Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 11 (16.3.1928)
- Date
- 1928-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 iiiiiiiiiiiiiiiiifniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin i)ff» WAHRH^ft rung einen für dietjüdische Kolonisation nutzlosen, ja sogar schädlichen Schritt bedeuten. In Städten mit einer größeren jüdischen Bevölkerung, deren Verwaltung aber in Händen von Nichtjuden liegt, wie in Jerusalem oder Haifa, würde man Gef a h r laufen, daß die Einnahmen für Zwecke verwandt werden, die nicht den Juden zugute kommen." Wie soll es möglich sein, hier Grundwert- und Zuwachssteuern zu verteidigen und dort zu bekämpfen, je nachdem eine jüdische oder eine arabische Mehrheit am Ruder ist? Das Pariser Ghetto. Der amerikanische Journalist, Pierre van Paassen schildert in der „New York World" sein Eindrücke beim Besuche des Pariser jüdischen Ghetto, das auch ein eigenes Quartier latin hat: Das Quartier latin von Paris gilt immer noch als Inbegriff der Humanität. Sie ist dort Tradition und sie erweckt Erinnerungen, die sich an die größten Namen Frankreichs knüpfen: an Hugo, Musset, Verlaine und später auch an zwei so bedeutende Staatsmänner wie Leon Bourgeois und den Expräsidenten von Frankreich, Mr. Loubet. Tatsächlich hat jeder, der im offiziellen Paris von heute mitzählt, irgendwann einen großen Teil seiner Jugend in' diesem berühmten Stadtviertel gewohnt. Die Lebenshaltung ist auf der linken Seite der Seine, zu der „das Quartier" gehört, billiger und die Monatsmiete einer Mansarde ist nur eine Bagatelle. Aus den ehemaligen Genies, die in den Zimmern und Ateliers der baufälligen Häuser der hügeligen Straßen des Mont-martre vegetierten, wurden längst berühmte Gelehrte, einflußreiche Schriftsteller und nützliche Bürger Frankreichs und der Welt. Vor dem Krieg war das „Quartier" ein Sammelpunkt der jüdischen Studenten. Wenn die osteuropäischen Intellektuellen von Paris träumten, der Hauptstadt der Kulturwelt, meinten sie das Quartier latin, wo Konvention und Bürokratie den Todesstoß erhalten. New Yorks „Greenwich Village" war selbst in seiner nicht-prohibierten Epoche nur eine ganz matte Nachahmung. Man kann Bohemestimmung ebensowenig künstlich erzeugen wie einen „Kulturhintergrund". Eine geraume Zeit war das „Quartier" getränkt mit russischer Atmosphäre. Die europäische jüdische Intelligenz empfand diese Atmosphäre als eine ihr sehr gemäße. Sie brauchte Debatten und Diskussionen, den wenig nutzbringenden, aber stimmungsgeladenen Aufenthalt im Kaffeehaus, Revolutionen und große staatsumwälzende Pläne, die sich .voraussichtlich nie würden verwirklichen lassen, die aber den Enthusiasmus entflammten. Mit anderen Worten, sie assimilierten sich so sehr dem Quartier, daß sie selbst zu ihm gehörten. Aber seit dem Krieg ist. alles anders. Der russischjüdische Student ex ." e^t nicht mehr. Der jüdische Emigrant, der für nichts anderes r.-J"r zu haben ist als dafür, in Frieden und Stagnation zu vegetier*?' der zu arm und zu zermürbt zur Weiterentwicklung ist, hat den jüdishen Intellektuellen von ehemals abgelöst. Der jüdische Intellektuelle lebt nicht mehr im Quartier, er zog ins Ghetto, ins jüdische Ghetto. Es gibt tatsächlich ein jüdisches Ghetto in Paris. Seit dem letzten Jahre hat sich seine Bedeutung vervielfacht, teils wegen der Immigrationsschwierigkeiten in den Vereinigten Staaten von Amerika und anderen Staaten und teils wegen Wirtschaftskrisen und antisemitischen Strömungen in den osteuropäischen Ländern. Was für Gründe auch immer bestimmend waren, das Pariser Ghetto existiert als geräuschvolle, selbständige Stadt. Und das Ghetto hat sein eigenes Quartier latin, sein jüdisches Boheme-Viertel. Noch vor einigen Monaten waren die Restaurants von Koretz und Flammbaum Sammelstätten der jüdischen Intelligenz. Da konnte man leidenschaftliche Diskussionen hören zwischen Hebräisten und Jiddischisten, Argumente für die Verdienste Weizmanns gegen Jabotinsky, Zionismus gegen Sozialismus u. a. Hier wurde Fords Widerrufung diskutiert und Levines Flucht im Flugzeug gefeiert. Hier schwelgte der Genießer in dem aufs feinste abgestimmten Erzeugnissen einer sehr guten Küche und einem allerdings an geistigem Gehalt gleichwertigen Niveau der Konversation. Aber die Restaurateure der beiden obengenannten^ Restaurants gaben nichts auf das glänzende Unterhaltungsniveau. Sie folgerten mit Recht oder Unrecht, daß sie nichts Positives buchen könnten von den Unterhaltungsmenus, von denen ihre Gäste