Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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OSE WAHRHEIT iinim»iiiuiiuinnnimntiinuiuiniHUuiiunuiiiitniumiiiiiiiHtf«HnHiHi»TiuuiniiiiiiutiuiitiDii IUUIlUimUBIHU!IIIUllll!lllllllll!ll!l!IIKI!ll> Seite $ die Regierung aus ihrer Passivität heraus. Die Repräsentanten Ungarns in Genf wanden sich nach allen Richtungen und suchten krampfhaft nach einem Ausweg. Wir Juden frohlockten. Ungarn ist nicht nur ein besiegter Staat, dem an dem Wohlwollen des Völkerbundes sehr viel gelegen ist. Es ist auch ein Staat, der wirtschaftlich sehr tief darniederlag. Eine Völkerbundanleihe war dazumal das heißersehnte Ziel der ungarischen Staatsmänner, und schwerlich konnte ein günstigerer Moment gewählt sein, um Ungarn vom „Numerus clausus" abzubringen. Aber der Völkerbund, diese „Säule des Friedens unter den Nationen", der dazu berufen ist, Völkerinordende Kriege aus der Welt zu schaffen, er erwies sich als unfähig gegenüber den ungarischen Repräsentanten, die damals sich durch gewundene Erklärungen aus der Affäre zu ziehen wußten. Der „Numerus clausus", meinten sie, sei ein Produkt der Zeit, und sie würden nach Ablauf eines bestimmten Zeitraumes mit diesem Institut aufräumen. Es verging seither ein Jahr, es vergingen zwei Jahre, und es wurde hoch an der Zeit, das dem Völkerbund gegebene Versprechen einzulösen. Ungarn vergaß daran nicht. Beweis: die vielen Exzesse, die an ungarischen Hochschulen vor einiger Zeit einsetzten. Seht, wollten die Regierenden sagen, seht, auf welche Schwierigkeiten wir stoßen, wenn wir die Frage des „Numerus clausus" berühren! Können wir in unserem Lande es zu Unruhen kommen lassen? Und das Experiment scheint geglückt zu sein. Sonst hätte der Unterrichtsminister schwerlich den Mut aufgebracht, in die Welt hinauszuposaunen, eine Besserung der Lage der jüdischen Studenten sei nicht zu gewärtigen. Ausbreitung der „ Weisen von Zion". Im Verlag „Der Refchswart", Berlin; erschien soeben eine Broschüre „Die Entlarvung der Weisen von Zion". Der Verfasser, der seinen Namen durch ein Fragezeichen ersetzt, will wieder einmal die Echtheit der „Protokolle" beweisen. — Wer die zwingenden Argumente kennt, die einwandfrei die Fälschung der berüchtigten Dokumente belegen, wird gespannt seih, Wiehes der Broschürenschreiber anpackt, um dieses ganze Material zu entkräften. — Aber der Herr mit dem Fragezeichen hat es sich höchst einfach gemacht: er erwähnt die Gegeninstanzen mit keiner Silbe, — er setzt einfach gleich auf der ersten Seite die Echtheit als bewiesen voraus. Daneben beruft er sich (S. 4) auf Henry Ford, — allerdings ist dieser Kronzeuge „inzwischen von den .Weisen von Zion' auf die Knie gezwungen worden" (!), aber der'Widerruf stört ja weiter nicht. — Daß wieder mit den berühmten „300 Männern" Rathenaus (S. 44) operiert wird, versteht sich von selbst. — Das Prunkstück der Broschüre ist , ein „Indizienbeweis". Hier soll nichts Geringeres bewiesen werden, als daß seit Jahrtausenden buchstäblich alle geschichtlichen Bewegungen, alle politischen und sozialen Revolutionen, alle Religionssysteme und Reformationen, von den abscheulichen Juden veranstaltet wurden, um ihre geheime .Weltherrschaft aufzurichten; kurz gesagt: die ganze Weltgeschichte ist eine infame jüdische Mache. - Daß man den Sozialismus, den Kommunismus und die Freimaurerei zu jüdischen Erfindungen stempeln will, ist nicht neu. Aber hier liest man zu seinem größten Ergötzen, daß auch die christlichen Sekten, Mönchsorden uii 4 Reformationen rein jüdische Mache seien. „Wer säte seit Anbeginn der Kirche das Unkraut der Abtrünnigkeit in ihr? Der Jude!" (S. 19). Nachdem der famose Verfasser die Gnosis und den Manichäismus als jüdisch „erwiesen" hat, deckt er die Entstehungsursache des Islam auf. Um die Ausbreitung des Christentums zu hindern, haben die bösen Juden eigens. den Islam erfunden (S. 22). Aber diese komischen Menschen unterhöhlen