Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 10 (9.3.1928)
- Date
- 1928-03-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seit* 3 öffentlichen Lebens, unbekümmert um seine eigene Sicherheit, mit Selbstaufopferung für die ungarische Judenheit kämpfte. Unaussprechlichen Dank schuldet die ungarische Judenschaft, ja die. Judenschaft der ganzen Welt diesem Manne, denn daß die ungarische Judenschaft in den großen" Stürmen der Weltgeschichte und unter den schwersten Heimsuchungen unerschüttert aushielt, daran gebührt der Löwenanteil der belehrenden, ermunternden, aufrichtenden, männlichen Haltung Paul S ä n d o r s. Gegen einen solchen Mann, der Jahre seines vorgerückten Alters seiner bedrohten Glaubensgenossenschaft opfert, wagen die Wiener Zionisten die Anklage, er habe die jüdischen Interessen verraten. Die Wiener Zionisten können es nicht verstehen, daß jemand sein Vaterland, seine Nation so liebt, wie Paul Sändor sie liebt. Und wenn der Jude doch an seinem Vaterland hängt, so nennen sie ihn, wie wir dies im Falle Paul Sändors sehen, einen „Feigling". Ich muß lachen, der Mann ist ein Feigling, der sein Leben für seine Glaubensgenossen wagt. Hingegen ist der Wiener Zionist ein Held! Der niedrige Angriff, den die Wiener Zionisten gegen Paul Sändor und seine Genossen wegen ihrer unerschütterlichen Treue zur ungarischen Nation, zur ungarischen Kultur, zur ungarischen Politik richten, gereicht diesen Männern zum höchsten Ruhm. Dieser Angriff beweist, daß sie den rechten Weg gehen. Es gehört zu dem Lebensbilde Paul Sändors, daß, während er einen seiner größten rhetorischen Erfolge der Verteidigung der jüdischen Interessen im ungarischen Parlamente feierte, ihn die Wiener Zionisten in einem Artikel „Rozsa Sändor" nannten. Die ungarische Judenheit hat Paul Sändor zu sehr ins Herz geschlossen, als daß sie nicht lachend zur Tagesordnung über diese Niedrigkeit überginge. Aber ich täusche mich vielleicht nicht, wenn ich sage, daß jetzt auch schon die Zeit gekommen ist, daß die vernünftig denkende Judenheit Wiens und Oesterreichs, die meines Wissens in ihrer großen Majorität antizionistisch ist, eine Genugtuung dem so schwer beleidigten Führer der ungarischen Judenheit gebe. Dr. Ludwig Szabolcsi, Chefredakteur des „Egyenlöseg". ff Das Wesen des Antisemitismus". Von B. W. Segel. (Schluß.) Diese Verallgeirsainerungssucht, die in der Struktur des Massendenkvermögens liegt, wird jedoch meist nur auf das bezogen, was man als feindselig, gehässig empfindet, cias Wertvolle und Positive überläßt man nicht gern der Minorität, da dadurch der Eigenliebe Abbruch geschehen würde. Wenn etwas Gutes ausschließlich Eigentum der Minorität wäre, dann hätten „wir", die Majorität, ja keinen Anspruch darauf. Die Sucht nach Verallgemeinerung erregt bei den Betroffenen das Streben nach Höchstleistungen. Die Pflicht, sich ganz besonders auszuzeichnen, wird zu einem sittlichen Programm der Minderheit. Jedes Glied fühlt sich verantwortlich für das Ganze. Da dieses Streben aber wiederum die innere Kraft der Gemeinschaft verstärkt, ihr Selbstbewußtsein und ihren tatsächlichen Wert hebt, wirkt sie auf andere Quellen des Fremdenhasses verstärkend. Es handelt sich, wie man sieht, bei den psychologischen Prozessen, die den Judenhaß formen, nicht um spezifisch Jüdisches an sich. „Gewiß sind nicht alle von gleicher Verbreitung und Tiefe. Ueberall und immer wirken das sachliche Moment des Kraftbewußtseins der Majorität und das formelle der Verallgemeinerung." — Der Antisemitismus ist also nur eine „Spezialfrage aus dem größeren Gebiete des Fremdenhasses, aber keine Sondererscheinung der jüdischen Geschichte, die für sich allein beurteilt werden