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Die Wahrheit · 1928-03-09 · Heft 10 (9.3.1928) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 10 (9.3.1928)
Date
1928-03-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 iHiiiiHiniiiitiiiiiiiiiwinuuiuiwiiuiM ßjjj WAftftHEf? jeden beliebigen Durchwanderer unterstützten, aufs schwerste an diesen Leuten versündigen. Möge es besonders als eine Warnung aufs Land hinausklingen und aufklärend wirken. Mannheim, den 5. 12. 1927. Sehr geehrter Herr Muskat! Wie sie mich jetzt sehen und mich richtig als Schnorrer beurteilen, denn sie haben Erfahrung genug um echtes vom unechten zu unterscheiden sehe ich mich gezwungen Ihnen gegenüber nicht nur ihre Auffassung über meiner Person als richtig zu erklären sondern auch Ihnen beichten zu müssen. Es sind jetzt 4 Jahre her, als ich begonnen habe dies unselige Handwerk auszuüben. Ich bin ein Sohn achtbarer Eitern habe auch reiche angesehene Verwandte hier in Deutschland und es war nur Abteuerlust die mich dazu verleitete von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zu ziehen. Schon in meiner Jugendzeit verübte ich manche tolle Streiche es kam der Krieg, die Nachkriegszeit, die Inflation, die mir zu ailenmöglichen Unkorrektheiten verholfen haben: später taten dies die Kameraden die ich auf der Wanderschaft kennen lernte. Das waren zumeist routinirte Schnorrer, raffinierte Hochstappier die mich in allen möglichen Tricks unterrichteten. Das Leben der Schnorrer ist nur auf Lüge aufgebaut und je besser man Lügen kann desto größeren Erfolg hat man zu verzeichnen. Ich' habe oftschon die Leute verdammt die mich in der ersten Zeit mit Geld unterstützten, denn nur diesen Leuten kann ich es verdanken daß ich zum richtigen Schnorrer geworden bin. Sie haben mir den Weg leicht gemacht. Ich habe in den 4 Jahren zirka 5000 Mrk. zusammengeschnorrt und auf der leichtsinnigsten Art wieder verschwendet. Ich habe nicht nur privat Personen, sondern auch Institutionen, Vereine und Fürsorgekassen auf schamhaftesterweise belogen, und betrogen, und zwar unter verschiedenen Namen. Ich bin zum Kartenspieler, Urkundenfälscher (indem Ich mir verschiedene Pässe selbst fabrizierte oder erschwindelte) herangewachsen. In Deutschland, Schweiz, Frankreich, Belgien, Holland, hatte ich am meisten Erfolg. Die Art und Weise, wie ich zu Werke ging, ist viel zu komplizert um daß ich sie auf das Papier zu setzen imstande wäre. Der liebste Aufenthalt war mir Baden, auch Württenberg und Bayern. Ich bin nicht ein einzelner, es sind viele hunderte die auf gleiche Art ihr Fortkommen suchen. Die schlimmsten sind die, die andere junge Leute auf diesen Weg verleiten. Die meisten können nicht mehr zurück und die Schuld trifft meiner Ansicht nur denen, die Geld an solchen Leuten verabreichen und ihnen dadurch dazu verhelfen diesen schändlichen Lebenswandel fortzusetzen. Lin ganzes Buch wäre nicht imstande die Kniffe die ein Einzelner aufbringt zu schildern. Ihnen der die Leute unseres Schlages durchschaut, ist es nicht notwendig alles zu schildern sie kennen die Schliche und deshalb meidet so mancher ihre Kasse und verlegt sich auf die Landgemeinden, die immer noch glauben, daß ihre Zedokoh am rechten Platze wäre. Während ich dieses schreibe muß ich selber bei mancher Erinnerung die mir jetzt vorschweben lächeln. Gerade diese Leute die glauben, daß sie sich auf diesem Gebiete auskennen, fallen am meisten herein. Ich bin nun dreißig Jahre alt geworden, ich habe dieses Leben satt, ich sehne mich nach einem geregelten Leben. Wenn sie mir dazu verhelfen können, so haben sie ein großes Werk vollbracht. Ich hoffe es wird Ihnen gelingen, da es Ihnen auch schon in anderen Fällen gelungen ist, zuma! sie jetzt meine reuige Gesinnung gewisser Maßen gesehen haben. Es gibt nur einen Auswee. um diese fatale Schnorrerleben zu unterbinden. Privatleute, Institutionen. Vereine, Landgemeinden, sollen in keiner Weise an Durchreisende Geld verabreichen, am meisten warne ich vor dem Unterstützungswesen in den Landgemeinden. Ein anständiger Mensch wird wohl kaum eine Landgemeinde in Anspruch nehmen. Wenn diejenigen Personen die bis jetzt immer an Durchreisende Geld verteilten nur einen Teil davon an den Kassen