Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-03-02 · Heft 9 (2.3.1928) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064257--16099-3088830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 10 'liHIIHlIHHIOntM^ iiniiiuiii!iiiiiiHiiUimnömiiiiii!iiiiiiiiiii!,'ii:t oiE WAHRHEH ev8ffentlfchunqen der Ufticn deutrcliöftevvcicKiscKcv Juden r/ %j*7xarttasjaijbnfc^/r.94d4 WienlX.*Berqgaera 4 %Ufan.: 19-2-77 Hauptversammlung des Central- Vereines. ■■ Direktor Dr. Ludwig Holländer führte bei der Kundgebung aus: Gleichberechtigung und gleiche Achtung erstrebt der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens nicht nur für die jüdischen Deutschen in religiöser, politischer und gesellschattiicher, .sondern auch in wirtschaftlicher Beziehung. Und hier «ibt es einen Punkt zu betrachten, der von geradezu entscheidender Bedeutung für das deutsche Judentum ist, einen Pxozeß, der zu den schwersten Bedenken Anlaß gibt, den „trjöckenen Pogrom". Man macht die Beobachtung, daß namentlich in kleineren Städten systematisch von einem Teil der nichtjüdischen Bevölkerung jüdische Geschäfte gemieden, der jüdische Arzt und der jüdische Anwalt nicht aufgesucht werden. So ist festgestellt worden, daß vielfach in der völkischen Jugendbewegung junge Leute mit allen Mitteln ihre .Eltern veranlaßt haben, in altbekannten und bestronommierten Geschäften ihre Einkäufe nicht mehr zu besoEgen. weil sie zufällig jüdischen Inhabern gehören. Es ist ferner beobachtet worden, daß völkische Beeinflussung ^landwirtschaftlicher Kreisen dazu geführt hat, in jeder Beziehung Juden zu boykottieren und sie auszuhungern. Zum Glück .haben diese Kreise zu einem erheblichen Teil eingesehen, daß es in der Frage der wirtschaftlichen Bedarfsdeckung nur gut liefernde und ehrliche Geschäfte gibt und geben darf, bei denen man wirklich zweckmäßig kauft. Aber die eben gekennzeichneten Bestrebungen sind keineswegs erloschen. Sie werden vielfach auch politisch begründet, indem man in den Juden gewissermaßen Spione gegen rechtsradikale Bestrebungen erblickt. Es sind dem Centrai-Verein auch nach dieser Richtung hin eine große Reihe von Einzelfällen bekannt geworden. Man sieht in dem Vorhandensein von Juden in kleinen Städten ein politisch unerwünschtes Moment, weil man in ihnen die Anhänger des neuen Staates erblickt und sie infolgedessen als besonders schädliche Menschen bezeichnet. Schließlich wurde beobachtet, wie man sogar durch gesellschaftlichen Boykott die nichtjüdische Bevölkerung anhielt, jüdische Geschäfte zu meiden. Sind diese Tatsachen schon von außerordentlich schwerwiegender Bedeutung, so muß noch an eine Bewegung gedacht werden, die noch weit mehr die wirtschaftliche Zukunft der jüdischen Deutschen untergräbt. Das ist der zunehmende Boykott gegen die Anstellung der arbeitsuchenden jüdischen Bewerber und Bewerberinnen. Von den hierdurch hervorgerufenen Notlagen machen sich weite Schichten der Bevölkerung keinen Begriff. Wenn auch genaue zahlenmäßige Unterlagen fehlen, so ergibt doch die Beobachtung, hier wiederum in den größeren Städten und Großstädten, daß die Zahl der jüdischen Arbeitnehmer, die in kaufmännischen oder in industriellen Betrieben keine Anstellung finden, verhältnismäßig auffallend groß ist. Es gibt einen verschleierten und einen offenen Boykott gegen jüdische Angestellte. Die Praxis beweist auch, daß Inhaber der Betriebe selbst oft .genug verwundert waren, wenn man sie auf diesbezügliche Zustände aufmerksam machte, die sie gar nicht für möglich hielten. Es herrscht hier in der Tat vielfach eine geheime Feme, deren Wurzeln wir auch wieder in Agitation gewisser Jugendverbände und der uns allen bekannten politischen Organisationen zu suchen haben. Man muß bedenken, daß die heutige Umgestaltung des Wirtschaftsprozesses notwendigerweise die Möglichkeit einer wirtschaftlichen Selbständigkeit mehr und mehr ausschließe. Die Tatsache der Verdrängung der kleinen Betriebe und Mittelbetriebe durch die Großbetriebe wird mit Klagen nicht aus der Welt geschafft. Auch der