müßte." Die geschichtlichen Ursachen, die den Antisemitismus in die Erscheinung bringen, sind dreierlei: das religiöse, das wirtschaftliche, das Rassenelement. Im Mittelalter sah die Kirche das Prinzip ihrer alleinigen seligmachenden Kraft und das Prinzip der Glaubenseinheit „durch die verfluchten Juden gestört, die sich nicht nur erhielten, sondern recht oft ein beachtenswertes und erfolgreiches Dasein führten." Die Dispu- So war z. B. das Halten einer Nebenfrau, der man kündigen konnte, Hagar neben Sarah — babylonisch — und nicht mosaisch; Moses war derjenige, der es abgeschafft hat. Der Streit um die Erstgeburt, Ismael und Isaak, Esau und Jakob, auch dies war babylonisch und hat im Mosaischen Gesetz keinen Platz, da man um bloße Verpflichtungen des Aelteren gegenüber dem Jüngeren, nicht streitet. Das Adoptieren der Enkel durch den Großvater, bei Lebzeiten des Vaters (Jakob adoptiert seine Enkel Ephraim und Menasse bei Lebzeiten seines Sohnes Joseph), auch das war babylonisch. So werden unserem Blicke zwei vor-mosaische Gesetze entschleiert. Die Kenntnis eines dritten verdanken wir deutschen Gelehrten, die im Jahre 1870 in Hamah am Orontos, in Syrien, einen Stein ausgruben, der ganz merkwürdige, den ägyptischen vollkommen unähnliche Hieroglyphen trug. Die Aegypter schrieben nach einer Zeilenrichtung; die Syrer serpentinenartig: eine von rechts nach links, die foleende von links nach rechts; jede Zeile begann dort, wo die frühere aufhörte. Auch die Figuren der syrischen Hieroglyphen sind von den ägyptischen ganz verschieden; denn die ägyptischen weisen bloß ganze Figuren auf; die syrischen hingegen auch einzelne Körperteile: Könfe, Füße, Hände, aber auch Hausgeräte, Werkzeuge, Waffen. Auf der ganzen Reichsfläche, vom Aegäischen Meer bis zum.Euphrat und Tigris, fand man diese asiatischen von den ägyptischen ganz verschiedenen Hieroglyphen vor. Die Enträtselung dieser Bilderschrift ist einerseits der Weltmachtstellung Babylons, anderseits dem Umstände zu verdanken, daß Abraham Babylonier war. Babel war damals viermal so groß als das heutige London. Es drängte seine Macht, seinen Luxus, seine Mode, seine Sprache — und fügen wir gleich hinzu: seine Sittenlosigkeit der Alten Welt auf. Wir können uns London ohne Autoverkehr und Untergrundbahn nicht vorstellen. Ohne dessen haben die Einwohner einer viermal größeren Stadt das andere Ende derselben wohl nie im Leben gesehen. Keinem sozialen Bedürfnis sind aber solche Städte entsprossen. Sie waren Riesengarnisonen. Vergatterungen der ganzen beherrschten Bevölkerung, zu Welt- Eroberungszwecken. So konnte Nebukadnezar von Babel aus Fußtruppen an den Nil schicken; Xerxes, der Perserkönig, von Susa bis an die ThermoDhylen. Moses, dem bloß die Vertreibung der Götzendiener vom Boden der Patriarchen am Herzen lag, um Platz zu machen den aus Aegypten heimkehrenden Nachkommen, war gegen die Gründung von Weltreichen, welche die Welt versklaven, daher heißt es in seinem ersten Buche, Kap. 11, Vers 6: „Siehe, ein Volk ist es, und eine Sprache haben alle, und das ist der Anfang ihres Tuns, und nun möchte ihnen nichts unmöglich sein, von allem was sie gesonnen sind zu tun". Alles blickte damals nach Babel, der Metropole der Welt, alles kleidete sich wie in Babel, alles sprach babylonisch, alle Unsitten richteten sich nach Babel. Als aber Babel am Gipfel seiner Macht stand, lebte im Heiligen Lande ein schlichter Mann, der Prophet Jeremias, nicht geblendet durch die Weltmacht Babels, prophezeite dieser Mann Gottes den Untergang dieses unsittlichen Kolosses; denn ewig dauert — nach mosaischer Lehre — bloß das Sittliche: alles Sittenlose ist dem Untergang geweiht. (Fortsetzung folgt.)