenmal in dichterischer Form das Problem des zu sich zurückmüssenden Judentums behandelt, ein Problem, das man wohl als ein gesamteuropäisches betrachten darf. Lucie Steinfeld, ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■iu Empfehle Beamten Speditionsbeamter mit allen Büroarbeiten vertraut, 16jähriges Zeugnis, prima Referenzen. Kral. XX., Nordbahnstraße 16/28. Telephonische Auskunft Barber A 25-106. Capistrano, ein Judenfeind in der Mönchskutte. Von Dr. Willy Cohn. Als eine der wohltätigsten Gaben der Vorsehung möchte ich das Vergessen ansehen, nicht nur daß im Leben des Einzelnen vor Jahren erlittenes Leid in der Erinnerung verblaßt, auch im Leben der Völker ist es glücklicherweise nicht anders; keine Gemeinschaft aber kann sich so dieser Tatsache freuen wie Israel, denn würden wir uns in jedem Augenblick der zahllosen Verfolgungen erinnern, die unser Volk in den 2000 Jahren der Zerstreuung erlitten hat, so könnten wir das Leben nicht ertragen. Wenn dem so ist, so könnte man mir dann einwenden, warum soll dann durch die vorliegenden Zeilen die Erinnerung an einen großen Bedrücker wieder erweckt werden. „Vergiß es nicht", so steht schon in der Thora geschrieben, wenn von Amalek die Rede ist. Dieses „Nichtvergessen" aber ist auch heute von Bedeutung, wo ein Teil der Judenheit in der äußeren materiellen Sicherheit dahinlebend, sich nicht der Tatsache erinnert, daß die Vergangenheit auch solche Zeiten schon ge kannt hat und daß es trotzdem zu Rückschlägen kam. Immer wieder steht gegen Juda Amalek auf, ob er Capistrano heißt oder Ludendorff oder Hitler. Wir zeigten seinerzeit an dieser Stelle, als wir von den Judenverfolgungen des „Schwarzen Todes" sprachen, auf daß im Mittelalter oftmals wirtschaftliche Motive die Gründe zum Judenmord waren. Mit ihnen vermischten sich aber auch in erregten Zeiten solche religiöser Art. Der fanatische Haß, der sich mitunter in dem geistlichen Gewände der Mönche verkörperte, peitschte die Massen auf, die solchen Hetzern — das lehrt ja gerade die Gegenwart in Europa — stets allzu gern folgen. Zu diesen furchtbaren unversöhnlichen Feinden des Judentums gehörte auch Johann Capistrano, der um das Jahr 1385 in den Abru:-;zen in Italien geboren war. Im Alter von 17 Jahren trat er in den Franziskanerorden ein und schloß sich hier der strengsten Richtung an. Er war von einem fanatischen Haß gegen Ketzer und Juden erfüllt. Es v/ird erzählt, daß er im Jahre 1450 eine Disputation mit dem gelehrten Juden Rabbi Samaliel gehabt haben soll. Doch triff es sicher nicht zu, wenn gar von christlicher Seite erzählt wird, daß er ihn mit vierzig Gefährten zum Christentum bekehrt habe. Wo es irgend ging, tat er sein Möglichstes, um den Juden das Leben zu erschwerer Er hatte sich vom Papste eine außerordentliche Vollmacht geben lassen und hielt nun darauf, daß die Juden das vorgeschriebene Abzeichen an der Kleidung trugen. Als Inquisitor trat er zunächst in Sizilien

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