Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1928
- Issue
- Heft 9 (2.3.1928)
- Date
- 1928-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 fflü»WMW^^ DIE WAHRHEIT des Lebens an das heilige Religionsgesetz hatten sie für die fröhliche Seite der Volksseele, für die das Gemüt erwärmenden und erhebenden Volksfeste (z. B. Simchas bes haschoeva, Fest des Wasserschöpfens am Sukkoth odler das Holzfest im Ab) nicht nur hohen Sinn, sondern sie pflegten sie geradezu mit liebevollem Verständnisse, und die Folge war, daß der ganze reiche Pharisäismus, der Invoivent des Thorajudentums, Gemeingut der Majorität des Volkes wurde, während das steife, gemütlose Saduzäertum der Volksseele stets fremd Wieb und zum Segen des Judentums nie so recht in das allgemeine Bewußtsein drang. Darum zurück zum Oemüte, und wie es aus jener großen Zeit des Purim heißt: „den Jehudim ward Licht, Freude, Jubel und Würde", so wird all dies auch uns werden. Denn bei wem „Licht im Haupte Sich mit Wärme paart im Herzen", in dem wohnt und wirkt die Freude und das Glück. „Zionismus ist jüdische Minderheit". Unsere Stellungnahme zum eben gegründeten österreichischen „Pro-Palästina-Komitee" hat in weitesten Kreisen Aufsehen erregt und, wir können es ruhig sagen, auch Anklang gefunden. In breiten Schichten hat unsere bei dieser Gelegenheit neuerlich betonte Ablehnung des politischen Zionismus Gefallen ausgelöst und in großer Zahl kamen uns Anerkennungen wegen dieser unserer Haltung zu. Wir freuen uns dieser Zustimmungserklärungen, denn es schien uns im ersten Momente, als ob die Beteiligung immerhin prominenter Nichtjuden irgendwie beeinflussend auf das Urteil der Masse wirken würde. Nun scheint dies entgegen den Hoffnungen unserer Zionisten nicht der Fall gewesen zu sein, die österreichischen Juden haben sich in ihrem längst gesprochenen klaren Urteil über die große Gefährlichkeit des jüdischen Nationalismus auch durch äußere Einflüsse nicht beirren lassen, sie lehnen ihn auch weiterhin ab — trotz des „Pro-Palästina- Komitees". Wir haben über die merkwürdige Zusammensetzung dieses Komitees einige unseren offiziellen Zionisten vielleicht unangenehme Wahrheiten gesagt, deren Stichhaltigkeit in den oben erwähnten Zustimmungserklärungen besonders betont wird. Wie sonderbar muß es uns aber erst berühren, wenn auch — die Gegenseite unsere Auffassung teilt. In der letzten „Neuen Welt" finden wir aus der Feder, des verantwortlichen Redakteurs Julius Löwy einen Artikel „Pro Palästina", der, wir müssen es wehmutsvoll bekennen, unseren Leitartikel der vorwöcbigen Nummer an Schärfe der. Kritik bei weitem übertrifft. Einige Kostproben mögen dies illustrieren und zugleich beweisen, wie wert sich gegnerische Anschauungen manchmal decken können. Wir haben zum Beweis für die Unmöglichkeit der Behauptung Sökolows. daß „überall die Anregung zur Gründung von Pro-Palästina-Komitees nicht von zionistischen Kreisen ausgegangen ist", auf „die seit dem' zionistischen Parteitag im Gange gewesenen unermüdlichen Bemühungen unserer Zionisten um Gewinnung von prominenten Nichtjuden für ihre Zwecke und nicht zuletzt auf die große Anzahl führender Jüdischnationaler in diesem Komitee" hingewiesen- und wörtlich geschrieben: „Es sind, ihrer nicht weniger als mindestens zehn, während der nichtnationalen Richtung bestenfalls drei Herren angehören." Julius Löwy aber schreibt: „Es versteht sich von selbst, daß die Pro-Palästina-Komitees, die das nichtjüdische Publikum zu informieren haben, von zionistischer Seite jedwede technische Mithilfe erhalten. Ebenso aber versteht es sich von selbst, daß diese Komitees keinen zionistischen Einschlag haben dürfen. Ein Zionist . . . kann und darf niemals „pro Palästina" sein, und durch öffentlichen Eintritt in ein Pro¬ Palästina-Komitee entwertet er den organisatorischen Grundgedanken des politischen Zionismus. Es mag strittig sein, ob wir als Zionisten eine von jüdischen Nichtzionisten beschickte Körperschaft anerkennen sollen. Daß ihr Zionisten nicht anzugehören haben, das kann und darf nicht strittig sein. Dieser grundlegende Fehler aber ist in Wien gemacht worden. Hier ist ein Komitee gebildet worden, das nach dem bei uns so beliebten Fifthy-Fifthy-Prinzip aus gleichviel Nichtjuden wie Juden besteht. Unter den Juden ist ein starker Teil zionistisch. Welchen Wert hat nun