Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT i s.t jüdische Minderheit. Wenn hier in Oesterreich der Kampf um das politische Recht, um Sprache und Schule aufgerollt wird, wenn es sich klar zeigen wird, daß alle Parteien in diesem Staate vom Grund aus gegen uns eingestellt sind, in welche Lage werden die zionistischen Mitglieder des Komitees kommen, wenn sie ihren Ausschußkollegen die untrennbare Einheit aller jüdischen Forderungen verständlich machen sollen? Es ist unmöglich für einen Zionisten, eine Grenzlinie zwischen Palästina und Galuth zu ziehen oder sie gar stillschweigend als gegebene Tatsache einer gottgewollten Fügung hinzunehmen." Hier finden wir den blau-weißen Pferdefuß: „Zionismus ist jüdische Minderheit!" Es erübrigt sich, Herrn Julius Löwy ein Privatissimum über diese absurde Behauptung zu lesen. Der Herr verantwortliche Redakteur sollte sich einmal ein Lehrbuch des modernen Völkerrechts zur Hand nehmen. Er würde dann feststellen, daß einer der obersten Grundsätze dieses Minoritätenrechtes lautet: „Fremde Minderheiten innerhalb einer Nation haben Anspruch auf den Schutz als nationale' Minorität, diese Sonderstellung muß aber von ihnen begehrt werden."**) Es bedarf in diesen Blättern keines besonderen Hinweises, daß die Mehrheit der österreichischen Juden gelegentliche Versuche nationaljüdischer Phantasten, für uns die Sonderstellung einer nationalen Minderheit in Anspruch zu nehmen, stets energisch zurückgewiesen hat, somit auch für die Forderungen der „Neuen Welt" wohl nur ein mitleidvolles Lächeln übrig haben wird. Immerhin, diese hat offen und ehrlich das, was sie sich vom österreichischen „Pro-Palästina-Komitee" politisch erwartet, aufgezeigt, an den verantwortlichen Faktoren dieses Komitees liegt es, ob sie sich wirklich sicher nur zum Schaden ihres Werkes auf diese abschüssige Bahn begeben wollen. Sie sind gewarnt! O. H. „Das Wesen des Antisemitismus". Von B. Segel. „Das Wesen des Antisemitismus" von Dr. Felix Goldmann (Philo-Verlag, Berlin, zweite Auflage), steht außerhalb der eigentlichen apologetischen oder Abwehrliteratur, denn es erwidert nicht auf Vorwürfe, widerlegt nicht Anklagen gegen die Juden, sondern bildet eine tiefbohrende sozialpsychologische Untersuchung des Antisemitismus des Völkerlebens. Es sei gleich bemerkt, daß selten das Problem so tief, so allseitig, von einem so hohen und umfassenden Standpunkt erfaßt worden ist. Durchaus objektiv, lediglich nach streng wissenschaftlich-soziologischer Methode, sucht der Verfasser ,die treibenden Kräfte des Antisemitismus zu verstehen und auf ihre Stärke und Haltbarkeit zu prüfen. Ausgehend von der Annahme, daß der Antisemitismus überall, wo er in die Erscheinung trat oder tritt, latenten Dispositionen entspringt, die als abstrakte Beweggründe in der Seele schlummern und durch historische Vorgänge und reale Zustande geweckt werden und konkrete, greifbare Gestalt annehmen, teilt der Verfasser die Ursachen des Antisemitismus in psychologische und historische. Unter den psychologischen steht in erster Reihe die Grundtatsache, daß die Juden eine Minderheit bilden, so- - wohl als Gesamtheit wie auch innerhalb der einzelnen Gruppierungen auf großen und kleineren Territorien. Wo der Jude eine Majorität bildet, geschieht das nur vorübergehend und hat bloß lokale Bedeutung. Es gibt eine eigene Psychologie der Minderheiten, die deren Verhalten und das Verhältnis der Majorität zu ihnen bestimmt. Die Mehrheit ist im Bewußtsein ihrer größeren Kraft und Straflosigkeit geneigt, von ihrer Stärke zum Nachteil der Minderheit Gebrauch zu machen, um **) Die moderne Völkerrechtslehre, insbesondere die meisten Autoren, die sich mit dem Minderheitenrecht befassen, lassen für die Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer nationalen Minderheit und damit auch zu einer Nation keine objektiven Merkmale wie Abstammung, Rasse, Muttersprache, sondern lediglich sein subjektives Bekenntnis, seine Ueberzeugung e n t s ch e i d e n d sein. Dies, hat besonders klar eine der führenden Persönlichkeiten des Deutschtums in den Nordmarken Generalstaatsanwalt Dr. Hansen (Kiel) vor einiger Zeit in einem Vortrag ausgeführt: „Entscheidend für das Zugehörigkeitsverhältnis zu einer nationalen Minderheit ist die Ueberzeugung, dieser Minderheit anzugehören, das nationale Bekenntnis, und als Folge daraus der Wunsch-; aus diesem Bekenntnis Rechte herzuleiten." iiiiiiwiitiiiiiiiiiiuiiiiiiiÄ Stixe 5 sie zu verfolgen und zu unterdrücken; um jedoch dieses Verhalten zu rechtfertigen, suggeriert sich die Mehrheit herabwürdigende und nachteilige Meinungen über den sittlichen Wert der Minderheit. Hier muß bemerkt werden, daß man den Begriff Minderheit ausdehnen darf. Als Minderheit