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Die Wahrheit · 1928-03-09 · Heft 10 (9.3.1928) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 10 (9.3.1928)
Date
1928-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Die Reformation und die Aufklärung haben den religiösen Antisemitismus bedeutend geschwächt, aber sein Erbe ist der moderne wissenschaftliche Antisemitismus, der besonders in der protestantischen Theologie gepflegt wird. „Das Dogma von der allein seligmachenden Kirche ist in verklärter, idealisierter Gestalt zu dem neuen Dogma geworden, daß das Christentum — und zwar immer das des gerade schreibenden Forschers — die höchst denkbare Vollkommenheit religiöser Fortentwicklung bedeutet. Auf dieser Grundlage muß natürlich das Judentum als eine längst überwundene Religionsstufe dargestellt werden. „Freilich muß anerkannt werden, daß es auf diesem Gebiete einen Unterschied gibt zwischen antisemitischer Tendenzforschung und wirklicher Wissenschaft . . . Nicht jede Wissenschaft, die zu ungünstigen Ergebnissen in bezug auf die Juden kommt, ist antisemitisch." Der Verfasser warnt davor, daß man auf jüdischer Seite hier angebrachte und berechtigte Kritik mit bewußten Angriff unter Mißbrauch der Wissenschaft verwechselt. — Der wirtschaftliche Antisemitismus, der sich häufig in das Gewand des Religiösen hüllt, bediente sich der Gesetzgebung, um die Juden auf den Geldhandel zu beschränken. „Die Gesetzgebung bewirkte eine ungesunde Berufsverteilung, die ungesunde Berufsverteilung gab den Juden für bestimmte "Gebiete besondere Fähigkeit und der notwendigerweise daraus entspringende Erfolg wird wieder zum Ouell des Judenhasses, der eine gerechte und gesunde Gesetzgebung immer wieder vereitelt." Der Rassenantisemitismus, der an die Stelle der religiösen Ideologie des Judenhasses getreten ist, hat eine leichte Aufgabe. Für ihn genügt das Anderssein der Juden, ihre Rassenfremdheit, eine Verfolgung und Entrechtung zu begründen. Von der Rassentheorie wird der Nationalismus gespeist. Was der Verfasser Seite 68 bis 74 über den Nationalismus sagt, gehört zu dem Besten, was über dieses Thema geschrieben worden ist. Treffend ist die hier meines Wissens zum erstenmal gemachte Bemerkung, daß der Nationalismus aus der Hegelschen Geschichtsauffassung reiche Kraft gesogen hat. Wenn es wahr ist, wie Hegel lehrte, daß alles, was besteht, vernünftig und berechtigt ist, so haben alle nationalen Eigentümlichkeiten und „Eigenarten", mögen sie an sich noch so minderwertig und vom allgemeinen sittlichen Standpunkt noch so verwerflich sein, den besten Wert an sich, eben weil sie vorhanden sind. Daher die Selbstvergötterung besonders der kleinen und der Emporkömmlingsnationen, die an die Welt den Anspruch erheben, sie müßte ihnen behilflich sein, ihre kostbaren Eigenschaften zu konservieren. — Den Taufjuden widmet der Verfasser ein besonderes Kapitel, er betrachtet das Renegatentum als einen der Hauptfaktoren der Verbreitung und Verstärkung des Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart. Der Verfasser sieht voraus, daß der jetzt herrschende Rassenantisemitismus von einer neuen Welle des religiösen Judenhasses abgelöst werden wird und wirft die Frage auf, ob der Antisemitismus eine vergängliche Erscheinung sei oder nicht, „ob er, praktisch gesprochen, durch Kampf ausgerottet werden kann, oder ob er für ewig bestehen muß, da er gewissermaßen ein Teil der Weltordnung ist." Die Antwort auf diese Frage ist wichtig, da unter uns sich die Stimmen mehren, die jeden Kampf aufzugeben raten, da er zwecklos sei. „Nur dann würde ja der Kampf einen Sinn haben, wenn irgendwie Aussicht auf einen Erfolg bestünde, und nur wenn das Bewußtsein, dem ethischen Fortschritt zu dienen, ihn beflügelt, wird er mit wirklicher Kraft geführt werden können." In einer scharfsinnigen und glänzenden Auseinandersetzung kommt der Verfasser zu dem Schluß: „Aus der Stärke und Verbreitung einer Erscheinung folgt ebensowenig wie für ihren -absoluten sittlichen Wert etwas für ihre Dauer . . . Der Diebstahl und die Lüge sind fraglos nicht in der sittlichen