augenscheinlich satt wurden. Einige der sehr enthusiastischen Kämpfer in diesen Debatten vergaßen entweder daran, etwas für die Ernährung des Körpers Nützliches zu bestellen oder es zu bezahlen, falls sie es doch taten. Jedenfalls, eines regnerischen Nachmittags, als die verräucherten heißen Räume gerade echte Boheme-Atmosphäre erfüllte und als die Gäste gerade in einer hitzigen Debatte waren über Schalom Aschs letztes Schauspiel und die Kellner untätig in den Ecken standen, kamen die Herren Korez und Flammenbaum zu der Erkenntnis, daß die künstlerische Atmosphäre, sofern sie nicht Teil eines Programms ist, für das durch Eintrittskarten Sicherheit gegeben ist. sich keinesfalls bezahlt macht. Und so stiegen vom nächsten Tage ab ihre Preise sehr erheblich. Von unseren Intellektuellen betrachtete einer nach dem anderen das neue mit imponierend hohem Preis versehene Menu und verließ bedauernd das ihm vertraute Restaurant. Es wurde ihnen unliebsam klar, daß die Besitzer dieser Restaurants offenbar den materiellen Vorteilen des Lebens zugänglicher waren als dem geistigen Fortschritt. Und Korez und Flammbaum wurden gut bürgerliche Restaurants, die zahlungsfähigen jüdischen Bürgern eine gute jüdische Küche lieferten. . ■ , i;!!; I I --» Wo traf sich die jüdische Intelligenz jetzt? Nicht mehr in Restaurationen und Kaffeehäusern, aber in Bücherdielen, Kleider- und Leinenläden in den Straßen zwischen der nie de Rosiers und der rue de Rivoli. Mir begegnete am anderen Tage in der rue des Ecuffes Nr. 9 ein interessanter Typ, ein Buch- und Schreibwarenladen. Der Besitzer hieß Brillant. Brillant hat einen schönen Judenkopf. Er ist überall bekannt als der „unbekannte Philosoph". Niemand weiß etwas über sein Privatleben. Aber sein kleiner Laden wurde ein Salon, in dem über die wichtigsten Fragen des jüdischen Volkes verhandelt wurde. Es gab wenig Stühle, deshalb standen die meisten, aber das kümmerte keinen, man kann nicht Komfort und geistigen Genuß gleichzeitig verlangen. Brillant schrieb letztens — ich weiß nicht,' wieviel Jahre es her ist — ein philosophisches Werk mit dem Titel „Der Fortschritt". Dieser Band soll sein Lebenswerk werden. Er hat es so oft skizziert und darüber diskutiert, daß diejenigen, mit denen er darüber gesprochen hatte, von seiner Größe und von seiner Bedeutung überzeugt waren, Brillant spricht hebräisch, das ist selbstverständlich und natürlich auch jiddisch. Außerdem aber beherrscht er alle die Sprachen, deren Ursprung von jenen, die ihm durch die Umwelt vertraut wurden, herzuleiten ist, z. B. deutsch, russisch, englisch, französisch. Eines Tages, als Brillant in einer Straßenbahn fuhr, hörte er, wie zwei französische Arbeiter ihren Unwillen über die schlechten Eigenschaften der semitischen Rasse Ausdruck gaben. Unser praktischer Philosoph stand sofort auf und sagte zu den beiden antisemitischen Herrschaften: Ich bin Jude. Wenn Sie mir nur eine halbe Stunde von Ihrer Zeit opfern würden, kann ich Sie eines besseren belehren. Die beiden Franzosen ließen sich vor lauter Ueberraschung in seinen Buchladen mitschleifen. Dort hielt ihnen der „unbekannte Philosoph" ein Kolleg über die Judenfrage. Sein Witz, seine Belesenheit, sein Ernst machten einen tiefen Eindruck. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seinen Vortrag, um Frauen und Männern Fragen zu beantworten, die ihre privaten Sorgen betrafen. Stunde auf Stunde verging und noch immer saßen die beiden Franzosen wie angenagelt auf ihren Stühlen und hörten zu, als wären sie hypnotisiert. Jawohl, ohne Zweifel, dieser Jude da war außerordentlich interessant und sympathisch. Der eine der beiden Franzosen flüsterte dem anderen ins Ohr: „Vielleicht hält er uns nur zum Besten und ist überhaupt kein Jude." Ueberwältigt, nahezu betäubt und aufs tiefste beeindruckt verließen die beiden ehemaligen Antisemiten den Laden, während Brillant, als ob der Vorfall zu seinen täglichen. Obliegenheiten gehört hätte; wieder hinter seinen Ladentisch zurückkehrte. Es gab im Ghetto übrigens noch einen inoffiziellen Vertreter der jüdischen Interessen. In der rue de S6vigne\ gegenüber dem Haus, in dem einstmals die berühmte Frau von Sevign*.' '■ ■'• ' zwischen der rue de Rivoli und der rue de Frances Bourgeois, ist ein Kurzwaren-Engros- Geschäft So wie in New York ist diese Straße zu 90 Prozent von Juden bewohnt. Dieser Laden ist der Bereich von Isaak Kouliche. Hier empfängt er alle die, denen daran gelegen ist, zuzuhören oder zu diskutieren. Zwischen einem getätigten