Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAtiRft£tf iiiiiiiiH)iituiiiuuHii Sammlungen der neuen Partei wiesen einen Massenbesuch aut, wie man ihn in diesen Dimensionen in Budapest, aber auch sicherlich in anderen Städten Mitteleuropas kaum kennt. Welcher Parteiführer immer sprach, man konnte sicher sein, daß die größtem Säle überfüllt sein würden. Dem Wahlkampfe folgte ein Wahltag, der den Erwartungen voll und ganz entsprach. Wenn der Wahlgang im folgenden etwas eingehender geschildert wird, so geschieht dies vor allem zugleich als Beweis dafür, daß zielbewußte Männer selbst die Indifferentesten aufzurütteln imstande sind, in Budapest und — wie ich wenigstens glaube — sicher auch in Wien. Obwohl die Wahl erst für 9 Uhr vormittags angesetzt war, stand bereits um 8 Uhr morgens vor dem Wahllokal in der Sippgasse eine nach Tausenden zählende Menge, die sich von Stunde zu Stunde vermehrte. Der Wahlakt wurde präzise 9 Uhr vom Obmann des Wahlkomitees Ministerialrat Edmund Blum eröffnet. „Dieser Tag," sagte er in seiner Eröffnungsansprache, „ist entscheidend nicht nur für die Mitglieder der Pester israelitischen Religionsgemeinde, sondern für das Judentum des ganzen Landes. Wer immer Sieger sein wird, wir haben gemeinsam zu arbeiten im Interesse unseres Vaterlandes und unserer Religionsgemeinschaft." Viel zu klein erweist sich der große Saal, selbst die starke Anzahl der Ordner ist dem Andränge nicht gewachsen, auf der Straße und im Hausflur ist das Gedränge lebensgefährlich Doch die große Menge, überwiegend Anhänger der neuen Partei, harrt aus, trotzdem sie zwei, drei Stunden warten muß, bis sie wählen kann. Unter den ersten Wählern befinden sich: Dr. Ernö B r o d y, Marcell B a r a c s, Dr. Bela Fabian, Mor. B e d ö, S. Glückstahl. Um 12 Uhr erscheint Reichsratsabgeordrteter Paul Sandor, von einer unübersehbaren Menge herzlichst bejubelt. Schon in den ersten Vormittagsstunden konnte man konstatieren, daß vorwiegend die lichtgelben Wahlzettel der neuen Partei abgegeben werden, dagegen sieht man die dunkelgrünen Wahlzettel der alten sogenannten „Ehrlichpairtei" nur höchst selten. Nach 12 Uhr erscheint der Präsidentenkandidat der neuen Partei Hofrat Aladar K a s z a b, der ebenfalls mit großen Ovationen empfangen wird. Nach Abgabe des Stimmzettels unterhält er sich mit den führenden Persönlichkeiten' seiner Pairtei, die ihn ohne Ausnahme mit „Herr Präsident" titulieren. Um 1 Uhr tritt eine Pause ein. Die vorhandenen Stimmzettel werden gezählt und es wird konstatiert, daß von den abgegebenen 4512 Stimmzetteln 4230 auf die neue Partei entfallen. Nun ziehen sich die Führer der alten Partei des Vizepräsidenten Gustav G. Ehrlich zu einer Beratung zurück, als deren Ergebnis in einem Schreiben an den Wahlleiter, Ministerialrat Blum bekanntgegeben wird, daß die alte Partei den Kampf aufgibt und ihre Liste zurückzieht. Sie wünscht vom Herzen, daß die zur Regierung gelangende neue Partei im Interesse der Pester Religionsgemeinde, des ungarischen Judentums, wie auch im Interesse des Vaterlandes segensreich wirken möge. Der Wahlleiter nahm die Zurückziehung der Liste zur Kenntnis, konstatierte jedoch, daß im Sinne der Wahlordnung die Wahl bis 6 Uhr ihren Fortgang nehmen müßte. Die sensationelle Meldung des Rücktrittes der „Ehrlichpartei" von der Wahlwerbung verbreitete sich mit Windeseile unter den auf der Straße wartenden Wählern, worauf sich wohl viele Hunderte entfernten, die Mehrzahl jedoch ausharrte, um auf diese Weise ihr Einverständnis mit der neuen Partei zu dokumentieren. Um 6 Uhr abends schloß Wahlleiter Ministerialrat Edmund Blum den Wahlakt und verkündete nach