wirkt nicht nur eine numerisch schwächere Gruppe, sondern auch eine solche, die, obwohl ziffernmäßig stärker, so gestellt ist, daß sie der Herrschaft einer Minderheit unterworfen ist Wer die militärische und administrative Gewalt in Händen hat, fühlt sich als „Majorität". Die Lage der Minderheit wird noch prekärer, wenn sie „fremden" Ursprungs ist, d. h. wenn sie in historischer Zeit eingewandert ist, auch wenn diese Zeit noch so weit zurückliegt, und wenn sie ihre Hauptmerkmale aus der Vergangenheit beibehält. Auch in diesem Falle ist Macht gleich Majorität. Der fremde Eroberer hält sich für den Erbgesessenen und die unterjochte Majorität für den fremden Geduldeten. In der offiziellen Sprache der zaristischen Regierung hießen die unterjochten Ukrainer. Polen, Weißrussen, Litauer, Letten, Esthen, Deutschen und natürlich erst recht die Juden „Fremdstämmige"; für die Angelegenheiten der nicht griechisch-orthodoxen Bekenntnisse existierte ein Departement der „fremden Religionen". Preußen behandelte die Polen in deren ureigenster Heimat Posen als Fremdlinge. Dafür werden sie jetzt, auch wo sie seit Jahrhunderten im Lande siedeln, von den Polen als fremde Eindringlinge behandelt. Dasselbe gilt von Tschechen und Deutschen in Böhmen. „Ein indifferentes Gefühl wird der Minderheit gegenüber empfunden, wenn diese die Vertreterin einer anderswo lokalisierten Mehrheit ist." Da dies bei den Juden, die überall nur Minderheiten bilden, nicht der Fall ist, wird ihnen gegenüber das Majoritätsgefühl nirgends gemildert. Das Herrschervolk ist besonders empfindlich, wenn Minoritäten auf dem Wege stiller Kulturarbeit mit ihm in Konkurrenz zu treten versuchen, das drückt sich dann aus als „Furcht vor dem Beherrschtwerden durch die Minderheit", und die Mehrheit gebärdet sich immer wilder, je mehr die Minorität sich im Besitze großer geistiger Kräfte und Werte weiß, die es zu verteidigen gilt. In diesem Falle tritt auch der Neid ins Spiel. Es gibt nicht nur einen Neid der Besitzlosen auf die Besitzenden, sondern auch einen Neid der Besitzenden gegen die Besitzlosen, die sich anschicken, sich aus der Erniedrigung zu erheben. Das liebe Gleichgewicht wird gestört und der Besitzende meint, der Besitzlose, der etwas erwirbt, nehme ihm etwas von seinem Besitze weg und maße sich widerrechtlich eine Stellung an. die ihm nicht gebühre. Das war die Triebfeder des Neides der alten Industrie- und Handelsstaaten gegen Deutschland, und es ist das Wesen der Empfindungen, welche die große Masse der Gebildeten und Halbgebildeten der „besseren Stände" den Juden gegenüber erfüllen, seit es eine Gleichberechtigung gibt. Der Jude lebt in der Erinnerung, in der Sage, im Sprichwort und im Volksliede, auch in tausend Erzeugnissen der Kunstdichtung als erniedrigtes, gedemütigtes Wesen fort, das man ungestraft treten und zerren durfte, und nun erhob sich allmählich die Gestalt des Juden, reckte sich gerade und forderte, durfte fordern gleiche Behandlung mit den Nichtjuden; das war unverzeihlich. Man kann das am besten in Ländern beobachten, wo die feudale Struktur der Bevölkerung noch nicht lange zerfallen ist und die ihr entsprechenden Gefühlsdispositionen noch sehr lebendig sind. Da sind nun die Juden alle „Roture". „canaille". und wenn einer von ihnen sich durch soziale, intellektuelle, sogar wenn er sich durch ethische Verdienste hervortut, wird das als Anmaßlichkeit und Vordringlichkeit empfunden, auch wenn man daraus den größten Nutzen zieht und es darum verzeiht; der gefühlsmäßige Unterton des Neides und der Mißgunst bleibt bestehen. Dazu kam noch folgendes. Obwohl „das Judentum als Ganzes in seiner Geschichte niemals eine Stellung unter den Völkern oder eine Macht erreicht hat, die andere mit Begierde und Neid erfüllt hätte", so gibt es doch, wie der Verfasser sich geistvoll ausdrückt, „einen viel tieferen Neid als auf das Erreichte, nämlich auf das Erreichbare. Die Welt verzeiht die errungenen Erfolge viel leichter, als die noch zu erwartenden. Die großen Kräfte des Judentums, sowohl seine objektiv religiösen wie die praktischen der Judenheit, treten nur zu deutlich hervor.....Was dem Priester das Studium der Religionsschriften sagt, erkannte das Volk aus den Beispielen des Alltagslebens; daß dem Juden eine Kraft innewohne, die aller Verfolgungen spottete, weil ein unerschütterlicher Glaube an die Zukunft ihn trug. Der Glaube an die Zukunft war ihr bester Teil, den verzieh man nicht!" Nun ist dem Volke so wie den Priestern zwar stets klar gewesen, daß sie der Vergangenheit der Juden unendlich viel zu verdanken haben. Allein „aus diesen Vergangenheitserwägungen entspringt ein Ouell des Fremdenhasses. Denn das Gefühl, anderen viel zu schulden .... ist nur in ganz