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Die Wahrheit · 1928-03-02 · Heft 9 (2.3.1928) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6eite 6 iiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiuuiuiiiiuuiiiuiiM^ yjj^ WA HR HEU großen Seelen geeignet, wirklich edle Triebe und Empfindungen hervorzurufen .... Weniger -edle Geister fühlen in dem Bestehen eines Wohltäters :einen stillen, unbequemen Mahner wd die Erscheinung ist wohlbekannt, daß Dankbarkeit für unerwartete und in ihrer Größe hervorragende Wohltaten nur 2U oft in Haß umschlägt. Was beim Individuum häufig vorkommt, wird bei der zusammengefaßten Menge die selbstverständliche Regel. Die Psyche der großen Masse entbehrt jeder Vornehmheit. Sie läßt sich nicht gern daran erinnern, ^aß sie .anderen Wohltaten verdankt Sie rechnet es dem Wohltäter schon als eine gewisse Ueberhebung an, wenn er es wagt, aus der Fülle seiner Gaben anderen mitzuteilen . . .". Darum hat das Bewußtsein, dem Judentume die bedeutendsten Ideen zu verdanken, keineswegs zu einer ehrfurchtsvollfji Haltung geführt; man hat nie das Einigende zwischen Judentum und Christentum betont und über seinen Umfang das Trennende vergessen . . . „meist deswegen, weil eine Hervorhebung des Gemeinsamen zugleich eine Betonung des jüdischen Ursprunges bedeutet hätte." Zu allen diesen Quellen des Fremdenhasses gegen die Juden kamen noch hinzu Mißtrauen und Unwissenheit. „Durch die Massen geht ein gleichmacherischer Zug.\ Sie lieben nicht die Abweichung von der Regel, das Anderssein erscheint unwillkürlich als Streben nach Bessersein, und das Bessersein wollen ist Ueberhebung." Eine weitere Folge der Stellung als Minderheit ist, daß dem Einzelnen eine eigenartige Rolle im Verhältnis zu der von ihm repräsentierten Gemeinschaft zugedacht wird. „Das Glied einer Minderheit wird eben, sobald es äußerlich erkannt wird, nur in dieser Eigenschaft empfunden, selbst wenn es sich um Dinge handelt, die mit dem Wesen der Minorität in gar keinem Zusammenhang stehen. Mag es sich um den Aufsichtsrat einer Eiseribahngesellschaft oder um den Vergnügungsausschuß eines Kegelklubs handeln, stets wird der Jude, der sich dort befindet, nicht allein als Kaufmann oder Techniker oder Kegler .bewertet, sondern als Jude." Jedes Minderheitsmitglied gilt als Repräsentant seiner Gemeinschaft und vermag nach den Anschauungen der Welt nur typisch zu handeln, ein individuelles Betätigungsvermögen wird ihm nicht zugebilligt. (Schluß folgt.) Im ungarischen Parlament sitzen viele Geistliche, niner von ihnen hat, trotzdem sein Antlitz unverwüstliche semitische Züge verrät, sich fanatisch für die Kassenschutzler eingesetzt. Die anderen haben nur durch ihr Votum sich für die Aufrechterhaltung des Numerus clausus ausgesprochen, das in gleichem Maße die göttlichen Lehren der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit ins Antlitz schlägt Als ein jüdischer Abgeordneter an diese hochwürdigen Herren die Frage richtete, ob sie bei der Erinnerung an die Apostel auch nur an krumme Nasen und Beine denken, antwortete ihm nur ein beredtes — Schweigen. Diese Apostel waren aus dem Volksstamme hervorgegangen, der zuerst der Welt das Prinzip des gleichen Rechtes für alle verkündigt hatte. % % * Peinlich waren zahlreiche Mitglieder der Regierungspartei durch den nicht abweisbaren Antrag der namentlichen Abstimmung getroffen. Das waren jene „liberalen" Herren, die seinerzeit, um sich die Stimmen der jüdischen Wähler zu sichern, aus zweifachen Gründen die Zusicherung gegeben hatten, gegen den Numerus clausus zu stimmen. Die namenlose Gemeinheit, als Liberaler für die schändlichste reaktionäre Maßnahme einzutreten, erscheint durch den persönlichen Wortbruch noch verdoppelt. Die Wähler müßten ein elendes Gedächtnis haben, wenn sie nach dieser namentlichen Abstimmung jemals die Namen dieser Herren vergessen könnten. * * * Graf Klebelsberg hatte wirklich viel Glück. Nehmen wir einen Augenblick an, der Völkerbundrat würde in einer Aufwallung idealer, durch keine Machtverhältnisse bedingter Rechtsliebe -auf die Idee gekommen sein, dem Numerus clausus, der nur die Rechte der Juden verletzt, eine solche Bedeutung beizumessen wie dem Verkauf zerstörter Maschinengewehre in St. Gotthard. Was hätte Graf Bethlen geantwortet, wenn der Ratspräsiident, Bot-, schafter «Tscheng-Lo, folgendes Telegramm an ihn gerichtet hätte: „Ich erfahre, daß Ihr Unterrichtsminister seine Rede für den Numerus clausus mit den Worten geschlossen: „Die Juden in Ungarn werden in Zukunft nicht darum leiden, weil sie Juden sind, sondern weil sie Kinder des Trianon- Ungarn sind." Ihr Unterrichtsminister hat uns in Genf immer versichert, der Numerus clausus richte sich überhaupt nicht gegen die Juden, sondern sei eine alle treffende Maßnahme; Warum sollen jetzt plötzlich nur die Juden als „Kinder des Trianon-Ungarns" leiden? Der Chinese ist zu höflich um genau zu sagen, was ein Mann ist, der in Genf leugnet, was er in Budapest zugeben muß." * Tscheng-Lo hätte durch ein solches Telegramm, den Grafen Klebeisberg in eine peinliche Situation Kleideru. Guntmimäiilel-Fiabrik Export nach allen Ländern eBe MlaOabiellullt» Zentrale: Wien II., GlOCkeitgaSSe 24 Tel. 48-4-79 Für KuMusbaamte -und V«reinsfur.ktionäre gegen Legitimation 10«/. Nachlaß 1 Qierren,. Ein gründlicher Kenner des Alten wie des Neuen Testaments hat neulich im engeren Freundeskreise nicht geringe Verblüffung durch eine seltsame Frage hervorgerufen. „Was", fragte er, „widerspricht wohl mehr den Lehren des Evangeliums: die modene 'Frauentracht, die kurze Röcke und kurze Haare vorschreibt, oder die Hetze gegen Menschen?" Als er statt einer ernsten Antwort nur die Gegenfrage zu hören bekam, wieso er den innersten Kern einer Lehre, die — gleichwie das Alte Testament — die Nächstenliebe als das höchste Gebot JiinsteÜt, auch nur in einem Atem mit einer vergänglichen Mode nennen könnms, meinte er: „Ich muß zugeben, .meine Frage klingt-absurd, aber sie hört vielleicht auf es zu sein, wenn man folgende Wahrnehmung machen muß: So viele katholische Priester erachten es für eine heilige Pflicht, immer wieder in der schärfsten Weise auf das Sündhafte der herrschenden Frauenmode hinzuweisen. Aber wie selten hört man, daß die Gläubigen von so berufener Seite daran gemahnt werden, daß der Antisemitismus die blutigste Verhöhnung des Evangeliums bedeutet?"

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