die Tätigkeit dieses Komitees? Wenn es in irgend einer politischen Streitfrage palästinensisch-zionistischen Wesens einen Beschluß faßt, wird er von der nichtzionistischen Welt als objektive Meinung anerkannt und respektiert werden? Und wenn es ein Beschluß sein wird, der den Zionisten aus dem oder jenem Grunde nicht genehm ist, so wird die Zugehörigkeit von Zionisten zu dem Komitee sehr peinliche Situationen herbeiführen..." " Wir haben gesagt: „Aus der mit großem Applomb in der »Stimme' angekündigten Gewinnung .führender Persönlichkeiten aus allen Gebieten des politischen Lebens* scheint auch nichts geworden zu sein." Julius Löwy aber sagt: „Zweck der Pro-Palästina- Komitees muß es sein, die öffentliche Meinung und die politische Willensbildung nachhaltig zu beeinflussen. Ist bei dem in Wien gebildeten Komitee auch nur die Möglichkeit hierzu gegeben? Man muß nach dieser Richtung hin skeptisch sein. Während zum Beispiel in Deutschland der Präsident des Reichstages, der Reichsminister für Unterricht und die hervorragenden Parteiführer im Komitee sind, vermißt man in Oesterreich die tatsächlich führenden Persönlichkeiten der politischen Parteien, die nun einmal, man mag dies bedauern oder nicht, für die Entwicklung der Verhältnisse maßgebend sind. Und weil dem so ist, weil dieses Komitee von vornherein der politischen Aktivität entbehrt, war es erst recht ein Fehler der Zionisten, erstens die Assimilation als gleichwertig zu ehren und zweitens offiziell in das Komitee einzutreten..." Wir haben uns auch nicht gescheut, das Schreiben des Bundeskanzlers Dr. S e i p e 1 an Sokolow in seinem wesentlichsten Teile, nämlich dort, wo es davon spricht, daß „die zionistische Bewegung für eines der schwierigsten politischsozialen Probleme der Gegenwart eine vernünftige, aussichtsreiche Lösung vorbereitet", von unserem Standpunkt aus für „bedenklich" zu finden. Julius Löwy geht bedeutend weiter. Er schreibt im Anschluß an seine zuletzt zitierte Kritik der Zusammensetzung des Komitees: „Weil dem so ist, ist auch die angekündigte Deklaration der Regierung ausgeblieben und es kam ein höfliches Schreiben des Bundeskanzlers Seipel an Herrn Sokolow*). Es ist gewiß aus verschiedenen Gründen von Wert, wenn Herr Seipel den Zionismus als eine vernünftige Lösung ansieht, aber das ist keine Erklärung der Regierung. Es mag sein, daß sie als überflüssig angesehen wurde, da ja Herr Ramek im August 1925 gelegentlich des Wiener Zionistenkongresses eine vornehme und politisch bedeutsame Regierungserklärung abgegeben hat. War es aber diesmal überflüssig, dann durfte es nicht so feierlich angesagt werden. Es sind Fehler geschehen, die sich bei einiger Vorsicht hätten vermeiden lassen..." „Es sind Fehler geschehen." Nichts anderes haben auch wir behauptet, wenn wir uns auch, schon um nicht als „Zerstörer" des neuen Werkes betrachtet zu werden, einige Reserve auferlegt haben. „Die Neue Welt" aber läßtdiese Reserve völlig vermissen, sie zeigt vielmehr rückhaltlos das Fehlerhafte der Gründung auf, wobei sie auch besonders gut informiert zu sein scheint, denn sie ist ja ein — jüdischnationales Blatt. Diese merkwürdige Uebereinstimmung der Ansichten mag bei manchem Leser Bedenken auslösen, aber in der Kardinalfrage sind schließlich die Anschauungen ja doch divergierend. Denn warum paßt Herrn Julius Löwy die starke Beteiligung unserer Zionisten am Komitee nicht: „Zionismus ist nicht nur Palästina, Zionismus ist auch G a 1 u t h, ist das ganze Leben des jüdischen Volkes, Z i o n i smus ist auch politische und kulturelle Arbeit außerhalb Palästinas, ist jüdisches Einheitsbewußtsein. *) Es ist in diesem Zusammenhange lustig zu vermerken, wie die nationalsozialistische „Deutsche Arbeiter- Presse" über dieses „höfliche Schreiben" denkt. Sie sagt hr ihrer „Folge" vom 25. v. M.: „Eine Huldigung vor den Zionisten; hat Bundeskanzler Dr. Seipel in einem Schreiben an den Führer der zionistischen Weltorganisation Nachum Sokolow ausgesprochen. Wenn Seipel damit nur sagen wollte, daß er froh wäre, wenn alle Juden so bald als möglich nach Palästina auswandern würden, dann wäre dagegen wohl nichts einzuwenden. Seipel ist aber bekanntlich Freimaurer (!) und Vorsitzender der freimaurerischen Paneuropäischen Union für Oesterreich. Deshalb haben seine Kotaus vor den Juden leider ein ganz besonderes Gesicht."