dem Skrutinium das Resultat, daß von 7007 abgegebenen allein 6669 Stimmen die neue Partei erreicht hatte. Der Wahlleiter dankte allen, die ihn bei der schweren Arbeit einer reibungslosen Durchführung des Wahlaktes unterstützt hatten, und meinte, daß es keine Sieger und keine Besiegte geben dürfe, denn es liegt im Interesse des schwer geprüften ungarischen Judentums, in diesen kritischen Zeiten zusammenzuhalten. Namens der neuen Partei dankte Marcell Baracs dem Wahlleiter und seinen wackeren Mitarbeitern für die wirklich objektive Durchführung der Wahl, erklärte sich jedoch mit der Aeußerung des Herrn Ministerialrates Dr. B1 u m, daß es keine Siegeir und keine Besiegten gebe, nicht einverstanden. „Denn", sagte er, „es gibt Sieger und es gibt Besiegte. Besiegt wurde der Geist, der 40 Jahre lang es zu verhindern wußte, daß die Budapester Judenschaft sich gemäß ihren religiösen Empfindungen und ihrer Vaterlandsliebe selbstbewußt auswirken konnte; gesiegt hat der Geist, der in religiöser Beziehung eine Rückkehr zur Tradition, in wirtschaftlicher Hinsicht Fortschritt und ein neues System will. Durch den überwältigenden Sieg wurde bewiesen, daß die Absicht unserer Partei, den Juden die Möglichkeit zu geben, aufrichtige Juden und nBmmiinnmmmmmmmBitüBittHituimiifn; Seite 1 mmmmi I Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners SIMON SCHREIBER aus Erlau S Yerl&OUclft Koscher 5 S in Friedensqualität erzeugt von ■ f HEINRICH FRANCK SÖHNE S S A. G. S ■ Kaffeemittelfabrik, Linz a. d. D. 2 ■ bei federn 5 ■ Kauf m a m m e S ■ zuhaben? S treue Staatsbürger zu sein, in weitesten Kreisen restlos Anklang gefunden hat." Die Neuwahl des Kultuspräsidenten ist für den 8. März festgesetzt und steht es bereits heute fest, daß der Kandidat der neuen Partei, Hofrat Aladar Kaszab die überwiegende Majorität der Repräsentantenstimmen auf sich vereinigen wird. Untereinander. Professor Adolf Barteis in Weimar hat im H. Haesselschen Verlag in Leipzig seine Geschichte der deutschen Literatur und die deutsche Dichtung *der Gegenwart von Hebbel bis zur Gegenwart erscheinen lassen. Bartels Gesinnungsrichtung ist ja allgemein bekannt. In seiner Geschäftstüchtigkeit, die sonst nur — antisemitisch gedacht — spezifisch jüdisch erscheint, versteht er es vorzüglich, die Werbetrommei für sich zu rühren. Nun hat aber ein Gesinnungsgenosse von ihm, Professor Dr. Oswald F l o e c k in Prag, das Verbrechen begangen, ebenfalls eine deutsche Dichtung der Gegenwart (1870—1926) im Verlag von Fr. Gutsch. Karlsruhe (Baden) herauszugeben. Bartels bezichtigt Floeck des Plagiats in einem „Ein Plagiator" überschriebenen Artikel, der im „Deutschen Schrifttum" abgedruckt ist. Die Verteidigung Floecks übernimmt Professor H u t h in Karlsruhe in einer kleinen bei Gutsch erschienenen Schrift ..Entgegnung'* usw., der eine große Anzahl „Beurteilungen von Dr. Floecks deutsche Dichtung der Gegenwart" beigefügt ist. Der Verteidiger ist natürlich auch völkischer Einstellung aber eine Nuance gemäßigter als Floeck. Er sagt auf Seite 4: „Die Form der Darstellung bei Bartels ist eines Gelehrten unwürdig: in „Die Jüngsten", S. 83 u. 96. Er begnügt sich mit einem Hinweis auf den jüdischen Verleger S. Fischer, der doch mit dem Künstlertum des Dichters (nämlich des badischen Heimatsängers Emil Strauß) nichts zu tun hat." — — „Ebenso schnell tut Bartel unseren feinsinnigen Lyriker Albert Geige r mit der Kritik Jude' ab." Huth billigt bei Bartels den Abschnitt „Der Sensationalismus und die Herrschaft des Judentums" und bemerkt dabei: „Diese ehrliche selbständige Art Bartels mit ihrer etwas zu stark betonten nationalen und rassen-