Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1928-03-02 · Heft 9 (2.3.1928) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1928
Issue
Heft 9 (2.3.1928)
Date
1928-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064248-3064257--16092-3088823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dlt WAHRHEIT ji:'!!!ll!llll!mi!IIIi:illimiIlUIIIIillim seiU 3 frieden seines Daseinwillens im Vertrauen auf eine höhere Macht sich froh bewußt ist. Der unreligiöse Verstandes- oder Sinnesmensch kann sich niemals wirklich freuen. Daher das leichte Ueberschlagen des genusseströhnenden, materialistischen oder rationalistischen Optimismus in Pessimismus. Ein Bild, das uns schon in unserer heiligen Thora mit den Worten Esaus entrollt wird: „Siene", spricht der eben, aoch lebensübersprudelnde Esau, „ich gehe ohnehin dem Tode entgegen", alle Lebensfreude ist mir vergällt, ich bin des Lebens übersatt, ich bin noch so jung und schon blasiert, „wqzu mir die Erstgeburt",, woizu höhere Güter, an die ich nicht glaube und die ich nicht werte? Doch warum klagen wir da unsere Juden an, daß sie. das Sichfreuen verlernt haben? Sieht man sie denn nicht überall gut vertreten, wo es nur irgend eine Gelegenheit gibt für Vergnügen und Belustigung? Und was die Purim-Lust betrifft, wann wurden denn mehr Purim-Kränzchen und Bälle veranstaltet als gerade in unserer Zeit? Wer wird die flotte jüdische Beweglichkeit auf dem Gebiete der Freude, leugnen? Allerdings; aber die Frage ist, ob der Juden Lust und Freude auch immer jüdisch zu mennen ist, ob auch dann wir Juden anzutreffen sind, wenn an uns der Ruf ergeht: Wir wollen frohlocken mit Deiner Hilfe, Gott, im Namen unseres Gottes auf echt jüdische, gottinnige Weise, seelenvoll uns um die Freudenfahne scharen; wie schrumpft da die große > jubilierende Menge auf ein Minimum zusammen, wie schwindet der Freudeeifer. Man glaube aber nur nicht, daß es sich bloß in Betreff der Freude so verhalte. Auch mit der jüdischen Pflicht des Ernstes nimmt man es nicht sehr genau. Die „Rolle" fand sich auch und in gehobener Stimmung stieg, man. hinunter. Der „Vorstand" kehrte zum Tarockspiel zurück und Mejlech Melamed, von dem man sich erzählte, daß. eine von ihm geschnitzte Schnupftabakdose in der Residenzstadt Wien ausgestellt wurde, ging daran, für sein Enkelkind einen „Grager" anzufertigen. Daran arbeitete er den ganzen Fasttag hindurch und bereitete sich dann zum Lesen der „Megilla" vor. Die Männer standen um den beleuchteten Tisch herum und: hatten Mühe, das vergilbte Pergament zu spannen. Dieses zog^sich wie eine Spirale zusammen, als wäre es erstaunt und; erbost zugleich, daß man seine Ruhe störe. In der Küche steckten die Frauen ihre Köpfe zusammen, seufzten.tief: und hüllten die schleißig gewordenen Tücher noch enger, um ihre-.herabgekommenen Gestalten. Mejlech Melamed schlug den altbekannten und lieben Ton an. die Rüben scharrten geräuschvoll mit den Füßen, sobald der Name „Haman" gelesen wurde — aher die Stimmung blieb beklemmend wie früher, Auch der „Grager" kennte n>cnt viel holten und ächzte biofit leise uneb traurig, als wäre er heiser geworden. Mejlech gab seinem Enkelkinde stumme Zeichen, er solle nur stärker schütteln — darauf verstummte der Grager ganz. Die Stimme von Mejlech Melamed wurde eintönig und schwach. Es gelang ihm nicht, die zehn Söhne Hamans in einem Atem zu lesen wie es der Brauch erfordert. Im Scheine des. fahlen Lichtes boten sie einen noch jammervolleren Anblick, diese Geflüchteten und Vernichteten, von denen manche die längst geschlossenen, alten Friedhöfe bevölkern, ohne je dier galizische Heimat wieder