ihr eigenes Werk, indem sie durch Sekten die Kraft des Mohammedismus schwächen. — Diese Fastnachtschronik setzt sich durch das ganze Buch fort: nur einige Pröbchen: Der Humanismus ist eine Inszenierung der „jüdischen Welt zentrale" (S. 34). Die Albigenser, die Tempelritter sind Juden. Die jüdische Geheimorganisation ist der „eigentliche Anstifter der Reformation, die im 16. Jahrhundert das. Christentum spaltete" (S. 35>. Armer Luther! Auch die Jesuiten fällen uns zur Last. Es hieße die Schrift ernst nehmen, wenn man beleuchten wollte, wie sie „beweist", daß alle diese Bewegungen jüdisch sind. * Man spricht in geistig eingestellten Kreisen häufig von dem übermächtigen Vordringen östlichen Geistes, östlicher Weltanschauung. Zahlreich sind die Anhänger Buddhas und Brahmas, die Verehrer der Lehre K o nfutses und Laotses in allen europäischen Ländern. Mit gewisser Beschämung mag . mancher empfunden haben, daß Europa, diesen Völkern von hoher, alter Kultur anscheinend keine geistige Leistung von überragender Bedeutung als Gegengabe darbieten kann. Diese Kreise können jetzt beruhigt sein: In Schanghai ist eine chinesische Ausgabe der „W eisen von Zion" erschienen, dieser reinsten Inkarnation europäischen Geistes. Ein beamteter Verkünder christlicher Nächstenliebe, ein Missionär namens Edgar E. Strothers, hat die chinesische Ausgabe veranlaßt und sie mit einer bemerkenswerten Einleitung versehen. Er siebt in den Protokollen „die einzige Erklärung für den wirklichen Ursprung des Bolschewismus" und dessen Programm für eine weltumfassende Revolution. Der Herausgeber des Schanghaier „Israel Messeng e r" setzte sich mit Strothers in Verbindung, um von ihm Aufklärung zu erhalten. Er erhielt folgende Antwort: „Ich bestätige meine telephonisch gemachten Angaben und stelle ganz entschieden fest, daß ich kein Judenfeind bin. Ich habe die größte Achtung vor dem jüdischen Volke als Rasse und eine tiefe Liebe für viele persönliche jüdische Freunde. Ich trenne auch die Masse des jüdischen Volkes von der bolschewistischen Politik und den bolschewistischen Verbrechen. Es scheint mir jedoch ein schlagender Beweis zu sein, daß atheistische Juden eine führende Rolle in der bolschewistischen Erhebung gespielt haben. Ich bin mir auch weiterhin bewußt, daß diese bolschewistischen Führer nur eine ganz kleine Minderheit der Juden darstellen." Charakteristisch an dieser Erklärung ist lediglich, daß selbst im fernen Schanghai der Judenfeind auskneift, wenn man ihn persönlich stellt. Aber eine andere, viel wichtigere Erwägung legt das Zusammentreffen des Erscheinens der chinesischen Ausgabe der Protokolle mit dem Zusammenbruch der bolschewistischen Bewegung in China nahe, nämlich, hierin den stärksten Beweis nicht einer jüdischen, sondern einer „weiße n", also antisemitischen Internationale zu sehen. Man erinnere sich an den Vormarsch der weißen Denikin-Armee, die den zeitweisen. Zusammenbruch einzelner Sowjets verursachte und entsetzliche Judenpogrome im Gefolge hatte. Damals waren sozusagen die Feldbibel der weißen Offiziere, deren Lehre sie auch den Bewohnernder von ihnen eroberten Gebiete zu verkünden versuchten, gleichfalls die „Weisen von Zion". Nach Waggonladungen zählen die Exemplare, die zu dieser Zeit nach dem Südosten von Europa versandt wurden. Die Nachforschungen, wer diese Zehntausende von Exemplaren bezahlte, dürften zu Spuren führen, die auch auf die Herausgeber der chinesischen Ausgabe hinweisen. UebeTall also, wo man dem tatsächlichen Zusammenbruch des kommunistischen Systems auch noch den moralischen Todesstoß versetzen will, verbreitet man die „Weisen von Zion". Die psychologische Beurteilung der chinesischen Intellektuellen durch die Förderer der „Weisen von Zion" scheint uns in ihrer Grundlage fehlzugehen. Wir haben von der tiefen Kultur der Chinesen eine viel zu hohe Meinung, als daß wir die Wirkung der „Weisen von Zion" auf China allzu hoch einzuschätzen vermöchten.