abführen würden die eine sachliche Fürsorge zu leisten imstande sind, damit diese eine fördernde Arbeit bewerkstelligen kf'viren. so wäre dies der erste und be^le Weg das Uebel aus der Welt zu schaffen. Denn es gibt leider noch genug Leute, die einer richtigen Hilfe und einer zweckmäßigen Unterstützung würdig sind. Vier Jahre Erfahrung JAC MAVER Eigene naOabiellunft eines qualifizierten Schnorrers der reumütig umkehren will, sprechen aus diesen Zeilen. Ich erteile Ihnen auch das Recht meinen Brief zu veröffentlichen, weil ich alles wieder gut machen möchte. Mögen diese meine Zeilen dazu verhelfen, endlich einmal Licht in diesem Dunkel zu bringen. Viele Sünden sind begangen worden, wüßten die vielen Geldgeber zu welchem Zweck ihr Geld verwendet wurde sie würden es nicht mehr tuen. Auf Gutachten seitens Privatpersonen, Aerzte, Institutionen, Rabbiner, gebe man erst recht nichts, diese sind meist gefälscht oder erschwindelt. Möge diese meine aufrechte Beichte mir Kraft und Mut geben, mich fernerhin von diesem Laster fernzuhalten, ich möchte doch nun endlich als anständiger Mensch wieder durchs Leben gehen. Ich will Ihnen auch nicht verhehlen, daß Ihre Worte großen Eindruck auf mich machten, wofür ich Ihnen ewig dankbar sein werde. Wahrheitsgetreu geschrieben zeichnet mit innigster Dankbarkeit und aufrichtiger Hochachtung! Die Budapester Kaltuswahlen. Originalbericht unseres Budapester Berichterstatters. Die Budapester Judenschaft hat einen großen Tag hinter sich. Sonntag, den 26. v. M. wurde sie zur Urne berufen, um über die Neuwahl von 140 Repräsentanten der Pester israelitischen Religions gemein de zu entscheiden*). Im Gegensatz zu früheren Wahlgängen, die gewissermaßen interne Angelegenheit einiger weniger interessierter Personen waren und daher ohne Anteilnahme weiterer Schichten vor sich gingen, gestalteten sich die diesmaligen Wahlen vom ersten Momente an aufregend und die Wahlagitation ergriff selbst Kreise,, die sich früher um Kultusangelegenheiten nie gekümmert hatten. Diese Erregung hatte ihre besonderen Ursachen. Kein Geringerer als der Reichsratsabgeordnete Paul Sandor war nämlich auf den Plan getreten, um an der Spitze einer emsig arbeitenden Partei den bisherigen Machthabern in der Pester Kultusstube den schärfsten Kampf anzusagen. Von der Beliebtheit dieses Mannes, der wohl auch außerhalb der Grenzen Ungarns Rang und Namen hat, macht man sich in Wien z. B. keine Vorstellung, er ist, um es kurz zu sagen, populär im wahrsten Sinne des Wortes. Und zu ihm gesellten sich Männer, die in der allgemeinen ungarischen Politik eine große Rolle spielen, wie u. a. die Reichsratsabgeordneten Dr. Ernö Brody und Dr. B61a Fabian, sowie die Herren Dr. Wilhelm Grauer, Baron Adolf K o h n e r, Andor Nagy, Dr. Emil Zahler, Magnatenhausmitglded Jenö Vida, Dr. Marcell Bar a es und Josef V6csi. Alle diese hervorragenden Männer und viele andere prominente Persönlichkeiten mit ihnen, hatten sich unter Führung Paul Sfiandors zu der „Neuen traiditions'treuen Kultuspartei" vereinigt Das Programm dieser Partei war zugkräftig, denn es forderte in religiöser Hinsicht Traditionstreue und Ausbau des Kultuswesens, in politischer Hinsicht Zusammenschluß nicht nur der Budapester, sondern der gesamten ungarischen Judenschaft zur Wahrung ihrer eigenen Interessen und für die Interessen des Landes. Für den durch das Ableben Dr. Alexander L e d e r e r freigewordenen Kultuspräsidentenposten kandidierte die neue Partei den bekannten Budapester Philanthropen Hofrat Aladar Kaszab. Auf der anderen Seite stand die alte seit vier Jahrzehnten in der Kultusstube herrschende Partei, deren Führer Gustav Ehrlich, bisher Vizepräsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde war. Wochenlang dauerte der Wahlkampf mit einer Intensität, die geradezu beispiellos war. Speziell die Wählerver- *) Nach dem Kultusstarut werden aus der Mitte der von den Pester Bezirken gewählten Repräsentanten der Kultusvorstand und das K u 11 u s p r ä s i di u m gewählt. Kleideru. Gummimäntel-Fabrik Export nach allen Ländern Zentrale: Wien II., GlOCkengaSSe 24 Tel. 48-4-70 Für Kuttuibtamt« und Vereinsfunktionär« segen Legitimation 10»/. NachlaB

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