gesehen zu haben. Die am Leben Gebliebenen schlössen sich später den größeren jüdischen Gemeinden an oder kehrten in ihre inzwischen „befreite" und zerstörte Heimat zurück. Die „Megilla" aber verlangte der Vorstand am nächsten Tag zurück und schloß sie wieder ein. Noch heute mag sie unbenützt am Dachboden des Tempels in K. liegen, vielleicht noch mehr vergilbt und widerspenstiger als wie zuvor. Denen aber, denen sie vor genau dreizehn Jahren Erbauung und Trost bot, wird sie stets in trauter Erinnerung bleiben! Genug weit und groß ist das Feld für echtjüdische ernste Pflichtbetätigung; aber Pflüger, Säer und Schnitter dieses Feldes fehlen in Wirklichkeit, wie sehr man sich auch gerne als Pietäts- und Zedoko-Juden hinstellt, um sich von sonstiger religiöser Gesetzestreue selbst zu dispensieren. Dies hängt aber wieder mit dem Mangel an echtjüdischern Gemütsoptimismus zusammen. Wenn unsere Zeit zu wenig den Ernst kennt, so ist es, weil sie nicht die Freude so recht versteht, und wieder umgekehrt, sie kennt nicht so recht die Freude, weil ihr der wahre Ernst fehlt. Betrachten wir dies eben am Purim. Dem großen Freudentag geht nach altjüdischem Brauch ein Tag der Entsagung, der Kasteiung, der Buße voran, der Eßter-Tanis. Man versucht, einmal am eigenen Körper die Armut, den Hunger kennen zu lernen, um dann um so angeregter zu sein, dem Armen, dem Darbenden beizustehen. Man erprobt sich im Leiden, um dann desto mehr mitzufühlen, wenn es einen unglücklichen Mitbruder oder eine leidende Mitschwester gibt. Heute aber, da es in den meisten jüdischen Kreisen keimen Eßter-Tanis gibt, wie soll es einen echten, rechten jüdischen Purim geben? Doch genug hiervon. Wozu noch weiter und deutlicher auf dieses Gebrechen unserer entnervten, seelenlosen Zeit, die die jüdische Volksseele so stark in Mitleidenschaft gezogen hat. hinweisen? Welcher Jude, der wenigstens einige Grade von Gemütswärme besitzt und das Judentum der Zeit betrachtet, hätte all dies nicht mit Wehmut selbst bemerkt. Und doch darf der Glaube an die warme jüdische Volksseele nicht aufgegeben werden. Es ist kein metaphysisches, nicht zu bahnendes Uebel. Es ist nur eine Umgarnung durch den äußeren Eudämonismus, dem die Zeit im allgemeinen huldigt und der unserem urwüchsigen Gefühls- und Gemütsleben die Schwingen niederhält. Es ist unwahr, daß nur Verstandesraffiniertheit und Sinnesausleben das bezeichnende Wesen des Juden ist. Kein Volk der Erde kann eher das Volk des Gefühls und Gemüts genannt werden als das jüdische, das der Welt die Propheten und später die tiefsinnigsten Mystiker gegeben hat. Macht diesem Volke nur seine Schwingen frei, und es erhebt sich wie der Adler hoch und höher himmelwärts. An den Führern des jüdischen Volkes aber liegt es, ihm die Umgarnung zu lösen, die Flügel freizulegen. Wie dies Werk vollbracht werden könne? Trachtet die alte Art der jüdischen Bräuche wieder einzuführen. Greift bei Freudenanlässen auf die urjüdisch e W e i s e zurück. Wehrt euch gegen die entlehnte unjüdische Art d e r F r -eru d e. Ist es schwer, mit der ernsten Pflichtaneiferung zu beginnen, unser Judentum wieder zurückzuführen in die reiche Innenwelt von ehedem, so läßt es sich eher bei der frohen, frischen, heiteren Gemütsseite beginnen und auf diesem Wege die gesunkene Volksseele zurückheben in den alten Schwung des Frohsinns wie des Ernstes. Ein Beispiel für den Erfolg auf diesem Wege bietet unsere Geschichte, so z. B. das Vorgehen der Pharisäer zur Zeit der Dreiparteiuung im Judentum. Bei allem tiefen Ernst für die streng pflichtgemäße Anpassuno:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.