Weltordnung begründet und nicht ihr immanenter Teil, der notwendig und ewig ist . . . Wer aber in die Praxis schaut, wird wahrscheinlich feststellen können, daß Diebstahl und Lüge noch weit weniger ausrottbar erscheinen als der Antisemitismus . . . Und wie der Jude von Religions wegen gegen Lug und Diebstahl ist und jede sonstige sittliche Verirrung auftritt, so muß er auch den Antisemitismus bekämpfen, weil er eben Jude ist. Kampf gegen Judenhaß, der nur eine Unterabteilung des Hasses gegen Gottes Geschöpfe ist, ist begriffbestimmendes Merkmal des Judeseins, das — mehr als die Feststellung gemeinsamer Abstammung — dem als Juden DIE WAHRHEI1 verbundenen Teil der Menschheit ethische Zukunftsaufgaben zur Lösung zuweist." Der Kampf aber muß geführt werden auf der Basis des Rechtes. „Das Wort Recht ist freilich nicht im engen juristischen Sinne zu fassen, als einen Gegensatz zur Moral darstellend und aus den Verträgen sich herleitend", sondern in dem Sinne, daß es den inneren Ausgleich menschlichen Sinnens und Tuns mit den Gesetzen göttlicher Sittenlehre erstrebt zum Zwecke des friedlichen Züsammenlebens der Menschheit. „Recht bedeutet so auch Sittlichkeit". „Das Recht in diesem weiten Sinne aufgefaßt, ist auch identisch mit Kultur." „Die Judenheit hat die Pflicht, dem Vernichtungswillen einheitlichen Widerstand entgegenzusetzen, es kann kein positives Judentum, kein starkes, freies Judentum geben, das die Bekämpfung des Antisemitismus nicht als seine oberste Aufgabe betrachtet." „Der Kampf um die Gleichberechtigung ist im letzten Grunde eine jüdische Lebensnotwendigkeit." Die kleine Schrift Goldmanns behandelt das Problem mit einem erstaunlich reichen Rüstzeug von Gedanken und Wissen, nicht bloß als spezifisch jüdische Frage, sondern vom allgemein soziologischen und geschichtsphilosophischen Standpunkt, und gemäß den Gesetzen der allgemeinen Entwicklung des Völkerlebens. Mit kühler Sachlichkeit und ruhiger Objektivität wird die Erscheinung analysiert und begriffen. Die Untersuchung wirft Licht auf eine ganze Reihe von Erscheinungen des geschichtlichen Lebens und bietet einen überaus wichtigen Beitrag, um die jüdische Geschichte im Rahmen des gesamten weltgeschichtlichen Geschehens gesetzesmäßig zu begreifen. . . . .....J&j&^'W . WT"~ j»e#v. Der seltene Anlaß, unseren Hakenkreuzlern ein Kompliment machen zu können, soll nicht unbenützt bleiben. Die stets auf ihren Vorteil bedachte Baker tanzt doch furchtlos in Wien und selbst das Theater, dessen Bretter sie angeblich durch ihre allen sichtbare dunkle Hautfarbe schändet, ist nicht demoliert worden. Die kompetenten Behörden sind eben rechtzeitig dem unverhüllten hakenkreuzlerischen Terror entgegengetreten. Sie haben nach eingehendem Studium so vieler weißentkleideter Revue-Girls, die in diesen schweren Zeiten beim Theater auch kaum mehr als das nackte Leben herausschlagen, eingesehen, daß sie auch bei der Baker ein Auge der Gerechtigkeit zudrücken müssen. Den hakenkreuzlerischen Jünglingen aber wurde es begreiflich gemacht, daß ieder Versuch, ihrer sittlichen Entrüstung durch gemeine Skandale Ausdruck zu geben, böse Folgen für sie hätte. Die hakenkreuzlerischen Studenten, die seit Jahren von Zeit zu Zeit an den Wiener Hochschulen Tänze aufführen, die nicht nur jedem sittlichen Empfinden, sondern auch dem Strafgesetze Hohn sprechen, hätten sicherlich diese Uebungen längst eingestellt, wenn ihnen nicht mit Recht das Wort des Anzengruber'schen Steinklopferhanns vorschwebte: ..Es kann dir nix g'scheh'n!" * * # Die ..Reichspost" wendet sich in scharfer Weise gegen die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes, wonach ein evangelischer Lehrer zum Schulleiter an einer Schule mit katholischer Schülermehrheit bestellt werden kann. Der Verfassungsgerichtshof geht von der Anschauung aus, die Aufgabe der Volksschule sei die sittlich-religiöse Erziehung, t die auch durch einen Lehrer anderen Glaubensbekenntnisses bewirkt werden könne, während die „Reichsnost" dies negiert. Es ist nicht meine Sache, an die-

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