jüdische Bevölkerangsteil in Deutschland muß sich mit der Tatsache abfinden, daß sein Nachwuchs und sogar noch die alten Generationen mehr und mehr auf die Arbeit in der Form der Betätigung als Privatbeamte oder Angestellte angewiesen sei. Einer -Pomantik nach dieser Richtung hin nachzugehen, ist eine Schwärmerei für Dämmerstunden. Sie entspricht aber nicht mehr den Tatsachen des Lebens. Infolgedessen wifd-'fiüt jedem Tage die Frage der Möglichkeit einer Anstellung Von jüdischen Elementen wesentlicher. Darum wird man in die Einzelheiten hineinleuchten Und in der Praxis der tätigen Arbeit, unbeirrt von aller Agitation der Gegner, irrimer mehr darauf hinwirken müssen, daß die geschilderten UebeiStände beseitigt werden. Der Sonntagnachmittag stand im Zeichen der Statutenänderung und der Vorstandswahl. Montag, der letzte Sitzüngstag, brachte Auseinandersetzungen über die StelLuragnahme des Centrai-Vereines zum National Judentum im Anschluß an Referate des Herrn Direktor Dr. Ludwig Holländer: „Abwehr- oder G e's'fnnungsverein", und des Herrn Dr. Eduard Str'au'ß, Frankfurt a. M.: „Der Zentral verein der Gegenwart und der Zentralverein der Zukunft." * Dr. H o 11 ä n d e r legte 9 Thesen vor, die später von der Hauptversammlung genehmigt wurden und deren wichtigste lauten: 1. § 1 unserer Satzung bleibt die unveränderte Gründlage unserer Arbeit. Er lautet: „Der Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens E. V. bezweckt, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens ohne Unterschied der religiösen ütid politischen Richtung zu sammeln, um sie in der-tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrbaren Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken." 2. Unser Arbeitsgebiet ist und bleibt vor allem die Vertretung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen der jüdischen Deutschen in der gesamten Öeffentlichkeit. 5. Wir lieben unser Deutschtum und unser Judentum. Unsere ganze staatsbürgerliche Arbeit, erfüllt von dieser Liebe, zielt darauf, eine harmonische Entwicklung von Deutschtum und Judentum und ihrer Beziehungen zueinander zu fördern. 6. Wir sind überzeugt, daß eine wahrhaft politische Arbeit von Männern und Frauen nur geleistet werden kann, wenn die entscheidende innerliche Betonung der Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum und zur jüdischen Gemeinschaft als eine sittliche Forderung sowie als politische Notwendigkeit angesehen wird. 7. Die sogenannte Abwehrtätigkeit ist nur ein Teil unserer Arbeit. Aber hierbei handelt es sich nicht bloß um eine Abwehr von Angriffen. Der Kampf gilt vor allem äüch dem Fehlurteil einer verhältnismäßig großen Zahl unserer christlichen Mitbürger, welche in dem jüdischen Deutschtum immer noch etwas ihnen Wesensfremdes oder etwas Minderwertiges sehen. Diesen Kampf kann nur der deutsche Jude führen, der sich auf Grund der Kenntnis unserer Lehre Und unserer Geschichte, insbesondere unserer Vergangenheit arif deutschem Boden, des Wertes unseres Deutschtums und unseres Judenrums und ihrer unlösbaren Verbundenheit verantwortungsvoll bewußt ist. Wir lehnen jede blutleere Assimilation ab. Wir erfüllen unsere schicksalsmäßige 'Aufgabe, indem wir das entwickeln, was wir als kostbares ..Erbe in uns tragen: unser deutsches Judentum. 9. Als unbedingte Voraussetzung der Arbeit, die -uns diesen Zielen näher bringen soll, erstreben wir und fordern wir von unseren Freunden: Vertiefung jüdischen Wissens ifnd Förderung aller derjenigen Bestrebungen, die — bei Ablehnung alles Phrasenhaften — unsere jüdischen Lebenswerte "zu "erhalten und zu heben vermögen. Ebenso auch Vertiefung und Förderung aller dem Interesse des deutschen Volkes Urfd Vaterlandes dienenden Bestrebungen. Der Vortrag von Dr. Holländer wird im Drück erscheinen. Der Landesverband Sachsen des C. V. brachte eine Resolution ein, die die Abwehr der iüdist'b> nä t i onalen P ro pa ga'nda m 'der deutschen 'Öeffentlidhkeit fordert und mit großer Mehrhit angenommen wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.